Feines Näschen - DER SPIEGEL
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Unternehmer Feines Näschen

Eine Hamburger Traditionsfirma mußte Konkurs , ihr Eigentümer hatte sie jahrelang ausgeplündert.
• aus DER SPIEGEL 35/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Geschäft, sagt der Deutsch-Kanadier Karsten Bodo von Wersebe, »muß Spaß machen und was einbringen«.

Nach dieser Devise hat Wersebe, 51, in Hamburg ein sehr gutes Geschäft gemacht. Sein Einstieg beim alteingesessenen Handelshaus Coutinho Caro + Co. brachte ihm eine Menge Geld und »wahnsinnig viel Spaß«.

Weniger erfreut sind die rund 1000 Mitarbeiter der Firma über das knapp vierjährige Gastspiel des Landedelmanns. Während dieser Zeit sind der Coutinho Caro + Co. AG (CCC) 150 Millionen Mark abhanden gekommen; die Holding ging vergangene Woche in Konkurs, die vier selbständigen Tochtergesellschaften sollen in einem Vergleich gerettet werden.

»Das ist ein Riesending, was Wersebe hier abgezogen hat«, merkte Wolfgang-Dietrich Hein, der neue Vorstandsvorsitzende. Anfang August mußte Alleinaktionär Wersebe auf Druck der Banken sein Chefbüro in dem Unternehmen räumen. Dort hängt noch sein Lieblingsbild, es zeigt einen hochsteigenden Heißluft-Ballon.

Kurz nach dem Abgang des Deutschen mit dem kanadischen Paß wurde sein Financier Jürg Heer verhaftet. Der Kredit-Chef der Zürcher Rothschild-Bank hatte 1988 Wersebe die 54 Millionen Dollar geliehen, die der Mann aus Toronto für den Kauf der CCC brauchte. Von dem Darlehen flossen 8,6 Millionen Mark an Kreditgeber Heer zurück.

Während der Zürcher Banker seine Ferrari-Sammlung, Versicherungswert: 28 Millionen Schweizer Franken, erweitern konnte, blutete unter Wersebes Führung CCC aus. Ständig wurden Gelder abgezogen, die in anderen Wersebe-Firmen versickerten.

»Üble Verleumdung«, sagt Wersebe zu Vorwürfen, er habe das Hamburger Traditionsunternehmen nur gekauft, um es auszuplündern. Tatsächlich aber ist Wersebe nicht als Unternehmer aufgefallen. Nur einmal in der Woche war er als CCC-Chef in Hamburg, um sich um die Firma zu kümmern.

Die restlichen Tage sauste er rastlos - immer auf der Suche nach einem »Geschäft, das Spaß bringt« - zwischen Luzern und London, München und Toronto hin und her. »Er ist ein Zocker«, charakterisiert ihn ein kanadischer Geschäftspartner, »der nach dem OPM-Prinzip spielt.« OPM steht für Other People's Money.

Von Wersebe, Betonung auf dem letzten e, war 1967 als 26jähriger nach Kanada ausgewandert. In Toronto lernte der Sohn eines Gutsbesitzers aus dem niedersächsischen Meyenburg das Immobiliengeschäft und managte bald den kanadischen Besitz der Gebrüder Herz, der Eigentümer der Hamburger Kaffeerösterei Tchibo.

1970 gründete er seine erste Firma, die York Hannover. Er hatte rasch begriffen, wie man im Immobiliengeschäft schnell reich werden kann: mit dem Geld fremder Leute.

Wersebe bekam es von Investoren, denen er ordentliche Renditen versprach. Vor allem von wohlhabenden Deutschen kassierte Wersebe Millionen, viele wollten ihr Geld in Kanada vor dem Finanzamt verstecken. Das schützte den Immobilienprofi vor lästigen Klagen, wenn die Renditen nicht so üppig ausfielen, wie er angekündigt hatte. Wersebe, beobachtete ein kanadischer Immobilienhändler, habe »obszön hohe Managementgebühren« eingestrichen.

Der Mann machte überall Eindruck. »Intelligent, unglaublich fleißig und einsatzbereit«, beschreiben ihn Geschäftspartner, »dezent gekleidet und bescheiden, fast scheu.« CCC-Chef Hein bescheinigt ihm »ein feines Näschen«.

In Nordamerika baute er sich ein verschachteltes Immobilienimperium auf. Doch was sein Eigentum ist, was er verpfändet hat oder was seinen privaten Geldgebern gehört - das alles weiß allein Wersebe.

In Deutschland wurde er bekannt, als er sich die Dortmunder Harpener AG einverleiben wollte. Im Sommer 1986 kaufte er mit gepumpten 500 Millionen Mark 51 Prozent der Harpener-Aktien.

Der Verdacht, er wolle das Unternehmen ausnehmen, bestätigte sich schnell. Der Hauptaktionär drängte seinen Vorstand, ihm seine Münchner Immobilienfirma Raulino für 130 Millionen Mark abzukaufen. Die Harpener-Manager fanden den Preis weit überhöht und lehnten, unterstützt von ihrem Aufsichtsrat, ab.

Da geriet Wersebe in die Klemme. Die 500 Millionen hatten ihm Banken nur kurzfristig und zu aberwitzig hohen Zinsen geliehen; 100 Millionen hätte er schon nach sechs Monaten zurückzahlen müssen. Kurz vor Ablauf der Frist fand er einen, der sein Aktienpaket übernahm: den Schweizer Finanzjongleur Werner Rey. Der plünderte das Unternehmen dann gründlich aus.

Zwei Jahre später fand Wersebe doch noch eine feine Firma für seine finanziellen Transaktionen: die CCC. 1984 war das Familienunternehmen an den US-Konzern McDermott für umgerechnet rund 200 Millionen Mark gegangen. Die Amerikaner kamen mit dem alten hanseatischen Unternehmen nicht zurecht und stießen es 1988 ab.

Coutinho Caro + Co. gilt als eines der gediegensten Handelshäuser in der Hansestadt. »Das Unternehmen«, sagt Chef Hein, »hat immer noch einen exzellenten Ruf.« Neben dem traditionellen Handel, vor allem mit Stahl, ist CCC noch in drei weiteren Sparten tätig: Anlagenbau, Schiffahrt und Bau.

Es dauerte kein Jahr, da hatte Alleinaktionär Wersebe den Vorstand komplett ausgewechselt und Coutinho Caro + Co. zum Kauf von drei seiner Firmen gezwungen. Der Preis von insgesamt 18 Millionen Mark war stark überhöht.

Nach und nach griff der Vorstandsvorsitzende in die Firmenkasse. Das war ganz legal, denn er hatte einen Beherrschungsvertrag mit der Mutterfirma, seiner York Hannover Holding Deutschland, abgeschlossen.

Wersebe brauchte ständig Geld, die Immobilienkrise in Nordamerika machte ihm schwer zu schaffen. Die Banken verweigerten ihm beispielsweise Geld für den Bau seines Büro-Komplexes Two Hannover Square in Raleigh/North Carolina, da mußte das Hamburger Unternehmen mit einem 50-Millionen-Mark-Kredit einspringen.

Bei der CCC knirschte es, in Wersebes nordamerikanischem Immobilienkonglomerat krachte es, doch der Adelsmann schmiedete immer größere Pläne.

Im vergangenen Jahr wollte er die Münchner Löwenbräu übernehmen - für 1,3 Milliarden Mark, voll finanziert von Kreditinstituten unter Führung der Zürcher Rothschild-Bank. Der Deal platzte in letzter Minute.

Den CCC-Aufsichtsräten dämmerte erst im April, daß die Firma vor dem Ruin stand. Es war zu spät. Am Freitag vergangener Woche ging Hein zum Konkursrichter.

Die CCC-Mitarbeiter fürchten nun um ihre Arbeitsplätze, nur der Mann aus Toronto macht sich keine Sorgen. »Jemand wie ich«, sagt er, »wird auch in Zukunft sein Geld verdienen.«

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