Feinste Ware - DER SPIEGEL
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KONJUNKTUR Feinste Ware

Die Investitionen ziehen an, Deutschlands Maschinenbauer bringen die Konjunktur in Schwung.
• aus DER SPIEGEL 24/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die einen verweisen auf den starken Dollar, die anderen loben ihre hervorragende Technik: Im deutschen Maschinenbau herrscht Hochkonjunktur, und die Männer in den Chefetagen haben Mühe, sie zu erklären.

Die Stimmung steigt, die Produktion läuft rund, die Bestellbücher sind voll. Die Aufträge reichen für sechseinhalb Monate, bis zum Jahresende sind die Fabriken völlig ausgelastet.

Nach etlichen kargen Jahren melden die Maschinenbauer auf einmal große Zuwachsraten. Bereits im ersten Quartal stiegen die Umsätze um ein Zehntel gegenüber dem Vorjahr, rechnet der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Frankfurt zusammen (siehe Graphik Seite 102).

Zuletzt überstürzten sich die Rekorde im April: Aus dem Ausland kamen 21 Prozent mehr Aufträge herein, bei Bestellungen aus dem Inland gab es ein Plus von 33 Prozent.

Niemand hatte offenbar mit dieser Bestellflut gerechnet. »Angenehm überrascht« sei er, sagt Hans Meinhardt, Vorstandsvorsitzender der Firma Linde. Und die angenehmen Nachrichten schlugen voll durch: Die gestiegenen Investitionen der deutschen Wirtschaft sind nicht zuletzt auf die Entwicklung im Maschinenbau zurückzuführen, der zum Motor eines neuen Aufschwungs geworden ist. Die Wirtschaft wird in diesem Jahr wahrscheinlich um vier Prozent zulegen.

Die Bundesregierung nimmt den Boom, der auch sie überrascht hat, mit Genugtuung zur Kenntnis. Weil die Firmen viel Geld in Investitionen stecken, meint Wirtschaftsminister Helmut Haussmann, könnte der Aufschwung sogar dauerhaft sein.

Er könnte zumindest, da sind auch die meisten Ökonomen sicher, noch eine Weile anhalten. Das Hamburger HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung preist das »günstige Investitionsklima«, das Münchner Ifo-Institut die »starken Auftriebskräfte« im Maschinenbau. Für Experten beim DIW in Berlin läuft die ganze Branche »auf Hochtouren«.

Von dem neuen Schwung »werden fast alle Fachzweige mitgerissen«, bestätigt Herbert Kriegbaum, der Konjunktur-Experte vom VDMA: Druck- und Papiermaschinen, Gummi- und Kunststoffmaschinen, Baumaschinen, Werkzeugmaschinen sowie Maschinen für die Nahrungsmittel- und Verpackungsindustrie.

Der Erfolg entspringt einer Industrie mit einer großen Zahl mittelständischer Firmen. Ihre Waren stehen nur selten im Laden, die 4500 Firmennamen sind kaum bekannt. Die Unternehmen arbeiten überwiegend für den Export. Von dem Gesamtumsatz von rund 180 Milliarden Mark fließen mehr als 100 Milliarden aus dem Ausland herein.

Noch im Frühjahr 1988 gab sich VDMA-Präsident Frank Paetzold pessimistisch. Die Produktion würde keineswegs steigen, sondern ganz im Gegenteil sogar sinken. Der weltweite Crash an den Börsen habe die Investoren verunsichert, vielen Kunden fehlten die Devisen, in Osteuropa wie in Südamerika. Der Rutsch des Dollars unter 1,70 Mark werde die Geschäfte noch schwerer machen.

Auch der Absatz an die heimische Kundschaft, so schien es zunächst, käme nur langsam in Gang. Zwar verdienten die deutschen Unternehmen schon seit Jahren ganz prächtig. Doch statt das Geld in neue Maschinen zu stecken, brachten sie oft ihre Milliarden außer Landes und steckten sie in hochrentierliche Finanzanlagen.

Die Trendwende ist nun nicht mehr zu übersehen. Auch die deutschen Unternehmer kaufen wieder mehr Maschinen. Nach wie vor kommen gleichzeitig weiter die Aufträge von jenseits der Grenzen.

Die Stuttgarter Firma Werner & Pfleiderer soll 20 Anlagen zur Herstellung von Keksen und Crackern in die UdSSR liefern. Die Kälte- und Kühlmaschinenproduzenten von Linde haben sich zwei stattliche Orders aus der DDR und Venezuela gesichert, die Druckmaschinenbauer von MAN Roland gleich eine ganze Serie: Nach einem »Jahrhundert-Auftrag« des australischen Verlegers Rupert Murdoch kamen weitere Bestellungen von »Le Figaro« aus Paris wie vom Verlag »Junge Garde« in Moskau.

Die Firma Linotype aus Eschborn hat inzwischen, wie andere deutsche Maschinenbauer auch, eine »weltweit führende Marktposition« errungen, verkündet ihr Chef Wolfgang Kummer stolz. Das Geschäft mit seinen modernen Photosetzmaschinen laufe deshalb so prächtig, sagt er, weil die Produkte technologisch einfach Spitze seien. Beim Umsatz wie beim Gewinn kalkuliert Kummer mit zweistelligen Zuwachsraten.

Werner Babel, Vorstandsvorsitzender beim Werkzeugmaschinenbauer Maho im Allgäu, begründet den »sagenhaften Aufwärtstrend« seiner Firma ebenfalls mit einem »Technologievorsprung« gegenüber der Konkurrenz. Oft wurde dieser Vorsprung deutscher Firmen durch Konzentration auf bestimmte Produkte erzielt.

So hat sich die Firma Krones in Neutraubling auf Etikettiermaschinen spezialisiert. Und die sind derzeit stark gefragt, weil wegen staatlicher Vorschriften die Etiketten auf Bier- und Schnapsflaschen in der EG und in den USA geändert werden müssen.

Der entscheidende Grund für den neuen Aufschwung des deutschen Maschinenbaus dürfte jedoch in den Zukunftserwartungen zu suchen sein. Viele Unternehmen in Europa, so stellt die Commerzbank in einer Branchenuntersuchung fest, würden »mit Blick auf den näher rückenden EG-Binnenmarkt« ihre Fabriken »auf den neuesten Stand« bringen, weil der Wettbewerb schon bald rauher werde.

Tatsächlich kommen die größten Aufträge von den Partnern der Gemeinschaft, aus Frankreich, England und Italien, neuerdings aus Spanien und aus Portugal. Sie alle fragen, wie auch ihre deutschen Mitbewerber, nach modernsten Anlagen und Maschinen, nach der feinsten Ware auf dem Weltmarkt.

So wurde der Boom letztlich durch die Investitionsschwäche vergangener Jahre ausgelöst. Der technologische Wandel im Maschinenbau sei immer schneller geworden, weiß der VDMA-Experte Kriegbaum. »Der Maschinenpark ist heillos überaltert.«

Jetzt scheint den meisten Unternehmen der rechte Augenblick gekommen, hier Abhilfe zu schaffen. Hohe Gewinne und niedrige Zinsen erleichtern es den Managern, längst Versäumtes nachzuholen.

Das tut vor allem in der Bundesrepublik auch not. In den ausländischen Fabriken stehen vielfach längst die besseren Maschinen - »made in Germany«. #

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