Feriendauer ankreuzen - DER SPIEGEL
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Arbeitszeit Feriendauer ankreuzen

In einer Schweizer Motorenfabrik können die Angestellten selbst bestimmen, wieviel sie arbeiten wollen.
• aus DER SPIEGEL 39/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Fabrikarbeiter Willy Hofer aus dem schweizerischen Bülach ist begeisterter Amateur-Radsportler, Querfeldeinfahrer. Im Winter hat er Hochsaison, da muß er täglich mindestens drei Stunden trainieren. Von Anfang September bis Ende Januar arbeitet Hofer daher weniger, nur 24 Stunden pro Woche.

Ist die Saison vorbei, dann ist er Woche für Woche 41 Stunden in der Fabrik, eine Stunde mehr als im Tarifvertrag festgeschrieben. »Auf diese Weise«, frohlockt der Monteur, »kann ich Beruf und Hobby ideal verbinden.«

Hofers Kollege Martin Studer, ein gelernter Mechaniker, hat vor einigen Monaten eine Fortbildung zum Flugzeugtechniker begonnen. Er arbeitet nur noch von früh um halb sieben bis Viertel nach zwölf.

Nachmittags paukt Studer für die Abendschule. »In meiner früheren Firma«, erzählt der Mechaniker, »wäre so etwas unmöglich gewesen.«

Die neue Beweglichkeit verdanken Studer und Hofer einem wohl einmaligen Arbeitszeitmodell. Seit über zehn Jahren können die rund 500 Angestellten der schweizerischen Motorenfabrik Landert in Bülach bei Zürich selbst bestimmen, wann und wie lange sie arbeiten wollen.

Von 10 bis zu 43 Stunden pro Woche ist alles erlaubt. Allerdings werden jenen Beschäftigten, die weniger als die tarifvertraglich festgelegten 40 Stunden Dienst tun, pro Stunde zweieinhalb Prozent vom Lohn abgezogen.

Wer seinen Urlaub - in der Schweiz maximal 27 Arbeitstage - aufstocken möchte, kann auf das normale Wochenpensum bis zu drei Stunden draufsatteln und sich so drei zusätzliche Ferienwochen dazuverdienen.

»Ich finde es einfach absurd, erwachsenen Menschen ihre Arbeitszeit vorzuschreiben«, meint Heinrich Landert, 60, Firmenchef und Hauptaktionär. Seit Jahren ficht Landert für mehr Selbstbestimmung am Arbeitsplatz. »Unser Unternehmen«, sagt er, »verkauft Leistung und nicht Präsenzzeiten. Daher müssen wir dasselbe von unseren Mitarbeitern verlangen.«

Mit seiner Firma liefert Landert ein Modell für eine Arbeitszeitregelung, die auch in bundesdeutschen Unternehmen praktikabel sein könnte.

Bis zu 86 Prozent aller Männer und rund 54 Prozent aller Frauen, so ergab eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, möchten nur noch zwischen 30 und 36 Stunden im Büro oder im Betrieb verbringen; sie würden es hinnehmen, wenn die Einkommen entsprechend niedriger ausfielen.

Politiker wie Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann oder der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine und Fachleute wie die Berliner Senatorin Heide Pfarr fordern, die individuellen Bedürfnisse der Berufstätigen bei der Arbeitszeit stärker zu berücksichtigen.

Nur so, heißt es im letzten Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung, könnten gleiche Chancen von Mann und Frau im Arbeitsleben verwirklicht werden. Außerdem, so haben Experten errechnet, ließen sich bei flexibleren Arbeitszeiten quasi nebenbei bis zu drei Millionen neue Stellen schaffen.

Doch bislang fruchteten die Appelle wenig. Nur knapp 13 Prozent aller Erwerbstätigen in der Bundesrepublik jobben kürzer, als im Tarifvertrag als Normalarbeitszeit vorgesehen ist. In Skandinavien sind es immerhin doppelt soviel.

Neuartige Arbeitszeitmodelle wie das von BMW in Regensburg verschaffen den Arbeitnehmern zwar mehr freie Tage. Doch auch dort gibt es in der Regel wenig Wahlmöglichkeiten.

Das Einerlei in westdeutschen Werkshallen und Kontoren ist meist von den Tarifpartnern gewünscht. Deren Spitzenverbände zeigen wenig Begeisterung für mehr Wahlfreiheit von Berufstätigen. So fürchten die Gewerkschaften, freie Wahl bei der Arbeitszeit könnte die Solidarität der Werktätigen schwächen und den Einfluß der Funktionäre schmälern. Mancher Manager erwartet chaotische Zustände in den Fabrikhallen, wenn jeder kommt und geht, wann er will.

Daß dies nicht so sein muß, zeigt das Beispiel Landert. »Seit wir 1975 die freie Wahl der Arbeitszeit eingeführt haben«, so der Vorstandschef, »haben wir jedes Jahr schwarze Zahlen geschrieben.«

Für den reibungslosen Produktionsgang sorgt bei den Eidgenossen ein ausgeklügeltes System. Um dem Management die Planung zu erleichtern, füllt jeder Mitarbeiter zu Beginn des Jahres einen Fragebogen aus. Darin kreuzt er die gewünschte Arbeitszeit und die Dauer der Ferien an.

In den einzelnen Abteilungen werden die Pläne der Mitarbeiter aufeinander abgestimmt. Da bei Landert fast nur an Einzelarbeitsplätzen gefertigt wird, lassen sich die Wünsche meist ohne Probleme erfüllen.

Tauchen doch mal Schwierigkeiten auf, etwa weil ein wichtiger Auftrag fristgerecht fertiggestellt werden muß, können die Abteilungsleiter Überstunden anordnen oder einzelnen Mitarbeitern Teilzeitarbeit verwehren. Doch das war bisher nur selten nötig.

Die Beweglichkeit bei den Arbeitszeiten hat nach den Erfahrungen des Managements mit dafür gesorgt, daß die Werktätigen eigenständiger werden. Die Landert-Angestellten sind gewohnt, autonom eine so bedeutsame Frage wie die der Arbeitszeit zu regeln. Sie reagieren auf unvorhergesehene Ereignisse, wie den Ausfall einer Maschine oder stockende Zulieferung, flexibler als früher. Sie sind zudem eher bereit, auf Anliegen der Geschäftsleitung einzugehen.

So stimmte der Betriebsrat zum Beispiel einer zweiten Schicht an Arbeitsplätzen mit teuren, NC-gesteuerten Werkzeugmaschinen zu. »Wären wir unseren Mitarbeitern bei der Arbeitszeit nicht entgegengekommen«, meint Landert, »hätten wir uns mit der zweiten Schicht viel schwerer getan.«

In der Bundesrepublik scheuen die meisten Unternehmen den Aufwand, der bei der Einführung flexibler Arbeitszeitsysteme entsteht. Unternehmen wie das Münchner Modehaus Beck am Rathauseck, wo die Verkäuferinnen zwischen 60, 70, 80 oder 167 Stunden im Monat wählen können, sind immer noch Ausnahmen.

Wie schwer sich die Deutschen tun, von überkommenen Formen der Arbeitsorganisation Abschied zu nehmen, konnte Landert vor einiger Zeit im eigenen Haus erfahren. Nach dem Erfolg seines Modells in der Schweiz wollte der Firmenchef sein Konzept auch in seiner Augsburger Niederlassung einführen.

Doch beim Betriebsleiter stieß der Boß auf Granit. »Der braucht einfach das Gefühl«, meint Landert, »daß seine Leute ständig um ihn sind.« f

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