AUTOMOBILE Fertigmachen
Nach außen, für den flüchtigen Beobachter, scheint die Euro-Auto-Import GmbH eine gänzlich unbedeutende Firma zu sein.
Die Adresse, an der Segeberger Chaussee in der Hamburger Randgemeinde Norderstedt, gilt als drittklassig. Das Unternehmen ist in einer ehemaligen Tankstelle untergebracht. Der Firmenchef sitzt in einem Büro von der Große einer Besenkammer; die Preislisten sind auf billigstes Papier gedruckt: das Telexgerät sieht aus, als käme es vom Sperrmüll.
Doch der äußere Eindruck trügt. Die Hinterhoffirma im Hamburger Vorort wird in der Branche ernst genommen. Offizielle Vertragshändler, die ihre Geschäfte von Euro-Auto-Import gestört sehen, lassen nichts unversucht, den freien Autohändler aus dem Markt zu drängen. »Gegen uns«, so Euro-Import-Geschäftsführer Volker Linde. »wird schon seit Jahren ein Vernichtungsfeldzug geführt.«
Der ehemalige Bankkaufmann Linde, 32, der Euro-Import vor sieben Jahren gegründet hat, verkauft im Jahr rund 1000 Autos und schafft einen Umsatz von 17 Millionen Mark. Damit zählt die Norderstedter Firma nicht nur zu den bedeutendsten freien Auto-Importeuren, sondern auch zu den großen Autohändlern der Bundesrepublik. So setzt Euro-Import an der Segeberger Chaussee mehr Honda-Fahrzeuge ab als etwa Hamburgs größter Honda Vertragshändler, die Firma Petrick.
Die etablierte Konkurrenz ärgert sich vor allem über die Art der Geschäfte, mit denen der Jungunternehmer Linde zu Erfolg kam. Euro-Import bietet Autos, vor allem die Marken Honda und Opel, um einige tausend Mark billiger an als die offiziellen Vertragshändler. Einen Opel Kadett zum Beispiel gibt es in Norderstedt rund 3000 Mark billiger. Ein Honda Civic kostet auch 3000 Mark weniger. Ein Range Rover ist bei Euro-Import gar rund 10000 Mark billiger als beim Vertragshändler
Die Niedrigpreise der Norderstedter Firma sind das Ergebnis einer besonderen Geschäftspolitik. Euro-Auto-Import kauft die Autos da ein, wo sie am billigsten zu kriegen sind - im Ausland. Geschäftsführer Linde macht sich dabei die je nach Wettbewerbslage und Steuersystem unterschiedliche Preisgestaltung der Hersteller innerhalb der Europäischen Gemeinschaft zunutze.
So bieten die Automobilhersteller ihre Produkte in Ländern wie Dänemark oder Belgien meist deutlich billiger an als in der Bundesrepublik. Grund: Diese Länder erheben hohe Luxussteuern auf Autos. Soll der Autokauf nicht für viele Bürger unerschwinglich werden, müssen die Hersteller ihre Preise scharf kalkulieren und die Auto-Händler sich mit niedrigeren Handelsspannen begnügen als ihre deutschen Kollegen. Während diese mit 18 Prozent vom Herstellerabgabepreis rechnen können, kommen Dänemarks Autohändler im Schnitt mit etwa elf Prozent aus.
Linde kann sich ein Weiteres zunutze machen: Viele Bundesbürger sind offenbar bereit, für deutsche Marken einen gewissen Preisaufschlag in Kauf zu nehmen. So läßt sich etwa ein Opel Corsa für 13000 Mark in Deutschland gut absetzen.
Die Belgier oder Dänen dagegen, die keine nationalen Automobilmarken haben, orientieren sich viel stärker am Preis als an der Herkunft. Um gegen japanische Kleinwagen oder den Peugeot 205 aus Frankreich bestehen zu können, muß ein Corsa deshalb in Belgien etwa 30 Prozent billiger sein als in der Bundesrepublik.
Nicht nur beim Einkauf, auch beim Verkauf geht Linde andere Wege als die Vertragshändler. »Wir verkaufen«, so Volker Linde, »keine Hochglanzprospekte und repräsentative Ausstellungshallen, sondern Autos.« Auch er wolle naturlich »soviel wie möglich verdienen«, aber »nicht am einzelnen Auto«. Linde: »Bei uns ist es wie bei Aldi. Die Masse bringt's.«
Die etablierten Vertragshändler verfolgten Lindes Geschäfte von Anfang an mit Mißvergnügen und ließen keine Gelegenheit aus, den Außenseiter aus Norderstedt zu schwächen. So überfluteten sie die Firma mit einer Reihe von einstweiligen Verfügungen, Abmahnungen und Klagen. Doch Linde ließ sich von dem Nervenkrieg nicht kleinkriegen und hielt - meist erfolgreich - dagegen.
Die Argumente der Konkurrenten waren wenig schlüssig. So setzte Linde sich zuletzt gegen eine Klage des Opelhändler-Verbands durch. Der hatte unter anderem moniert, daß Linde in den Geschäftsbedingungen seiner Firma die Haftung für gewisse Schäden eingeschränkt habe. Mit Urteil vom 24. Januar dieses Jahres wies das Landgericht Hamburg die Klage zurück. Die Richter tadelten den Opelhändler-Verband, er bewege sich mit seiner Klage »am Rande des Rechtsmißbrauchs«; die Opel-Händler schränkten ihre Haftung selbst noch stärker ein als Linde.
Einmal wäre es fast schon zum Aus gekommen. In der Nacht vom 17. auf den 18. August 1983 überschütteten unbekannte Täter 53 auf dem Firmenhof abgestellte Fahrzeuge mit einer ätzenden Säure. Schaden: über eine Viertel Million Mark. Wäre Linde nicht gegen Vandalismus versichert gewesen, hätte er Konkurs müssen.
Der Geschäftsführer besteht darauf, daß irgendwelche Konkurrenten hinter dem Säureanschlag steckten. »Das waren
Profis«, so Linde, »da wollte uns irgend jemand fertigmachen. Er machte weiter. Als einige Honda-Vertreter im Raum Hamburg begannen, Linde-Kunden wochenlang auf einen Werkstatt-Termin warten zu lassen, baute Linde Anfang vergangenen Jahres eine eigene Reparaturwerkstatt.
Dort bekam Euro-Auto-Import schon bald erneut ungebetenen Besuch. Unbekannte Täter stiegen vergangenen Oktober in die Werkstatt ein, kippten Regale um, verbeulten zwei Autos und steckten ein drittes an. Auch das gehe auf das Konto der Konkurrenz. so Linde. »Das waren keine normalen Einbrecher«, so der Auto-Importeur. »die wollten nur zerstören.«
Inzwischen hat der Nervenkrieg eine neue Stufe erreicht. Hamburgs und Deutschlands größter Opel-Händler, die Firma Dello, hat im September Klage eingereicht. Dello will es der Norderstedter Firma gerichtlich verbieten lassen, Opel-Modelle von ausländischen Vertragshändlern zu beziehen. Streitwert: Eine Viertelmillion Mark.
Zum Jahresbeginn erlitt Euro-Auto-Import einen weiteren Rückschlag. Der Norderstedter Firma gelang es nicht, auf die Verbrauchermesse Autovision in Hamburg zu kommen. Der Veranstalter, die KPS Messe- und Ausstellungs-GmbH in Bremen, schweigt sich über die Gründe für die Nicht-Zulassung aus. Linde: »Auf die ist von anderen Ausstellern Druck ausgeübt worden.«
Auch die Serie von Anschlägen auf die Firmenzentrale in Norderstedt geht weiter: Mitte Februar hatte ein Mitarbeiter von Euro-Auto-Import mit einem Firmenwagen beinahe einen schweren Unfall: Unbekannte Täter hatten in der Nacht an sämtlichen vier Rädern des Autos die Muttern gelockert. Linde: »Jetzt wird es richtig ernst.«