Fette Beute - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 58

Fette Beute

• aus DER SPIEGEL 31/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburgs Schauerleute hatten ein schlechtes Gewissen. Die isländischen Fischdampfer waren ausgeblieben. Und gerade die Isländer hatten den deutschen Hafenmännern immer gut bezahlte Arbeit und großzügige Deputate geboten und ihnen laufend Schuhe, Röcke und ganze Anzüge geschenkt. Zum Dank dafür wurden sie von einigen Schauerleuten schauerlich bestohlen. Da blieben sie lieber weg. Der neue D-Mark-Magnet zieht jetzt nach Wochen auch die Isländer wieder an die deutsche Küste.

Im ersten Halbjahr 1948 wurden in Hamburg, Cuxhaven und Bremerhaven rund 264000 Tonnen Seefisch (meist Heringe) umgeschlagen. Das sind 75 Prozent mehr als in den ersten sechs Monaten 1947. Nur 96700 Tonnen davon brachten deutsche Fischereifahrzeuge ein. Neu-Deutschlands Fischflotte leckt noch.

Von den 200000 Tonnen Tragfähigkeit, die den deutschen Hochseefischern alliiert zugestanden waren, sind nur 160000 Tonnen im Dienst. Von den 34 genehmigten Schiffsneubauten liegen 10 auf Stapel. Acht davon werden dort noch bis zum Winter liegen müssen. Die Reeder haben kein Geld. Außerdem sind sie der Meinung, daß der Baupreis von 1250000 Mark in neuem Geld zu teuer sei.

»Eine Million D-Mark pro Schiff«, war das letzte Wort der Schiffsbauer. Und selbst dann müßten nach ihrer Rechnung die Fischpreise später um 25 Prozent erhöht werden, wenn die Baukosten wieder hereingebracht werden sollen. Während die Nordseefischer bei der Frankfurter Verwaltung nach neuen Baukrediten anstehen, setzen die halbfertigen Schiffsgerippe auf den Werften den ersten Rost an. Die meisten Bauaufträge wurden wieder zurückgezogen.

In mehreren Eingaben beschworen die geplagten Reeder den Geist Gorch Focks vor die alliierte Militärseele, um die letzte Reserve für die deutsche Hochseefischerei zu mobilisieren. Der Hochseefischer-Verband schlug vor, alle erreichbaren gesunkenen deutschen Schiffe bis zu 1500 Tonnen heben zu lassen zwecks Reparatur.

Mil. Gov. sagte dazu nach einigem Zögern nein. Die deutschen und britischen völkerrechtlichen Auffassungen über die Verwendung der versenkten Schiffe decken sich noch nicht ganz. Die Briten betrachten alle im deutschen Küstengebiet gesunkenen Fahrzeuge als ihr Beutegut aus jenen Tagen. Und die englische Eisenindustrie will nicht auf künftige Schrottreserven verzichten. Auch wenn sie jetzt noch unter Wasser liegen.

DEUTSCHE HOCHSEEFISCHEREI 1938 + 1947DIE FISCHDAMPFERFLOTTE
FISCHUMSATZ
ANTEIL DER HERINGEZAHLEN intIMPORTEBESTANDVERLUSTE SEIT
1938194719381947194719471938
CUXHAVEN22 %77 %146,098,026,5t4749
HAMBURGALTONA68 %80 %229,8141,483,8t4125
BREMERHAVEN17 %50 %290,8101,415,1t39?135?
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 58