EXPORTE Fette Monate
So lautstark wie gegenwärtig demonstrierten Deutschlands Industrielle bisher nur selten Selbstbewußtsein. Ungebrochen sei ihre Kraft, so rühmen sie sich unablässig, im internationalen Wettbewerb mitzumischen.
In der Technik stünden die Deutschen »an vorderster Front«, lobt Siemens-Chef Karlheinz Kaske. Bernhard Kapp, Vorsitzender des Verbands der Werkzeugmaschinen-Hersteller, ist nicht bange vor den Japanern: »Von Rückstand«, sagt er, »kann keine Rede sein.« Für BMW-Boß Eberhard von Kuenheim sind die Standortbedingungen für Fabriken in der Bundesrepublik unter allen Nationen eindeutig »die besten«.
Kein schöner Land in dieser Welt - auf einmal.
Was auch immer die Gründe sein mögen für den vergnügten Sinneswandel, sicher ist: Die deutschen Unternehmen machen zur Zeit wieder lohnende Geschäfte - vor allem außer Landes.
Während der Absatz in der Heimat nur zögerlich anläuft, floriert der Export. Fast über Nacht haben die Außenhändler mächtig zugelegt. Im ersten Quartal stiegen die Ausfuhren im Vergleich zum Vorjahr um knapp 14 Prozent. In der Bilanz blieb ein Überschuß von gut elf Milliarden Mark (siehe Graphik).
Wie weggeblasen scheinen die alten Klagen der Unternehmer über die Wettbewerbsschwäche der angeblich mit überhöhten Lohnkosten belasteten deutschen Industrie. Die schönen Zahlen lassen die Nörgeleien der Verbandslobbyisten vergessen, die faulen Deutschen könnten gegen eine übermächtige Konkurrenz auf dem Weltmarkt endgültig unterliegen.
Im Moment sieht es, wieder mal, eher nach dem Gegenteil aus. Wie schon nach den Flautejahren 1967 und 1975 erlebt die deutsche Wirtschaft abermals einen Aufschwung durch den Außenhandel. Bei den Bestelleingängen aus dem Ausland werden seit einigen Monaten zweistellige Zuwächse verbucht.
Wissenschaftler vom Münchner Ifo-Institut bestätigen die »stärkere Dynamik im Export«. Das Berliner DIW-Institut sieht »vermehrte Ausfuhren« voraus, und die Ökonomen der Frankfurter Commerzbank sagen dem deutschen Export »fette Monate« voraus. Nach dem Frühjahrsgutachten der fünf Forschungsinstitute sollen die Exporte 1984 real, also nach Abzug der Preissteigerungen, um »nahezu zehn Prozent« anwachsen.
Erstaunlich ist es gleichwohl, daß die Deutschen ausgerechnet jetzt Triumphe auf dem Weltmarkt feiern. Jörg Beyfuß, Export-Experte beim Kölner Institut der deutschen Wirtschaft, zählt etliche Handelshemmnisse auf, die eigentlich dagegen sprechen: *___Wichtige Industrieländer stünden noch »im ____Konjunkturschatten«, darunter auch Frankreich, der ____bisher beste Kunde deutscher Unternehmen. *___Manche Entwicklungsländer seien durch eine dauerhafte ____"Überschuldungskrise« gezwungen, ihre Importe zu ____drosseln. *___Bei vielen Staatshandelsländern des Ostens würde der ____"Devisenmangel« weitere Käufe behindern. *___In den meisten OPEC-Staaten sei durch die gesunkenen ____Ölpreise und geringere Ölverkäufe die »Liquiditätslage« ____beengt, folglich auch die Kauflust gedämpft.
Das ist alles richtig. Wenn die Deutschen dennoch gute Auslandsgeschäfte machen, so liegt das daran, daß der Handel jetzt ganz anders fließt als etwa im letzten Exportboom von 1981.
Damals wurden die deutschen Fabrikanten mit Großaufträgen überschüttet; damals bestellten die kreditverwöhnten Ostblock-Staaten riesige Chemiekombinate und lange Gaspipelines; damals auch orderten die neureichen Opec-Länder komplette Stahlwerke, Zementfabriken und Wohnsilos in der Bundesrepublik, obendrein manchmal 500 oder 1500 Lastkraftwagen auf einen Schlag.
Inzwischen haben die Unternehmer sich neue Kunden gesucht: Auf ihren traditionellen Absatzmärkten in Belgien, Dänemark und Italien, in der Schweiz, in Schweden oder Österreich, aber auch in Südafrika, Australien und Nordamerika. In allen diesen Staaten notieren die deutschen Firmen überdurchschnittliche Zuwachsraten.
»Ausschlaggebend« für den Aufschwung bei der Ausfuhr, so die Deutsche Bundesbank, sei die »konjunkturelle Erholung in den westlichen Industriestaaten«.
Richtig daran ist, daß in Japan und Amerika mittlerweile mehr gekauft wird. Warum aber nahezu alle Industrieländer zugleich just die Waren »Made in Germany« so stark nachfragen, ist nur beiläufig herauszulesen: Weil sich »die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportindustrie gebessert hat«, mutmaßen die staatlichen Geldverwalter, würde wieder mehr im Ausland abgesetzt.
Das soll heißen: Wenn ausländische Kunden heutzutage Dollar, Yen oder
Schwedenkronen eintauschen, dann erhalten sie nun mehr Mark dafür als noch vor einem Jahr. Entsprechend preisgünstiger sind deutsche Waren zu haben.
Auch in der Europäischen Gemeinschaft, wo das Währungssystem für ziemlich feste Wechselkurse sorgt, ergatterten die Firmen aus der Bundesrepublik Vorteile im Wettbewerb. Bei deutlich stärker steigenden Preisen in den Nachbarländern werden die deutschen Produkte vergleichsweise billiger.
So drängen nicht nur die großen Autokonzerne oder Chemie-Multis mit Macht über die Grenzen. Der Computerbauer Nixdorf macht bereits 51 Prozent seines Umsatzes mit der Ausfuhr. Der Kunststoffproduzent Freudenberg aus Weinheim steigerte den Auslandsanteil auf 58, die Nähmaschinenfirma Pfaff auf 67, die Edelmetallschmelze Degussa auf 69 und der Motorsägenhersteller Stihl sogar auf 84 Prozent.
Besonders rentierlich ist das Auslandsgeschäft im Handel mit Nordamerika. Weil der Dollar stark bewertet ist, kletterte die Ausfuhr in die USA schon 1983 auf knapp 33 Milliarden Mark; das waren 17 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Zuletzt im Februar wurde ein Plus von 87 Prozent registriert. Hält der Trend an, dann werden die Amerikaner noch in diesem Jahr zum größten Abnehmer deutscher Waren.
In New York ist inzwischen alles aus deutschen Landen zu haben: deutscher Wein und deutscher Käse, Beck's Bier und Bogner-Dreß, Schampus von Fürst Metternich und Sprudel Marke Peterstaler, Knorr-Suppen und Porsche-Flitzer.
Ungewöhnlich stark gefragt in den USA, selbst in den wärmeren Zonen des Landes, sind derzeit Rauchwaren aus der Bundesrepublik. Die Kürschner haben aus der sich anbahnenden Knappheit sogleich die Konsequenzen auch für ihre heimische Kundschaft gezogen - und schon mal Preisaufschläge »bis zu 30 Prozent« angekündigt.
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KONJUNKTUR-LOKOMOTIVE EXPORT Ausfuhren der Bundesrepublik; Veränderungen jeweils gegenüber dem Vorjahr in Prozent plus minus Quartale: I. II. III. IV. I.
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