Fiats Opel-Überraschung Autoexperten warnen vor Verlierer-Fusion
Hamburg - Wer war nicht schon alles als Opel-Retter im Gespräch: Daimler, BMW, der Staat. Doch keiner wollte das Risiko eingehen, Opel aus dem pleitegeweihten Konzernverbund von General Motors (GM) herauszukaufen und aufzupäppeln.
An diesem Donnerstag bestätigten Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz und Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) SPIEGEL-Informationen, dass Fiat gerade eine Übernahme von Opel verhandelt.
Opel Corsa, Fiat 500: "Das passt nicht zusammen"
Foto: OBS; Getty ImagesFiat-Chef Sergio Marchionne feilt bereits mit GM-Boss Fritz Henderson an einem möglichen Deal und ist laut manager magazin auch schon bei Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vorstellig geworden, der zu Staatshilfen für Opel bereit sein dürfte, wenn sich ein privater Investor findet. Bereits am kommenden Dienstag soll eine entsprechende Absichtserklärung unterschrieben werden.
Bei Beobachtern löst die Nachricht über die Gespräche Stirnrunzeln aus. Zwar ist bekannt, dass Marchionne alles tut, um seinen Konzern auf die kritische Größe von mindestens fünf Millionen verkauften Autos pro Jahr aufzublasen. Dazu hat er auch schon eine Absichtserklärung für einen Einstieg bei dem maladen US-Autobauer Chrysler unterzeichnet.
Die Allianz von Fiat und Opel erscheine aber "strategisch seltsam", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Helmut Becker vom Münchner Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation kommentiert den Plan nur mit "Oh je!"
Die möglichen Partner sind sich allzu ähnlich, befinden die Experten: beide vergleichsweise klein, beide spezialisiert auf kompakte und kostengünstige Autos, beide mit starkem Geschäftsschwerpunkt in Europa, beide bereits jetzt mit Überkapazitäten. Eine Zusammenarbeit würde die Probleme nicht ausgleichen, sondern verdoppeln, und die scharfe Konkurrenzsituation zwischen den Herstellern in den neuen Großkonzern verlagern.
Fiat bietet Opel alles andere als rosige Perspektiven, weil das Unternehmen selbst schwach ist. Zwar ist der Konzern (weitere Marken: Alfa Romeo, Lancia und Ferrari) auf dem Weg aus seiner eigenen Krise gut vorangekommen. "Die haben gezeigt, dass sie eine Krise meistern können", sagt der Bochumer Opel-Betriebsrat Rainer Einenkel. Er findet, dass man auch das Fiat-Angebot ernsthaft prüfen sollte.
Dass Fiat noch nicht dauerhaft stabil ist, zeigen auch die neuen Quartalszahlen: Die Italiener sind im ersten Quartal in die roten Zahlen gerutscht. Der Fehlbetrag erreichte 410 Millionen Euro, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte. Ein Jahr zuvor hatte es noch 405 Millionen Euro Gewinn gegeben. Der Umsatz schrumpfte stark von knapp 15,1 auf 11,27 Milliarden Euro.
Gesamtbetriebsratschef Franz glaubt, dass es Marchionne vor allem um die versprochenen Staatshilfen gehe. General Motors hatte schon signalisiert, dass unter bestimmten Voraussetzungen ein Opel-Einstieg zum Nulltarif zu haben wäre.
Nach Franz hat sich auch die IG Metall gegen einen Verkauf des Rüsselsheimer Autobauers an die Italiener ausgesprochen. "Die IG Metall befürchtet Arbeitsplatzabbau und Werkschließung bei einem möglichen Einstieg des Fiat-Konzerns bei Opel", hieß es in einer Mitteilung von Donnerstag. Die von Fiat in Aussicht gestellten Investitionen seien geringer als jene Beiträge, die Arbeitnehmer und Händler in den Autobauer einbringen wollen.
Die Händler wollen 400 bis 500 Millionen Euro in Opel pumpen, die Arbeitnehmer könnten ebenso einen dreistelligen Millionenbetrag beisteuern. Die Gewerkschaft will sich bei einem Einstieg von Fiat gegen die geplanten Einsparungen bei der Belegschaft sperren. "Einen Investor, der nicht auf Zukunft, sondern Kahlschlag bei Opel baut, würden die Opel-Beschäftigten nicht akzeptieren", hieß es. Es sei mit Protesten der Belegschaften zu rechnen.
Bedrohliches Szenario für die Mitarbeiter
Für die Mitarbeiter wäre das Szenario bedrohlich. Stratege Becker erklärt: "Weil sich ihre Modellpaletten so stark ähneln, ließen sich große Einspareffekte nur dann erzielen, wenn man massenweise Fabriken schließt. Das wäre wahrscheinlich das Ende von Opel."
Sein Kollege Dudenhöffer kann sich außer den Staatshilfen noch einen weiteren Grund für das seltsame Ansinnen der Italiener vorstellen: "Für mich sieht das wie Poker aus", sagt er. Bei der Chrysler-Übernahme kalkuliert Fiat mit großen Zugeständnissen der amerikanischen Gewerkschaften, damit sich das Geschäft überhaupt lohnt. Bisher ist ihm die einflussreiche UAW aber noch nicht so weit entgegengekommen, wie er sich das wünscht.
Mit Opel als Alternative könnte Marchionne Druck ausüben. Dann wäre die Offerte an Rüsselsheim allerdings gar nicht ernst gemeint.
Schlimm wäre das nicht, so Dudenhöffer, denn: "Opel und Fiat, das passt nicht zusammen."