Filmpiraterie Angriff auf die Matrix
Hamburg - Verdächtiges zu beobachten und ungebetene Besucher fernzuhalten gehörte zu den Standardaufgaben von Adrian H. (Name geändert) beim Sicherheitsdienst des Ford-Werks in Köln. Doch die unbekannten Männer, die an einem Freitagnachmittag Anfang Mai das Werksgelände betraten, bemerkte er erst, als es schon zu spät war - und an seinen Händen die Handschellen klickten. Die Ford-Kollegen reagierten bestürzt: Mit H. verloren sie nicht nur einen Mitarbeiter, sondern auch ihre Lieferquelle für eine überaus beliebte Freizeitbeschäftigung: Der Mann von der Security hatte jahrelang fast das ganze Werk mit heißer Ware versorgt - Spielfilme, die gerade erst in den Kinos anliefen oder gar erst Monate später starteten.
"Wie ein Krebsgeschwür" nisteten sich Wirtschaftskriminelle wie Adrian H. in den Wachstumsmärkten der Filmwirtschaft ein, sagt Jochen Tielke, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU). Je begehrter das Produkt beim Endverbraucher, desto gefährdeter seien die Umsätze der legalen Anbieter. Die Musikindustrie bekommt dies seit Ende der neunziger Jahre zu spüren. Das CD-Brennen bescherte den Plattenfirmen in den vergangenen drei Jahren jeweils Umsatzrückgänge im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich und immense Arbeitsplatzverluste. Droht der deutschen Filmindustrie nun das gleiche Schicksal?
Die Fahnder der GVU schlagen in letzter Zeit häufiger zu - ein Indiz dafür, dass der Wachstumsmarkt Filmpiraterie floriert. Täglich gibt es in Deutschland etwa sechs Durchsuchungen von möglichen Raubkopierer-Wohnungen und -Werkstätten. Demnächst könnten es noch ein paar mehr werden, denn die Filmwirtschaft hat vor sechs Jahren ein neues Baby bekommen, das sich nun im gereiften Alter als Segen und Fluch zugleich entpuppt: die DVD.
Die Silberscheibe hat die einst darbende Videoindustrie gerettet - doch weil sie mit den immer günstigeren Brennern in wenigen Minuten vervielfältigt werden kann, gehen der Industrie gleichzeitig Millionen Euro durch Piraterie verloren. 450 gebrannte DVDs und CD-Roms fanden die GVU-Ermittler in der Wohnung des Ford-Werksschützers - darunter sämtliche in den vergangenen Monaten gestarteten Kinofilme sowie ein paar Premieren: Actionstreifen und Komödien, deren Kinostart noch in der Zukunft lag. Acht Euro nahm der Sicherheitsmann pro Titel, im Handel liegt der Durchschnittspreis bei 20 Euro. Wie viele Abnehmer H. hatte, ist nicht bekannt, doch die Anzahl dürfte erheblich gewesen sein - ebenso wie die Gewinnmarge. "Höher als bei Drogen" schätzt GVU-Sprecherin Diane Groß sie ein.
Das Geschäftsgebaren des DVD-Dealers H. funktionierte nach einem einfachen Prinzip. Er beschaffte sich einen direkten Zugang zu einem FTP-Server an der University of Technology in Sydney, auf dem massenhaft Filme gespeichert waren. Dann konnte er Master-CDs anfertigen und an einen Freund weitergeben, der die Filme dann massenhaft vervielfältigte. Adrian H.'s Job als Werksschützer diente dazu, mit der Zugangsberechtigung in alle Bereiche die bestmöglichen Vertriebsmöglichkeiten zu eröffnen. Genau deshalb hatte sich H. für die Stelle beworben.
Zusammen mit den Umsätzen aus dem Geschäft mit VHS-Kassetten erzielte die Videoindustrie 2002 in Deutschland gut 713 Millionen Euro und hat damit mehr Geld als die Filmwirtschaft an den Kinokassen verdient - wie in den USA: Laut dem Branchenblatt "Variety" wurden dort mit ca. 20 Milliarden Dollar aus dem Home Entertainment Segement mehr als doppelt so viel wie mit Kinovorstellungen (9 Milliarden Dollar) erlöst. Der Umsatz könnte laut Expertenschätzungen um ein Drittel höher sein - wenn nicht der illegale Parallelmarkt existieren würde.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie Filmindustrie in Zukunft die Raubkopierer bekämpfen will
Bereits jetzt verfügt jeder zwölfte Bundesbürger über gebrannte Filmkopien, berichtet eine im April vorgestellte Studie der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die Umsatzverluste durch Filmdownloads aus dem Netz und illegalen Verkauf von Raubkopien liegen laut GVU-Sprecherin Diane Groß bei fünfzehn Prozent. Und immer häufiger wird die übliche Auswertungskette Kino - DVD/VHS - Fernsehen schon vor dem offiziellen Kinostart durchbrochen. So stand die Komödie "Erkan und Stefan 2" schon Wochen vor dem Kinostart im Internet, weil ein eifriger Zuschauer bei einer Pressevorführung im Kinosaal seine Videokamera mitlaufen ließ. Innerhalb der potenziellen Zielgruppe der männlichen Jugendlichen kursierten daraufhin bald SMS der Sorte "Scheiß Film, kannste vergessen", das Einspielergebnis war mäßig.
Wochen vor dem Kinostart von "Matrix Reloaded" habe er im Internet eine täuschend echt aufgemachte DVD-Box des Films ersteigern können, berichtet Joachim Birr, Geschäftsführer des "Bundesverbands Audiovisuelle Medien" (BVV): "Super-Qualität, perfekter Ton." Der Hamburger sitzt in seinem Büro unter dem Bild "Invitation" des italienischen Künstlers Renato Casaro, das in Form des biblischen Abendmahls eine illustre Gesellschaft zu Tische zeigt: Marilyn Monroe umgeben von James Dean, Humphrey Bogart, Charlie Chaplin. Die Filmgrößen gucken allesamt ziemlich traurig. Birr grinst. Im Kampf gegen die Piraterie hat seine Branche gerade einen Etappensieg errungen.
In den nächsten Wochen wird nach erbitterten Diskussionen das neue Urheberrecht in Kraft treten, nach dem Kopierschutzsysteme von Audio-CDs und DVDs nicht mehr umgangen werden dürfen. Das Kopieren von "offensichtlich illegalen Quellen" steht unter Strafe, und so genannte "Ripper"-Systeme, mit denen der User kopiergeschützte Medien vervielfältigen kann und die den Copyright-Schutz überlisten, dürfen nicht mehr angeboten und auch nicht genutzt werden. 90 Prozent aller Kinohits auf DVD haben mittlerweile einen Kopierschutz - diesen zu knacken, war in Deutschland bisher rechtens. Im Internet galt das Motto: "Alles was Netz ist, ist legal." Birr: "Da war das Unrechtsbewusstsein zu Recht nicht da!"
Nach Ansicht der GVU stellt jedoch nicht der Schüler am heimischen Kinderzimmer-PC, sondern vielmehr die Organisierte Kriminalität die eigentliche Gefahr dar - der gewerbsmäßige illegale DVD-Schmuggel im großen Stil. Massenhaft gebrannt in Fernost und dann verschifft nach Europa überfluten die billigen Scheiben den deutschen Markt. Eine richtige "Parallelwirtschaft" zur legalen Industrie sei da entstanden, sagt Birr. Die "Matrix" der Video- und Filmindustrie.
Doch auf diese bläst die Industrie nun zum Angriff: Zusammen mit den Fahndern der GVU will der BVV nun härter gegen die professionellen Raubkopie-Produzenten vorgehen. Gegen selbst ernannte Großproduzenten wie den 47-jährigen Hannoveraner, bei dem die Polizei Mitte Juni nicht weniger als 100.000 aus Asien gelieferte illegale Film-DVDs fand, werde man "Musterprozesse" mit empfindlichen Schadenersatzforderungen führen. Der gemeine Kazaa-User, der sich die Filme aus dem Netz saugt, soll zunächst nur einen Warnhinweis auf den Bildschirm bekommen. Auch die undichten Stellen in Kopierwerken und Synchronisationsstudios wollen die Fahnder eliminieren, unter Mitarbeitern von Kinocentern werden schon jetzt Kopfprämien auf Gäste ausgelobt, die mit laufender Kamera im Sessel sitzen.
Ist die Raubkopiererkriminalität überhaupt wirksam zu bekämpfen? Jeden würden sie natürlich nicht kriegen, gibt GVU-Sprecherin Diane Gross zu, eher noch würden die Fahnder - meist ehemalige Kriminalbeamte - der Szene "Sand ins Getriebe" streuen. Auch die Fachzeitschrift "Filmecho" zweifelt, ob Strafen allein ausreichen: Neben der Abschreckung müsse auch die Attraktivität legaler Medien erhöht werden.
In den USA schicken sich momentan fünf der großen Filmstudios dazu an, das zu schaffen, was die Musikindustrie nach Jahren noch immer nicht fertig gebracht hat: Ein gemeinsames Filmportal im Internet, das als legale Download-Alternative zu den langsamen und instabilen Peer-2-Peer-Tauschbörsen einen Teil der verlorenen Umsätze wieder hereinholen soll. Ein Spielfilm-Download könnte dann etwa genauso viel kosten wie ein Kinobesuch.
Dann würde der Charme des Legalen überwiegen, hofft die Filmindustrie. Bis dahin muss sie allerdings noch reichlich Löcher stopfen - beginnen können sie damit im exklusivsten Filmgremium der Welt: Zu Jahresbeginn tauchte im Internet ein Blockbuster auf, in dem alle fünf Minuten der Satz "Nur zur Ihrer Verwendung" in Englisch aufblinkte. Es war eine streng geheime Vorabversion, die ein Jury-Mitglied der Oscar-Verleihung kurz zuvor erhalten hatte.