Finanz-Skandale: Freddie und der Furcht-Reflex - DER SPIEGEL
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Finanz-Skandale Freddie und der Furcht-Reflex

Freddie Mac, eine der einflussreichsten Finanzfirmen der USA, produziert einen Skandal nach dem anderen – in nur drei Monaten wurden zwei Chefs und zwei weitere Vorstände geschasst. Schon entwerfen Freddies Kritiker wieder Horror-Szenarien vom möglichen Konjunktur-Crash.
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Washington - Der Anzug fahlgrau, die Brille nicht wirklich schick, die Frisur lieblos gekappt: Schon auf den ersten Blick sieht Gregory J. Parseghian aus wie einer, dem der Beruf und die Welt der Zahlen immer mehr bedeuteten als profanere Genüsse. Eine Arbeitsmaschine, eine ernste Natur. Einer, der immer viel auf seinen Intellekt hielt - und den mancher Kollege für genial erklärte.

Seine geschäftige Art hat diesen Mann auf einen Karrierepfad katapultiert, der anderen Ehrfurcht, gar Angst einjagen konnte. MBA-Examen mit 21, dann rasch Führungsjobs in Wall-Street-Häusern wie Salomon. Mit Mitte 30 folgt der erste Vorstandsposten. Nur eine Elite versteht so viel von komplexen Derivate-Geschäften wie er. Im Juni 2003 der Gipfelpunkt: Mit 42 Jahren wird Parseghian Chef des viertgrößten Finanzkonzerns der USA.

Wie "Steady Freddie" ins Schlingern geriet

Hier aber bricht die Erfolgsbiographie. Parseghian hielt sich nicht einmal drei Monate an der Spitze des Hypothekenfinanzierers Freddie Mac - demütigend kurz. Am Freitag vergangener Woche hat die zuständige Regulierungsbehörde den Aufsichtsrat gezwungen, das Finanz-Wunderkind fallen zu lassen. Ein Nachfolger wird noch gesucht.

Greg Parseghians Entlassung ist nur das jüngste Nachbeben des bisher größten Finanzskandals, den Amerika 2003 erlebt hat. Seit dem Frühjahr schon ergießt sich ein steter Strom von Negativnachrichten aus der Freddie-Firmenzentrale in McLean bei Washington. Bis zu 4,5 Milliarden Dollar soll die Gesellschaft falsch verbucht haben. Parseghian, seit sieben Jahren im Top-Management, habe von den Tricks gewusst, befand im Juli sogar ein Untersuchungsbericht, den Freddie selbst in Auftrag gab.

Bilanz-Trickserei paradox

Dazu kommen noch der Verdacht auf Insider-Verkäufe von Aktien und ein 20-Millionen-Abschiedsgeschenk für Parseghians Vorgänger Leland Brendsel. So schaffte es die Firma, die offiziell Federal Home Loan Mortgage Corp. heißt und lange im Verborgenen operierte, immer wieder an die Top-Position der Finanznachrichten. Staatsanwälte und die Börsenaufsicht SEC ermitteln. Der Aktienkurs gab seit Juni, als Brendsel und zwei Vorstände flogen, um rund 15 Prozent nach.

Dabei steht Freddie Mac für einen eher kuriosen Fall von Bilanztrickserei: Dem 4000-Personen-Konzern wird mitnichten vorgeworfen, seine Geschäftszahlen aufgeblasen zu haben - im Gegenteil. Mit mindestens vier komplexen Finanzmanövern soll Freddie Derivate verschoben und falsch verbucht haben, um die Profite geringer erschienen zu lassen und sie auf spätere Quartale zu verteilen. Der Konzern wollte so sein Image als "Steady Freddie" wahren, als sicherer Kantonist, der die Wall Street durch Beständigkeit beglückt.

Teil zwei: "Ein gutes Beispiel für das Insider-Spiel von Politik und Wirtschaft, das in Washington gespielt wird"

Einen Pleite-Kollaps wie bei WorldCom, das ist der positive Aspekt des Skandals, befürchtet denn auch niemand. Selbst der Freddie-Kritiker und Hypothekenexperte John Talbott, Autor des Buches "Der kommende Crash des Häuser-Marktes", sagt zu SPIEGEL ONLINE: "Eine Firma dieser Art und Größe in den Bankrott zu treiben ist fast unmöglich. Da müsste man schon ziemlichen Mist bauen." Noch-Chef Parseghian sandte Anfang August im Interview des Fachblattes "Mortgage Banking" eine beruhigende Botschaft aus: "Unsere fundamentalen Geschäftsdaten haben sich nicht verändert, sie bleiben stark."

Trotzdem ist die Affäre Freddie mehr als bloß Lärm um nichts - der Konzern ist für viele Außenstehende eine unheimliche Kreatur. Talbott formuliert es im Telefongespräch so: "Freddie Mac ist ein gutes Beispiel für das Insider-Spiel (von Politikern und Konzernen), das in Washington gespielt wird." Nach dem Bilanzskandal gebe es eine historische Chance, die Hypotheken-Agentur an die Kette zu legen und ihre Macht zu begrenzen.

Hoch droben in der Schulden-Stratosphäre

Macht hat Freddie Mac in Mengen - das Unternehmen entscheidet mit über Wohl und Wehe der US-Konjunktur. Zusammen mit der größeren und älteren Schwester Fannie Mae dominiert Freddie den Billionenmarkt für Hausfinanzierungen. Das Duo hilft im Auftrag des Kongresses, möglichst vielen US-Bürgern den Weg zum vergleichsweise günstigen Eigenheim zu ebnen. Freddie und Fannie verleihen dazu nicht etwa selbst Geld an Privatleute, sondern kaufen Hypotheken-Portfolios von Banken auf. Diese können - dank der reichen Geldquelle - weitere Kredite vergeben, zu relativ günstigen Zinsen.

Das Geschwisterpaar mit den volkstümelnden Namen bündelt die Hypotheken in Paketen, nutzt sie als Sicherheit und begibt auf dieser Basis Anleihen - so genannte Asset-Backed Securities (ABS), wie sie sich in Europa erst allmählich einbürgern. Fast ein Fünftel aller US-Hypotheken wird von Freddie Mac direkt gehalten oder in ABS-Form garantiert - allein 2002 kaufte die Agentur für 642 Milliarden Dollar Hypotheken. "Zahlen wie diese kann sich niemand vorstellen - das sind große, große Summen", erinnert Talbott. Nirgendwo sonst gibt es einen vergleichbaren Zweitmarkt für Immobilien-Darlehen.

Der Behördenzwerg und die Monster-Twins

Trotz ihrer titanischen Potenz würden Freddie und Fannie nicht strikt beaufsichtigt, monieren Kritiker wie Talbott und schwächere Konkurrenten. Schuld sei die Zwitterstellung der Geschwister: Einst als Regierungskonzerne gestartet, wurden sie an die Börse gehievt, behielten aber diverse Privilegien. So zahlen Freddie und Fannie nur eingeschränkt Steuern, das Finanzministerium hält stets eine Notkreditlinie von 2,25 Milliarden Dollar bereit. Der US-Präsident höchstselbst bestimmt in der Regel zumindest einen Abgesandten im Aufsichtsrat.

Als wichtigster Kontrolleur der Riesen fungiert ein Zwerg - die Behörde Ofheo, die dem Ministerium für Wohnungen und Entwicklung angegliedert ist. Jahr für Jahr muss Ofheo beim Kongress um sein Budget bitten. "Und Freddie betreibt intensive Lobby-Arbeit, damit Ofheo möglichst wenig bekommt", sagt Talbott. Freddie-Cheflobbyist Mitchell Delk lädt laut "Washington Post" so viele Parlamentarier zum Dinner ein, dass er bei einem Nobelitaliener Mengenrabatt bekomme. Dass Ofheo, wie jetzt im Fall Parseghian, eines der Geschwister aktiv maßregelt, ist selten vorgekommen.

"Selbst ich verstehe Freddies Bilanzen nicht"

Pessimisten wie Talbott wird schwindlig bei dem Gedanken, dass Freddie Mac doch einmal "ziemlichen Mist bauen" könnte. Die Regulierer würden die Signale für eine Finanz-Katastrophe glatt übersehen, fürchtet er - auch weil Fannie und Freddie zur Absicherung gegen Zinsschwankungen Swaps und andere Derivate aufkaufen wie kaum eine zweite Finanzinstitution auf der Welt. Diese Instrumente sind schwer zu bilanzieren, in ihrer Wirkung schwierig einzuschätzen. Talbott: "Ich war fast zehn Jahre an der Wall Street (bei Goldman Sachs) - und selbst ich verstehe Freddies Bilanzen nicht."

Hinzu kommt, dass Fannie und Freddie gemessen am Eigenkapital mehr Schulden aufnehmen dürfen als jede Bank - "ein sehr, sehr riskantes Geschäft", wie Talbott findet. Dieses Risiko beunruhigt auch Willliam Poole von der Federal Reserve in St. Louis. Sollte sich eine der Agenturen verspekulieren oder ein Schock eintreffen, sagte der Notenbanker noch vor dem Chef-Kehraus - dann könnte eine Krise in "Tagen, wenn nicht Stunden" zur Gefahr für die US-Konjunktur eskalieren. Der Kongressabgeordnete Richard Baker verglich Freddie und Fannie gar mit dem Hedge-Fonds LTCM, der nach der Asien- und Russlandkrise 1998 mehrere Banken mit in den Strudel zu reißen drohte.

Bond-Beben auch in Frankfurt am Main

Der Bilanzskandal 2003 wird schwerlich zum großen Knall führen, das räumt selbst Unheilsprophet Talbott ein - immerhin hat Freddie 2002 sogar nach den zu konservativen Zahlen 5,75 Milliarden Dollar Gewinn eingesammelt, seine Risiken bislang erfolgreich begrenzt. Trotzdem kommt der Aufruhr zur Unzeit - er trägt nach Ansicht Talbotts und selbst des Fannie-Mae-Chefs zum jüngsten Anstieg der Hypothekenzinsen bei.

Bisher musste Freddie für seine Anleihen einen nur wenig höheren Zins zahlen als die US-Regierung. "In den letzten Wochen aber hat sich dieser Aufschlag verdoppelt", beobachtet Talbott - nach dem Image-Schaden verlangten Investoren mehr Rendite. Obwohl Freddie sein makelloses Bonitätsrating verteidigt hat, soll die Europäische Zentralbank ihre Freddie- und Fannie-Anleihen jüngst abgestoßen und gegen "seriösere" Papiere getauscht haben. Muss Freddie aber für den Schuldendienst drauf zahlen, drückt das indirekt auf den Immobilienmarkt - seit langem ein Motor der US-Konjunktur.

Bomben und Black Boxes

Selbst im günstigsten Fall dürften neue Nachbeben des Bilanzskandals Freddie Mac noch Monate lang erschüttern. Schon haben die Pensionsfonds der Bundesstaaten West Virginia, Ohio und der Teamster-Gewerkschaft wegen der Wertverluste ihrer Freddie-Aktien Klagen eingereicht. Auch der bisher wohl gesonnene Kongress hält nach den Ferien Anhörungen ab. Langjährige Kritiker wie Baker wollen Freddie Privilegien abnehmen, die Aufsicht vielleicht dem mächtigeren Finanzministerium übertragen. Am liebsten würde der Parlamentarier Freddie und Fannie in mehrere Teile zerschlagen.

Buchautor John Talbott bleibt Fatalist - er mag nicht glauben, dass nun ein Tsunami des Reformeifers über Washington hinwegrollt. Dank der Kongress-Connection werde sich Freddie gegen einen Verlust seiner Privilegien zu wehren wissen. Talbott sagt es so: "Bomben werden in Amerika erst entschärft, wenn die ersten schon hochgegangen sind."

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