Finanzkriminalität: Heiße Sache - DER SPIEGEL
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Finanzkriminalität Heiße Sache

Ein ehemaliger Spitzenmanager der Deutschen Bank ließ sich mit Geldwäschern und Waffenhändlern ein. Nun tritt er als Kronzeuge für das FBI auf.
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Eine Szene wie aus der Krimiserie "Miami Vice": die malerische Kulisse von Fort Lauderdale, Florida; FBI-Agenten, die mit gezogenen Waffen ein Hotelzimmer stürmen, um Kevin Ingram, 43, und einen Piloten zu verhaften.

Die beiden, der Banker und der Pilot, wollten gerade mit 2,2 Millionen Dollar im Gepäck in einem Learjet von Florida nach Amsterdam düsen, um das Geld aus einem Waffengeschäft zu säubern. Zeitgleich verhaftete das FBI in einer staubigen Lagerhalle in West Palm Beach, Florida, den pakistanischen Trinkhallenbesitzer Mohammed Raja Malik und dessen in Ägypten geborenen Geschäftspartner Diaa Badr Mohsen. Beide waren gerade dabei, "Stinger"-Raketen, Teile für den Hubschrauber "Cobra" und Maschinengewehre zu inspizieren.

So endete ­ wie in einem schlechten Krimi ­ am 12. Juni die Karriere eines der schillerndsten Investmentbanker der USA, das Urteil soll am 30. November verkündet werden.

Bis vor drei Jahren gehörte Ingram zu den US-Spitzenmanagern der Deutschen Bank. Er verantwortete ein weltweites Milliardengeschäft mit Wertpapieren und kassierte in seiner Glanzzeit drei Millionen Dollar Bonus im Jahr. Das Magazin "Black Enterprise" zählte den Banker, der schnelle Autos, schöne Frauen und rauschende Partys liebt, zu den einflussreichsten Schwarzen an der New Yorker Wall Street.

Ingrams Aufstieg galt selbst an der Wall Street als außergewöhnlich. Sein Vater wurde tot in einem Hotelzimmer aufgefunden, als der junge Kevin gerade vier Jahre alt war. Doch mit bewundernswerter Energie ließ sich Ingram an der Eliteuniversität MIT zum Chemieingenieur ausbilden. Als ihn ein Freund darauf hinwies, dass die Finanzindustrie auf der Suche nach Talenten mit mathematischen Fähigkeiten war, studierte er Wirtschaft in Stanford. "Ich habe mich immer gefragt: Was ist die heißeste Sache zurzeit?", bekannte er einmal.

Mit dieser Einstellung machte er als Wertpapierhändler rasch Karriere. Ab 1986 arbeitete er zehn Jahre lang für die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs. Zu seinen Förderern dort zählte unter anderem Robert Rubin, der ehemalige amerikanische Finanzminister, und Jon Corzine, früher Chef der renommierten Bank und nun Senator für den US-Staat New Jersey.

Doch trotz guter Leistungen wurde Ingram nicht zum Partner der Investmentbank ernannt. "Er hatte ein außergewöhnliches Talent", sagt Corzine im Rückblick, "aber wir wussten, dass er immer schwierig zu kontrollieren wäre."

Ehemalige Kollegen erzählen, dass zu seinem Autopark ein Ferrari, ein Porsche, ein Lexus und ein Range Rover gehörten. Er soll regelmäßig die Modezeitschrift "Vogue" durchgeblättert haben ­ wenn ihm ein Model besonders gut gefiel, lud er die Dame zum Essen oder zu einer Einkaufstour ein. Seine jetzige Frau Deann Absolam arbeitete früher einmal als Model für Tommy Hilfiger. Sie war, hat das Magazin "Talk" erfahren, stolz darauf, niemals dieselben Kleider zweimal getragen zu haben.

Solange der Erfolg dem Wertpapierhändler treu blieb, schauten seine Arbeitgeber über Ingrams Hang zur Extravaganz hinweg. 1996 wechselte er zur Deutschen Bank, verdoppelte sein Gehalt und war bald für 100 Mitarbeiter zuständig.

Doch 1998 sorgte die Milliardenpleite eines Risikofonds für Turbulenzen an den Finanzmärkten. Auch die Abteilung des jungen Master of the Universe machte plötzlich Millionenverluste, wenig später wurde er gefeuert. Die Bank warf ihm in juristischen Auseinandersetzungen vor, dass er oft tagelang nicht zur Arbeit erschien und außerdem noch die Abrechnung einer schließlich wieder abgeblasenen Hochzeit eingereicht habe.

Der enttäuschte Händler, der so plötzlich in Ungnade gefallen war, verstand die Welt nicht mehr. Ingram warf der Deutschen Bank Rassismus vor und schaltete den schwarzen Bürgerrechtler Jesse Jackson ein. Ein Schlichtungsgespräch mit Josef Ackermann, dem künftigen Chef der Deutschen Bank, scheiterte im März 1999.

Die ganze Angelegenheit war der Deutschen Bank mehr als lästig. Schließlich war das größte deutsche Kreditinstitut gerade dabei, die New Yorker Investmentbank Bankers Trust zu übernehmen. Am Ende zahlte die Bank eine Abfindung von mindestens sechs Millionen Dollar.

Kaum war Ingram aus der Bank ausgeschieden, suchte er nach neuen Geldquellen, um seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Dabei geriet er an den mutmaßlichen Waffenhändler Mohsen, der wie er in Jersey City wohnte. Beide trafen sich im Juni 1999 erstmals in Ingrams Büro im New Yorker World Trade Center mit dem Diamantenhändler Randy Glass, der angab, 100 000 Dollar aus Waffengeschäften sauber waschen zu wollen.

Pech für Ingram: Schon dieser erste Ausflug in die Illegalität wurde vom FBI aufgezeichnet. Der Diamantenhändler aus Florida agierte als Undercover-Agent und war vor seinem Treffen mit Ingram von der amerikanischen Bundespolizei ordentlich verkabelt worden. Die versuchte mit mehreren Scheingeschäften, für die Ingram Provisionen kassierte, an die Hinterleute der Waffenschiebereien heranzukommen.

Schließlich schnappte nach drei Jahren am 12. Juni die FBI-Falle zu, ohne dass bisher klar ist, an wen welche Waffen eigentlich verschoben werden sollten. Angeblich, so hat es V-Mann Glass einmal bei dem Geschäftemacher Mohsen aufgeschnappt, sollen selbst die Taliban interessiert gewesen sein. Raketen und andere Kriegsutensilien wurden offenbar auch Interessenten in Pakistan offeriert, allerdings vergebens.

Nachdem Banker Ingram mehrere Wochen in einem Gefängnis in Palm Beach, Florida, zugebracht hatte, stellte er sich dem FBI strafmildernd als Kronzeuge gegen Mohsen und Co. zur Verfügung, gegen die zurzeit in Florida verhandelt wird. Er selbst hat sich zur Geldwäsche in zwei Fällen bekannt und muss mit einer Gefängnisstrafe von maximal zehn Jahren rechnen.

CHRISTOPH PAULY