Finanzkrise Bernanke warnt vor Riesen-Risiken - US-Börsen brechen ein
Washington - Es war eine trockene Ansage, die der Chef der US-Notenbank heute vor dem Haushaltsausschuss des US-Repräsentantenhaus machte: Die Abschreibungen aus der US-Hypothekenkrise könnten sich auf mehrere hundert Milliarden Dollar belaufen, sagte Ben Bernanke - und fügte hinzu: Die Marke von einer halben Billion werde wohl nicht erreicht.
Trotzdem machte der oberste Währungshüter deutlich, dass ihm die Folgen der Kreditkrise durchaus Sorgen bereiten: "Wir sagen keine Rezession voraus, wir sagen verlangsamtes Wachstum voraus", sagte er. Er halte "substanzielle Schritte" für nötig, um einer drohenden Rezession in der weltgrößten Volkswirtschaft entgegenzuwirken.
Damit wird jetzt eine erneute Korrektur des Leitzinses erwartet. Der Markt rechnet mit einer Absenkung um mindestens 0,5 Prozentpunkte. Seit dem Aufflammen der US- Hypothekenkrise im Sommer 2007 hatte die Notenbank den US-Leitzins um insgesamt einen Prozentpunkt auf gegenwärtig 4,25 Prozent gesenkt.
Gleichzeitig empfahl Bernanke wie auch US-Präsident George W. Bush ein umfassendes Paket zur Ankurbelung der Konjunktur. Eine rasche Umsetzung wäre "hilfreich", sagte Bernanke und empfahl der Politik schnelles Handeln, damit die Auswirkungen eines solchen Pakets "in den kommenden zwölf Monaten so stark wie möglich" seien. "Wenn die Konjunkturanreize zu spät kommen, wird das der Wirtschaft nicht helfen." Mögliche Maßnahmen wie etwa Steuersenkungen müssten aber zeitlich befristet sein, forderte der Zentralbankchef. Andernfalls drohe eine Ausweitung des strukturellen Haushaltsdefizits.
Präsident Bush wollte nach Angaben seines Sprechers noch heute mit der von Demokraten gestellten Kongressführung über ein Maßnahmenpaket beraten. "Der Präsident ist der Ansicht, dass wegen der Verlangsamung der Wirtschaft kurzfristig eine Ankurbelung nötig ist", sagte Bushs Sprecher Tony Fratto. Details der Planungen wollte er noch nicht nennen. Es zeichnet sich aber ab, dass Abgeordnete beider Parteien im Jahr der Präsidentenwahl ein Konjunkturprogramm über bis zu 125 Milliarden Dollar anpeilen, das unter anderem Steuererleichterungen für Privatpersonen und Unternehmen enthalten soll.
Merrill Lynch verliert Milliarden - Börse bricht ein
Die Demokraten haben bereits prinzipiell ihren Willen zur Zusammenarbeit mit dem Präsidenten in der Wirtschaftspolitik bekundet. Ohne ihre Zustimmung im Kongress hätte ein Konjunkturpaket keine Chance.
Grund für die Angst vor einer Rezession sind die immer neuen Hiobsbotschaften vor allem aus dem Finanzbereich, die langsam das Ausmaß der Immobilienkrise deutlich machen. So musste die weltgrößte Investmentbank Merrill Lynch heute einen Nettoverlust von 8,05 Milliarden Dollar (5,44 Milliarden Euro) für das Gesamtjahr 2007 eingestehen. Zuvor hatten in dieser Woche schon Branchenprimus Citigroup sowie JPMorgan teils massive Gewinneinbrüche melden müssen.
Diese Nachrichten und die Debatte über eine drohende Rezession belasteten die US-Börsen schwer. Der Dow-Jones-Index sackte um 2,46 Prozent auf 12.159,21 Punkte ab, der technologielastige Nasdaq Composite um 1,99 Prozent auf 2346,90 Punkte, der marktbreite Index S&P 500 um 2,91 Prozent auf 1333,25 Punkte.
Konjunkturindex fällt überraschend deutlich
Gleichzeitig fiel der Konjunkturindex der Federal Reserve Bank von Philadelphia im Januar unerwartet deutlich. Das Wirtschaftsbarometer sank auf minus 20,9 Punkte und verzeichnete damit den stärksten monatlichen Rückgang der Industrieaktivitäten in der Region seit Januar 2001, als die Wirtschaft auf dem Höhepunkt der letzten Rezession war. Volkswirte hatten mit einem Anstieg auf minus 1,0 Punkte gerechnet. "Der Philly-Fed ist tiefer als erwartet ausgefallen. Das hat den Markt geschockt", sagte Cleveland Rueckert von Birinyi Associates in Stamford, Connecticut.
Dazu kommt: Der US-Immobilienmarkt rutscht immer tiefer in die Krise. Im Dezember brach die Zahl der Wohnbaubeginne unerwartet um mehr als 14 Prozent ein und fiel auf den tiefsten Stand seit 1991. Die Zahl der Baugenehmigungen fiel um acht Prozent und erreichte damit das tiefste Niveau seit 1993.
Auch die deutsche Hypo Real Estate war diese Woche unerwartet in den Strudel der schlecht abgesicherten Hypothekengeschäfte geraten. Die Immobilienbank korrigierte Anfang der Woche den Wert ihrer US-Anlagen überraschend um 390 Millionen Euro nach unten und gab einen Gewinneinbruch bekannt. Der HRE-Vorstand hatte über Monate hinweg erklärt, die Bank sei von der US-Immobilienkrise praktisch nicht betroffen.
sam/dpa-AFX/Reuters/dpa/AP