Finanzkrise: Rezessionsangst lässt Börsen einbrechen - DER SPIEGEL
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Finanzkrise Rezessionsangst lässt Börsen einbrechen

Es war ein rabenschwarzer Tag für die Anleger: Weltweit stürzten die Börsen ab wie seit den Terroranschlägen 2001 nicht mehr. Der Dax verlor mehr als 7 Prozent an Wert. Experten sind ratlos - waren die Verluste "Panikreaktionen" oder geht der Crash weiter?
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Hamburg - So stark sackte der Deutsche Aktienindex seit den Terroranschlägen von New York (minus 8,49 Prozent) nicht mehr ab: Der Dax hat heute mehr als sieben Prozent eingebüßt, schloss mit einem Minus von 7,16 Prozent bei 6790,19 Punkten.

Unter Druck waren vor allem die Finanztitel: Hypo Real Estate verloren 18,5 Prozent an Wert, die Deutsche Börse 10,2 Prozent, die Commerzbank 10,1 Prozent und die Allianz 10,0 Prozent. Auch der MDax büßte 5,8 Prozent auf 7.940,51 Punkte ein und der TecDax sogar 8,5 Prozent auf 725,32 Zähler.

Grund für die Turbulenzen ist die Angst vor einer Rezession der US-Wirtschaft. US-Präsident George W. Bush hatte am Freitag Steuernachlässe für private Haushalte und Unternehmen in Höhe von etwa einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also rund 145 Milliarden Dollar, angekündigt. Damit konnte er die Sorgen an den Aktienmärkten allerdings nicht beruhigen.

Schlechte Vorgaben aus Asien

Mit seinem Crashkurs war der Dax deshalb auch nicht alleine, die Kurse gingen weltweit dramatisch nach unten: In Zürich brach der Blue-Chips-Index SMI bis zu 5,5 Prozent ein, der Londoner FTSE-100 verbuchte Verluste von 3,9 Prozent auf 5673 Punkte, der Pariser CAC40 gab um etwa 4,7 Prozent nach. Schon am Morgen hatten die Vorgaben aus Asien das Schlimmste befürchten lassen: In Tokio fiel der Nikkei-Index um 3,86 Prozent auf 13.325,94 Punkte, das war der niedrigste Schlusskurs seit mehr als zwei Jahren. In Hongkong ging der Hang-Seng-Index im Handelsverlauf um 5,5 Prozent auf 23.818,86 Punkte zurück - der größte Tagesverlust seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. In Schanghai gab der Index um 5,1 Prozent auf 4914,44 Zähler nach.

Der indische Aktienmarkt verlor ebenfalls kräftig. Der Sensex-Index der 30 führenden Werte stürzte um 7,4 Prozent auf 17.605,35 Punkte ab, zwischenzeitlich lag das Minus bei elf Prozent. Es war der zweitgrößte prozentuale Verlust in der indischen Wirtschaftsgeschichte. Auch an den Börsen in Südkorea, Australien, Singapur, Taiwan und den Philippinen dominierten die Minuszeichen.

Umstritten ist unter Experten aber, was die Turbulenzen an den Börsen zu bedeuten haben - und was die Weltwirtschaft noch erwartet. Der rasante Absturz sei eine Panik-Reaktion, urteilten Analysten. Es handle sich um eine "typische Spirale nach unten", sagte Werner Bader von der LBBW der Nachrichtenagentur AFP. "Es wird nicht mehr nachgedacht." Das sei "nicht rational". Weitere Kursverluste seien nicht auszuschließen. "Wir sehen hier eine große Zahl von Panik-Verkäufen", sagte auch Stuart Smith von Bell Potter Securities in Sydney. Vor allem Unternehmen, deren aktuelle Lage unklar sei, stünden auf der Verkaufsliste.

Gelassen gibt sich auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, der keinen Grund zum Konjunkturpessimismus sieht: "Ich würde das nicht dramatisieren, sondern von einer Normalisierung sprechen", sagte Bofinger. "Der Dax notiert immer noch höher als zu Beginn des vergangenen Jahres - trotz Schocks wie dem starken Euro, hohen Ölpreisen und Finanzmarktkrise." Er bekräftigte die Prognose des Sachverständigenrates, wonach das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 1,9 Prozent wachsen werde.

"Privater Konsum dümpelt vor sich hin"

Auch den privaten Verbrauch sieht der Wirtschaftsweise durch den Börsenrutsch nicht in Mitleidenschaft gezogen. So habe der Dax im vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent zugelegt. "Trotzdem dümpelte der private Konsum vor sich hin", sagte Bofinger. Daran werde deutlich, dass Vermögenseffekte nur einen geringen Einfluss auf den Konjunkturverlauf hätten. Sinkende Kurse an den Aktienmärkten führten daher nicht zwangsläufig zu weniger Konsum.

Wenig ängstlich zeigte sich auch die Bundesregierung: Mit Blick auf die Wirtschaftslage in Deutschland gebe es zwar "gewisse Auswirkungen durch die Finanzkrise", sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Diese würden aber den Aufschwung nicht beeinträchtigen. EU-Wirtschaftskommissar Joaquin Almunia sagte vor dem Treffen der Finanzminister der Eurozone, "es scheint, als ob die Märkte einen stärkeren Wirtschaftsabschwung erwarten, sogar eine Rezession in den USA". Sobald die reale wirtschaftliche Lage, insbesondere in Europa, wieder in den Mittelpunkt rücke, dürften sich die erhitzten Gemüter aber wieder abkühlen, fügte er hinzu.

Allerdings sehen nicht alle die Krise an den Finanzmärkten so entspannt. So bezeichnete der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, die internationale wirtschaftliche Situation als ernst. Alle Länder der Welt litten unter der wirtschaftlichen Abkühlung in den USA, sagte Strauss-Kahn in Paris. Glücklicherweise sei das Wachstum in den Schwellenländern stark genug und werde das weltweite Wachstum auch weiterhin antreiben. Dennoch sei es "nicht unmöglich", dass sich die Wachstumsschwäche in den USA auch auf diese Länder

"Ende der Fahnenstange längst nicht erreicht"

Der dramatische Einbruch am deutschen Aktienmarkt ist nach Einschätzung von Experten erst der Auftakt zu weiteren Kursverlusten. "Wir haben das Ende der Fahnenstange längst noch nicht erreicht", sagte der Börsenexperte Wolfgang Gerke in Frankfurt. Die Entwicklung nach unten werde noch das ganze Jahr lang andauern, erwartet Gerke. Zu lange hätten die Finanzmärkte lediglich auf Kosten und Gewinne der Unternehmen geachtet und die Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die Konjunktur ignoriert.

"Man dachte, dass Deutschland ungeschoren davonkommt. Aber die Delle in der Konjunktur kommt", sagte Gerke - auch wenn davon bisher in den realwirtschaftlichen Daten kaum etwas zu sehen sei. "Aber die Börse denkt voraus." Die Stimmung an den Börsen werde derzeit von immer neuen schlechten Meldungen aus der Finanzwelt gedämpft. "Mit den Jahresabschlüssen der Banken werden wir noch eine ganze Reihe negativer Überraschungen bekommen." auswirke.

Auch der Ölpreis gab in der Folge der schweren Kurseinbrüche nach. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) sank in New York unter 89 Dollar, in London unter 88 Dollar. Analysten zufolge fürchten die Händler wegen einer drohenden US-Rezession eine sinkende Nachfrage nach Öl. Vor wenigen Wochen hatte der Ölpreis noch in New York die 100-Dollar-Marke überschritten. Auch der Kurs des Euro gab nach und rutschte unter die Marke von 1,45 Dollar. Die Investoren rechnen damit, dass die US-Notenbank Ende Januar ihre Leitzinsen um einen halben Punkt auf 3,75 Prozent senken wird, um die Konjunktur anzukurbeln.

sam/AFP/dpa/Reuters/AP