Finanztitel: Investieren und vergessen - DER SPIEGEL
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Finanztitel Investieren und vergessen

Finanztitel im Schlussverkauf: Bietet sich jetzt die Chance, es Investoren aus dem Nahen und Fernen Osten gleich zu tun und Anteile zu Tiefpreisen einzusammeln? Klar, lautet die Antwort - für diejenigen, die das Geld nicht wirklich brauchen. Denn die Risiken sind hoch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Eckdaten sprechen für eine Kaufempfehlung. Binnen acht Monaten hat die Aktie der Deutschen Bank   rund 30 Prozent an Wert verloren. Die Dividendenrendite liegt bei mehr als fünf Prozent, die Aktie kostet nicht einmal das Achtfache der für 2008 erwarteten Gewinne. Der Wertverfall der Commerzbank-Aktie   verlief ähnlich spektakulär. Von gut 37 Euro in der ersten Maiwoche verlor die Aktie auf knapp 25 Euro.

Noch heftiger erwischte es die US-Finanzinstitute. Die Aktie der Citigroup   hat sich binnen Jahresfrist mehr als halbiert und dümpelte in dieser Woche zeitweise unter der Marke von 27 Dollar, dem tiefsten Stand seit neun Jahren.

Kaufkurse? Wer hartgesotten genug ist und sich inmitten des Sturmes einen "gefallenen Engel" schnappt, könnte, so die Theorie, in einigen Jahren eine fette Rendite einfahren. Warum sollten Privatanleger nicht nach dem gleichen Rezept investieren wie die staatlichen Investmentfonds aus aufstrebenden Ölstaaten und Schwellenländern, die sich derzeit bei den Großen der Finanzbranche einkaufen? Die Herren mit den tiefen Taschen investieren schließlich nicht aus Barmherzigkeit. Sie wollen Rendite sehen.

Geld aus Singapur, China und Abu Dhabi

Ein Staatsfonds aus Abu Dhabi zum Beispiel hat sich mit 7,5 Milliarden Dollar an der Citigroup beteiligt und ist nun ihr größter Einzelaktionär. Singapurs GIC stieg mit knapp zehn Milliarden Dollar bei der Schweizer UBS   ein. Chinesische Staatsinvestoren haben sich Anteile an den US-Banken Morgan Stanley   und Bear Stearns   gesichert. Bei Merrill Lynch   ist die Investmentgesellschaft Temasek Holdings - ebenfalls ein Singapur-Fonds - mit einem Milliardenbetrag eingestiegen. Bei den besonders gebeutelten Banken dürften laut "Wall Street Journal" in Kürze weitere ausländische Investoren hinzukommen.

Gleichwohl: Für Privatanleger gibt es gute Gründe, dem Beispiel der Staatsfonds nicht mit fliegenden Fahnen zu folgen und stattdessen abzuwarten.

Tage der Wahrheit kommen noch

  • Der Wichtigste: Das Ausmaß der Misere ist noch gar nicht absehbar.
  • Auch die jüngsten Konjunkturprognosen geben Anlass zur Zurückhaltung - auch gegenüber den Banken, die nicht von der Hypothekenkrise überrollt wurden.
  • Die Banken vertrauen sich gegenseitig immer noch nicht

Zum Ausmaß der Misere: Erst im Frühjahr dürfte sich der Nebel lichten. Die Citigroup meldet ebenso wie Merrill Lynch und JP Morgan Chase schon in der kommenden Woche Zahlen. Analysten rechnen damit, dass allein die Citigroup weitere 15 bis 19 Milliarden Dollar abschreiben muss. Voraussichtlich wird der neue CEO Vikram Pandit die Dividende drastisch kürzen und tausende Jobs streichen.

An der Börse wird ein drastischer Jobabbau üblicherweise mit Kurssprüngen belohnt, und bei der Aktie der Citigroup ist ein solcher "Rebound" jederzeit möglich. Genauso gut könnte aber die Durststrecke anhalten, wenn sich die Gewinnsituation nicht verbessert.

Kaufsignale wie ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis oder eine hohe Dividendenrendite wären also nach einer durchaus möglichen Gewinnrevision hinfällig - und die Tage der Wahrheit kommen erst noch, wenn die Finanzinstitute in USA und Europa ihre testierten Jahresabschlüsse vorlegen.

Risikofaktor Konjunktur: Wenn sich die Kreditkrise ausbreitet, werden auch diejenigen Banken leiden, die bislang vergleichsweise glimpflich durch die US-Hypothekenkrise gekommen sind.

Deshalb sehen zum Beispiel die Analysten von Credit Suisse  hohe Risiken für die Aktie der Deutschen Bank: Das Institut sei in ihrem Kreditgeschäft vergleichsweise breit aufgestellt und nicht so stark in Immobilienkrediten investiert wie etwa die UBS. Doch gerade diese "Stärke" könne zu einem zusätzlichen Risiko werden, wenn sich die Probleme auf weitere Bereiche ausbreiten.

Vieles spricht für eine Ausweitung der Krise

Wer seine Investments breit aufgefächert hatte, galt zwar noch im Herbst 2007 als immun gegen das Subprime-Virus. Nun, da immer mehr Bereiche infiziert werden, wird das Schutzschild zur Angriffsfläche. "Die Subprime-Krise könnte auf andere Kreditmärkte übergreifen, etwa im Bereich Kreditkarten, Konsumkredite, Autofinanzierungen, Studentendarlehen oder kommerzielle Kredite", fürchtet der Chef der Schweizer Bankenkommission, Daniel Zuberbühler.

Vieles spricht für eine Ausweitung der Krise: Die Investmentbank Goldman Sachs   hält eine Rezession in den USA in diesem Jahr für wahrscheinlich und sieht auch für Japan ein Rezessionsrisiko von 50 Prozent. Eine US-Rezession sei "der wahrscheinlichste Fall", ergänzt der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers. Auch die erneute Ankündigung der Fed, die Zinsen weiter zu drücken, sowie geplante Steuererleichterungen der US-Regierung können diese Sorgen nicht mehr wegwischen.

So sind zum Beispiel die Kreditkartenschulden der US-Bürger im November um 11,3 Prozent gegenüber Vorjahr gewachsen. Im Jahr 2005 waren es noch 3,1 Prozent. Inzwischen haben die US-Bürger knapp eine Billion Dollar Kreditkartenschulden angehäuft, eine Summe, die in etwa der gesamten Wirtschaftsleistung Indiens aus dem Jahr 2007 entspricht.

Die Banken haben darauf schon reagiert und auch in diesem Geschäftsbereich ihre Rückstellungen erhöht: In den Geldbörsen der Konsumenten tickt eine Billionen-Dollar-Bombe, die durch fallende Einkommen und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit scharf gestellt würde.

Autofinanzierungen beginnen zu wackeln. US-Bauunternehmen melden Verluste und senken ihre Prognosen für 2008. Die landesweit größte Telefongesellschaft muss immer mehr Anschlüsse kappen, weil eine steigende Zahl von Kunden ihre Telefonrechnungen nicht mehr bezahlen.

Ein scharfer Rückgang des US-Konsums würde auch die Deutsche Bank treffen, die sich mit ihren Aktivitäten längst nicht mehr nur auf Deutschland konzentriert. Eine Rezession in Japan und USA würde zudem die Konjunktur der Exportnation empfindlich treffen.

Munterer Abstufungsreigen

Risiko gegenseitiges Misstrauen: Die Finanzinstitute haben einen munteren gegenseitigen Abstufungswettlauf gestartet. Goldman Sachs zum Beispiel stuft Merrill Lynch herunter und rät, die Aktie der Citigroup zu verkaufen. Die Citigroup stuft ihrerseits die Deutsche Bank ab. Die Credit Suisse stuft die Deutsche Bank als "Underperformer" ein und wird gleichzeitig von den Kollegen der Societe Generale zum Verkauf empfohlen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann kritisiert unterdessen die Glücksritter in anderen Investmenthäusern und wirft manchen Banken "Versäumnisse des Managements" vor.

Warum also sollten Anleger Banken vertrauen, wenn sich Banken gegenseitig nicht mehr vertrauen, sprich untereinander kein Geld mehr leihen? Die Notenbanken setzen zwar seit Sommer unermüdlich neue Geldspritzen, um den Kapitalfluss am Leben zu halten. Doch sie kaufen damit lediglich Zeit: Noch immer gehen die Kreditinstitute mehrheitlich davon aus, dass bei der Konkurrenz weitere Lasten in den Büchern schlummern.

Wer noch etwas Geduld hat, kann möglicherweise sogar noch günstiger einkaufen als die Scheichs aus Abu Dhabi. Schnäppchenjäger im Finanzsektor müssen jedoch die gleichen Qualitäten wie die Staatsfonds aus den Schwellenländern: Geduld und das nötige Cashpolster, um auch mal ein paar dürre Jahre durchzustehen.

Wer in diesem Jahr auch aus Steuergründen neue Langfristinvestments starten will, dem kommt der aktuelle Kursrutsch im Finanzsektor möglicherweise gelegen. Er sollte aber auf keinen Fall auf das Geld angewiesen sein.

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