Firmenbeteiligungen: Auf einen Schlag reich - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Firmenbeteiligungen Auf einen Schlag reich

Heute kann man auch als Angestellter ordentlich Geld machen - vorausgesetzt, man arbeitet im richtigen Unternehmen. Bei rund 2500 Firmen von DaimlerChrysler über die Lufthansa bis zu SAP halten die Angestellten mittlerweile Anteile - im Gesamtwert von rund 25 Milliarden Mark.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Oliver Durand arbeitet seit März 1996 bei der Intershop Communications AG in Jena als Software-Entwickler. Statt ein saftiges Gehalt zu zahlen, versprach ihm die Geschäftsführung, daß er bei einem geplanten späteren Börsengang am Kapital des Unternehmens beteiligt werde. Oliver Durand wurde nicht enttäuscht: Vor dem Börsengang der Intershop im vergangenen Jahr wurde ein "stock options"-Programm aufgelegt, das sämtliche Mitarbeiter zu Aktionären machte. Für den 28jährigen Entwickler ein Segen: Ihm gehört heute ein guter Teil des schnell wachsenden Unternehmens, das zu den führenden Softwareherstellern für E-Commerce gehört und dessen Aktienkurs sich in wenigen Monaten vervielfacht hat.

Die Anteile von Oliver Durand sind inzwischen ein Vermögen wert. 20 bis 30 Intershop-Mitarbeiter sind sogar Millionäre geworden - jedenfalls auf dem Papier. Denn verkauft haben Oliver Durand und die meisten seiner Kollegen ihre Aktien bisher nicht. "Ich halte sie, denn sie werden angesichts der aktuellen Entwicklung unseres Unternehmens weiter steigen", ist Durand sicher. Ans Aussteigen mit einem Koffer voll Geld denkt er nicht: "Ich habe einfach Spaß an der Arbeit."

Wer reich werden will, muß sich selbständig machen: Ein Credo aus alten Tagen! Heute kann man auch als Angestellter ordentlich Geld machen - vorausgesetzt, man arbeitet im richtigen Unternehmen. Zum Beispiel bei der Hamburger Emprise Management Consulting AG. Die geht Mitte Juli an die Börse und beteiligt sämtliche Mitarbeiter am Kapital der Gesellschaft.

Jeder der 200 Beschäftigten des Beratungsunternehmens erhält, unabhängig von Rang und Namen, kostenlos sogenannte "stock options", die zwei Jahre nach dem Börsengang zum Emissionspreis gegen Aktien getauscht werden können. Zehn Prozent des Gesamtkapitals sind hierfür vorgesehen. Steigt der Aktienkurs in den zwei Jahren, fließt den Angestellten ein beträchtliches Zusatzeinkommen in die Taschen. Damit nicht genug: Zusätzlich erhält jeder Mitarbeiter 80 Gratisaktien. Wer länger als zwei Jahre bei Emprise gearbeitet hat, bekommt sogar 120 Aktien. Die können schon nach sechs Monaten verkauft werden. "Aber das macht mit Sicherheit kein Kollege", glaubt Rainer Schilling, Geschäftsführer der zur Unternehmensgruppe gehörenden Emprise Network Consulting Stuttgart, "denn wir rechnen alle mit steigenden Kursen." Jetzt warten alle gespannt auf den Emissionspreis.

Mitarbeiteranteile haben bereits eine lange Tradition: Schon in den 60er Jahren beteiligten Unternehmer ihre Angestellten - nicht ohne Hintergedanken: "Firmenbeteiligungen fördern nicht nur die Leistungsbereitschaft und die Motivation des Personals, sondern stärken auch noch den Zusammenhalt", sagt Gerd Nicklisch, Gründer und Vorstandssprecher von Emprise.

Daß eine Firmenbeteiligung eine Goldgrube sein kann, machen Beispiele aus der Vergangenheit deutlich: Als die Bargteheider Softwarefirma Micrologica im letzten Jahr an die Börse ging, bekamen Mitarbeiter Optionen für je 40 Micrologica-Aktien zum günstigen Emissionskurs von rund 25 Euro. Heute ist die Aktie das Sechsfache wert. Für die Angestellten der EM.TV & Merchandising AG lief es noch besser: Wer zu den 80 Prozent der Belegschaft gehörte, die von ihrem Unternehmen sogenannte Wandelschuldverschreibungen erhielten, kann sich heute über einen satten Gewinn von 10.000 Prozent freuen. Auch der Internet-Dienstleister 1&1 verschenkte bei seinem Going Public im Frühjahr 1998 pro Monat Betriebszugehörigkeit je eine Aktie an seine Mitarbeiter. Die Wertpapiere, die beim Börsengang rund 80 Mark wert waren, bringen heute bei einem Verkauf etwa das Dreifache.

Es gibt in der Praxis mehrere Modelle, um aus Angestellten Eigentümer zu machen. Am weitesten verbreitet ist die sogenannte Belegschaftsaktie: Firmen bieten ihren Mitarbeitern an, eine begrenzte Anzahl der Papiere zu einem Vorzugspreis zu erwerben. Allerdings mit einem kleinen Haken: Die Anteile dürfen über einen festgelegten Zeitraum nicht verkauft werden. Bricht der Aktienkurs des Unternehmens ein, bleiben die frischgebackenen Miteigentümer auf ihren Papieren sitzen. Eine Alternative zur Belegschaftsaktie sind Optionen. Diese garantieren das Recht, zu einem bestimmten Zeitpunkt Aktien zu einem Festpreis kaufen zu können. Im Prinzip mit dem gleichen Nachteil: Fällt die Aktie vor dem Stichtag ins Bodenlose, sind die Optionen wertlos. Das dritte Modell sind Wandelschuldverschreibungen. Die Belegschaft erwirbt Anleihen, die später in Aktien umgewandelt werden können.

Für alle drei Modelle gilt: Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter beteiligen, erhöhen die Wahrscheinlichkeit, daß ihr Unternehmen überproportional schnell wächst. Das hat die Vergangenheit bewiesen. Angestellte, die unternehmerisch denken und handeln, weil sie eine Kapitalbeteiligung besitzen, sind seltener krank, höher motiviert und deswegen besonders produktiv. Für Emprise-Chef Nicklisch ist das "der eigentliche Clou" der Mitarbeiterbeteiligung: "In der Branche der Informationstechnologie gewinnen die Schnellen gegen die Langsamen. Rasches Wachstum ist deswegen das A und O. Und das erreichen wir, wenn sich jeder Mitarbeiter in unserem Haus als Unternehmer fühlt."