CHEMIE Fisch vor die Tür
Der unternehmerische Freiraum, klagt Matthias Seefelder, Vorstandsvorsitzender der BASF, werde »von vielen Seiten her eingeengt«. Kollege Herbert Grünewald bei Bayer sieht den »Lebensnerv« der chemischen Industrie getroffen, Hoechst-Chef Rolf Sammet spürt schon die »Schlinge um den Hals«.
Sie leiten die größten Chemiekonzerne der Welt. Aber daheim sehen sie die Freude am Geschäft verdorben.
Weil der Standort Bundesrepublik immer problematischer werde, so räsonieren die Chemiemanager, müßten sie sich anderweitig umsehen. Notgedrungen müßten sie hierzulande ihre Kapazitäten verringern und ins Ausland gehen, wenn sich nicht bald etwas ändere.
Schon 1980 kaufte und baute die chemische Industrie einschließlich ihrer Sparte Pharmazie für mehr als 830 Millionen Mark Fabriken jenseits der Grenzen. Kaum ein anderer Industriezweig investierte in Jahresfrist jemals so viel Geld außer Landes.
Was die Chemiechefs in der Bundesrepublik so schreckt, erklären sie mit üblichen Argumenten und unüblichen Berechnungen. Schuld seien vor allem die Gewerkschaften, sei die »überproportionale Zunahme« der Lohnkosten.
In Wirklichkeit stiegen die Löhne und Gehälter seit etlichen Jahren in keinem anderen Industrieland so langsam wie in der Bundesrepublik. Wenn die Lohnkosten im Vorjahr dennoch einen Spitzenplatz erreichten, dann nur deshalb, weil die Löhne auf Dollar umgerechnet wurden und die Mark bis dahin immer stärker wurde.
Doch das ist jetzt anders. Mit dem Rutsch der Mark sanken im internationalen Vergleich auch die deutschen Lohnkosten. In den USA etwa liegen die Verdienste nun wieder höher als in der Bundesrepublik.
Auch die Aufwendungen für Öl und Energie sind den Chemiekonzernen ständiger Anlaß zur Klage. Öl braucht die Branche für Plastik wie für Pillen, für Fasern wie für Farben; außerdem sind die Chemiefabriken die größten Kunden der Elektrizitätswerke.
Würden in Deutschland genügend Kernkraftwerke gebaut, meint Karl Wamsler vom Verband der Chemischen Industrie, könnte Öl gespart und der Strom verbilligt werden. In Frankreich beispielsweise sei Elektrizität viel günstiger zu haben als hierzulande, weil die Franzosen ihr Atomprogramm -- zumindest bis zum Amtsantritt Francois Mitterrands -- zügig verwirklichten.
Daß auch die heimischen Stromversorger die deutsche Industrie kräftig subventionieren, verschwieg Verbandspräsident Wamsler. Im Schnitt zahlen die deutschen Firmen gerade acht Pfennig für eine Kilowattstunde, private Verbraucher dagegen das Doppelte. Der Großchemie wird zudem ein weiterer Rabatt eingeräumt: BASF, Hoechst und Bayer kostet die Kilowattstunde vier Pfennig.
Da die Kostenargumente allein wohl niemanden so recht überzeugen, hat Hoechst-Chef Sammet ein ganzes Bündel von Gründen nachgeschoben, warum die deutschen Chemiefirmen letztlich S.79 doch ins Ausland gehen müssen: In Amerika würden staatliche Mittel »effizienter in Forschung umgesetzt«; in Japan sei das Personal »von der Schulbildung her deutlich höher qualifiziert«; die Ausbildung »unserer Jugend« stünde unter einem »unheilvollen Einfluß«.
Die Deutschen hätten kein Vertrauen in die Technik, jammert Sammet. Alles würden sie kritisch bewerten, »statt sich um Verständnis zu bemühen«. Was der Chemie so sehr zu schaffen mache, sei »dieses allgemeine, manchmal recht industriefeindliche Klima«.
»Gegen die Umwelt-Diskussion kommen wir nicht an«, konkretisiert Bayer-Boß Grünewald den Unmut. Dabei verklappe doch sein Werk beispielsweise viel weniger Dünnsäure in der Nordsee, als zugelassen sei. Aber anstatt dafür dankbar zu sein, hätten »unsere Gegner«, so Grünewald, »uns dann Fische aus der Elbe vor die Tür gekippt«.
Mag sein, daß Bundesbürger sensibler auf Schmutz und Gestank reagieren als Japaner oder Amerikaner. Und sicherlich liegen die deutschen Löhne, trotz aller Währungsverschiebungen, immer noch höher als in England oder Italien.
Seltsam nur, daß die Chemieunternehmen gleichwohl blendende Geschäfte machen. Die drei Konzerne BASF, Hoechst und Bayer brachten es im Vorjahr auf jeweils knapp 30 Milliarden Mark Umsatz. Und obwohl die Unternehmen inzwischen den größeren Teil ihres Umsatzes im Ausland machen, brachten gerade die heimischen Werke die besten Gewinne.
Insgesamt exportierten die deutschen Chemiefabriken Waren im Wert von 46 Milliarden Mark -- mehr als jedes andere Land der Welt. Der Überschuß im Außenhandel kletterte auf knapp 20 Milliarden Mark.
Auffällig auch, daß die Unternehmer gerade dann mehr Geld als je zuvor in den Ausbau der Fabriken stecken, wenn sie am lautesten klagen. Allein in den letzten beiden Jahren investierten die Chemiekonzerne im Inland genausoviel, wie sie in 30 Jahren im Ausland anlegten: weit über zwölf Milliarden Mark.
Tatsächlich sei gerade Deutschland »ein guter Standort« für die Produktion chemischer Erzeugnisse, konstatierte das renommierte Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung in einer Studie zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit der westdeutschen chemischen Industrie. »Als forschungs- und humankapitalreiches Land«, so schrieben die Autoren Franz Garnreiter und Harald Legler in ihrem Bericht, sei die Bundesrepublik »prädestiniert für Welterfolge«.
Die Ergebnisse der Untersuchung jedoch scheinen viele besorgte Freunde der Industrie weniger zu beeindrucken als die Klagen der Unternehmer. Was die Bundesregierung denn zu tun gedenke, wollte jetzt CDU-Parlamentarier Ludwig Gerstein wissen, um der »Standortflucht der chemischen Industrie« zu begegnen.
Dieter von Würzen, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, reagierte prompt -- und gab ein weiteres Gutachten in Auftrag.