Flaue Konjunktur: Experten warnen vor Rezessionspanik - DER SPIEGEL
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Flaue Konjunktur Experten warnen vor Rezessionspanik

Die Gefahren für die Weltwirtschaft sind größer denn je - auch Deutschlands Konjunktur droht eine Krise. Doch Experten warnen davor, einen entscheidenden Fehler zu machen: jetzt eine Rezession herbeizureden.
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Hamburg - Gute Nachrichten sind es nicht, die der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Montag verbreiten lies: Die deutsche Wirtschaft schrumpfe erstmals seit vier Jahren, ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorjahr sei "so gut wie sicher", sagte DIHK-Chefökonom Volker Treier der "Bild"-Zeitung. "Das Minus dürfte bei bis zu 0,5 Prozent liegen."

Kursmaklerin in Frankfurt: DIHK warnt vor Wachstumsdelle

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Foto: AP

Erstmals hat der Wirtschaftsexperte damit ausgesprochen, wovor die Angst derzeit groß ist: dass die Wirtschaft in Deutschland nicht nur stagnieren, sondern sogar schrumpfen könnte. Dass die US-Finanzkrise und der hohe Ölpreis doch Folgen haben könnten - und dass das schwächelnde Wirtschaftswachstum deshalb in eine handfeste Rezession umschlägt.

Tatsächlich läuft die deutsche Wirtschaft derzeit nicht ganz nach Plan: Der Spritpreis schoss in den vergangenen Wochen auf über 1,50 Euro pro Liter Benzin und sorgte damit für nachhaltigen Frust bei den Verbrauchern. Denn nicht nur Öl und Benzin sind deutlich teurer geworden: Auch die Preise für Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs steigen seit Monaten. Das macht sich in der hohen Inflationsrate von derzeit über drei Prozent bemerkbar und führt dazu, dass die Verbraucher genau das nicht tun, was sie laut Ökonomen eigentlich sollen: einkaufen.

Dabei hatten sich die Wirtschaftsexperten in ihren Voraussagen vor allem auf den privaten Konsum verlassen. Es war absehbar, dass die US-Immobilienkrise länger dauern und die Weltwirtschaft sich dadurch abkühlen würde - weshalb für 2008 keine neuen Rekorde beim Export zu erwarten sind. Man hoffte also auf die Verbraucher - aber auch die reagieren auf die hohen Preise und denken nicht daran, ihr Geld auszugeben.

20 bis 30 Milliarden Euro weniger Kaufkraft

"Die Konsumenten bekommen die hohen Energiepreise zuerst an der Tankstelle zu spüren, später dann bei Dienstleistungen wie Taxifahrten und allen Produkten, die Erdöl enthalten", sagt Wolfgang Franz, Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). "Das dämpft die Kauflaune und schmälert die reale Kaufkraft." Und das nicht zu knapp: Auf 20 bis 30 Milliarden Euro schätzt Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) den zusätzlichen Kaufkrafttransfer infolge der höheren Energiepreise.

Doch damit nicht genug: "Die Aufwertung des Euro schlägt langsam auch auf die Wirtschaft durch", sagt Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Damit liege man zwar hinter anderen Ländern wie Spanien, das sich schon in der Rezession befinde. "Aber auch Deutschland steht am Rande einer technischen Rezession, die Wachstumsraten im dritten und vierten Quartal können durchaus auch negativ sein."

Genau das aber wird von der Mehrzahl der Experten bezweifelt: "Deutschland schlittert nicht in die Rezession, auch wenn die Gefährdung für die Weltwirtschaft insgesamt größer geworden ist", sagt Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Er rechnet zwar mit einer Abschwächung der Wirtschaft, verweist aber auch auf die positiven Aspekte: "Die deutsche Wirtschaft arbeitet inzwischen viel in aufstrebenden Märkten wie Russland, dem Nahen Osten und den asiatischen Ländern." Das mache unabhängiger von der Wirtschaftskraft der USA. "Außerdem haben wir im Gegensatz zu den USA und einigen europäischen Ländern kein Immobilienproblem - auch das schützt uns vor einer Rezession."

Politik kann nichts gegen hohe Preise machen

Eine Meinung, die auch von Christian Dreger geteilt wird: "Es stimmt, dass wir uns in einer Periode mit sehr niedrigem Wachstum befinden", sagt der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). "Aber wir sind trotzdem nach wie vor im Aufschwung, die Sorge vor einer Rezession ist übertrieben." Und auch Grömling vom IW Köln ist optimistisch: "Der deutsche Export bewegt sich nach wie vor auf sehr, sehr hohem Niveau, wir werden in diesem Jahr Waren im Wert von mehr als einer Billion Euro exportieren." Wenn die Steigerungsraten der vergangenen Jahre nicht erreicht würden, sei das noch lange kein schlechtes Zeichen. "Es herrscht weitestgehend Konsens, dass das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr bei zwei Prozent plus x liegen wird."

Eines aber macht den Konjunkturexperten Sorge: Die Faktoren, die die Weltwirtschaft derzeit bestimmen, lassen sich durch die Politik nur schwer beeinflussen: "Viele Länder haben leere Kassen. Sie können deshalb keinerlei finanzpolitische Maßnahmen ergreifen, um die Wirtschaft zum Beispiel durch Investitionsprogramme zu stimulieren", sagt Deutsche-Bank-Ökonom Norbert Walter. Kurzfristig könnten weder die Bundesregierung noch andere die hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise beeinflussen.

Da helfen, auch da sind sich die Experten einig, nur langfristige Maßnahmen: "Für ein dauerhaft höheres Wachstum braucht es Reformen wie eine Vereinfachung des Steuersystems oder besseren Wettbewerb zum Beispiel auf den Energiemärkten", sagt DIW-Experte Dreger.

Das gleiche gilt für eine Bekämpfung der hohen Energiepreise: "Hier muss massiv in erneuerbare Energien und neue Technologien investiert werden", sagt IMK-Chef Horn. Nur das sorge langfristig für stabilere Preise. Denn sinnvolle Instrumente gegen die hohen Preise, die kurzfristig wirken, gibt es nicht - "so bitter das für die Bundesregierung auch ist", sagt ZEW-Chef Franz. "Bis dahin muss die Politik die Preise einfach durchlaufen lassen, sie kann nichts daran ändern."