Flauer Büromarkt: Renaissance der Wohnquartiere - DER SPIEGEL
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Flauer Büromarkt Renaissance der Wohnquartiere

Ehemals verdrängten klobige Kommerzbauten die Wohnviertel an den Rand der deutschen Städte. Doch nun kehren die Quartiere in die Zentren zurück: Immer häufiger bauen die Stadtplaner leer stehende Bürokomplexe zu modernen Wohnhäusern um.
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Hamburg - Als der spätere Bundesaußenminister noch ein Straßenkämpfer war, musste er einige bittere Niederlagen einstecken. Joschka Fischer und seine Kumpels von der "Putzgruppe" holten sich beim Kampf um Wohnraum im Frankfurter Westend in den frühen siebziger Jahren nicht nur blaue Flecken in Rangeleien mit der Polizei. Oft erwies sich der Körpereinsatz auch als wenig erfolgreich: Viele umkämpfte Gründerzeit-Wohnhäuser im citynahen Stadtteil zerbröselten am Ende unter der Abrissbirne und wurden durch Büros in klobigen Betonkisten ersetzt.

Bald erkannten auch Stadtplaner die Gefahr, dass sich auf diese Art wohnliche Innenstadt-Quartiere in seelenlose Arbeitsplatz-Silos verwandeln. Doch der Versuch, mit Verordnungen, Kontrolleuren und Bußgeldern gegen "Wohnraumzweckentfremdung" und Verdrängung von Mietern vorzugehen, erwies sich als mühsam. Noch vor wenigen Jahren schlugen sich im Frankfurter Wohnungsamt fast 30 Beamte mit Hunderten von Zweckentfremdungs-Verfahren herum, die oft in langwierigen Gerichtsprozessen mündeten.

Inzwischen gibt es Anzeichen, dass sich der Trend umkehrt - nicht durch den Druck von der Straße oder aus den Behörden, sondern mit Hilfe der Gesetze des Marktes. In den meisten westdeutschen Großstädten herrscht heute ein Überangebot an Büros. Dagegen ist Wohnraum mit urbanem Flair begehrte Mangelware.

"Trend zur Sicherung der Innenstädte"

In dieser Situation haben Investoren in Frankfurt, München, Hamburg oder Stuttgart begonnen, ihre alten Bürogebäude wieder in Wohnhäuser umzuwandeln. "Dieser Marktmechanismus unterstützt genau das, was wir städtebaulich wünschen", sagt Michael Marten, Sprecher des neuen Stadtentwicklungsministers Wolfgang Tiefensee (SPD): Das Ministerium sehe in der Entwicklung einen "erfreulichen Trend zur Sicherung der Innenstädte."

Die Rechnung der Bauherren ist einfach: Alleine in Frankfurt am Main, wo die Banken- und Bürohäuser seit den siebziger Jahren in den Himmel wachsen, stehen mehr als zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche leer. Gleichzeitig sieht die Stadtverwaltung einen Bedarf von mehr als 10.000 Wohnungen. Die Büromieten seien auf 10 bis 20 Euro pro Quadratmeter gesunken und näherten sich den Wohnraummieten immer mehr an, berichtet Michael Kummer, Leiter der Bauaufsicht. Gerade die Büros aus den 70ern stünden oft jahrelang leer.

Die ersten Umgestaltungsprojekte brachten nicht nur neuen Wohnraum, sondern oft auch architektonisch anspruchsvolle Ergebnisse hervor. In Hamburgs Stadtteil Harvestehude wurde ein tristes 60er-Jahre Bürohaus in der Bogenallee mit erkerartigen Anbauten sowie einer Holzfassade versehen und zu einem Wohnhaus für 15 Parteien umgemodelt. Jetzt prüft die Stadt ähnliche Pläne für das Kontorhausviertel in Hafennähe.

In Stuttgart hat die Baden-Württembergische Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) das frühere Max-Planck-Institut am Fuße des Killesbergs gekauft. In dem mittlerweile "entkernten" Gebäude von 1959 entstehen 23 Eigentumswohnungen "im hochpreisigen Segment" von 3800 bis 4300 Euro pro Quadratmeter, sagt LEG-Sprecher Dieter Ott. Für Normalverdiener will die LEG im Frühjahr die ehemalige Wehrbereichsverwaltung in der Stuttgarter Eierstraße zu 16 Wohnungen umrüsten. In München ist das Unternehmen an der geplanten Umwandlung der früheren Post im beliebten Wohnquartier Haidhausen beteiligt.

Umbau ist teurer als Abriss

In Frankfurt haben Investoren laut Planungsdezernat an mehr als 100 Umwandlungsprojekten Interesse angemeldet. "Wir verhandeln über ein Volumen von rund 50.000 Quadratmetern Bürofläche", sagt Bauaufsichts-Chef Kummer: "Das ist mehr Fläche als das derzeitige Hochhaus der Europäischen Zentralbank bietet."

Der Umbau alter Bürohäuser zu Wohnungen ist aufwendig und mitunter sogar teurer als ein Abriss und Neubau. "Trotzdem lohnt es sich für die Bauherren", sagt der Frankfurter Architekt Gary Naumann, der im edlen Holzhausenviertel seiner Heimatstadt gerade einen mausgrauen Beton-Büroblock aus den siebziger Jahren zu einem farbenfrohen Wohnhaus mit Balkonen umgestaltet. Drei Eigentums- und sieben Mietwohnungen sollen hier bis Februar entstehen. Bei einem Neubau in dem beliebten Gründerzeit-Quartier wären längst nicht so viele Quadratmeter genehmigt worden, ist der Architekt sicher. Die Eigentumswohnungen waren "innerhalb weniger Tage verkauft", sagt Naumann.

Und auch LEG-Sprecher Ott aus Stuttgart ist "guter Dinge", dass die Projekte auf große Nachfrage treffen. "Wir haben zunehmend Anfragen von Leuten aus dem Umland, die wieder in die Stadt ziehen wollen", sagt er. Häufig seien es ältere Paare, die nach dem Auszug der Kinder alleine in ihrem Häuschen im Grünen sitzen und sich nach dem lebendigen Kulturangebot der Großstadt sehnen.

Für diese Zielgruppe werden auch im Frankfurter Westend Büros geräumt. Im Bürohaus Friedrichstraße 34 wurden Arbeitsräume, Teeküche und Besprechungszimmer zu einer Luxus-Wohnung von fast 270 Quadratmetern umgebaut. Damit haben die Ex-Straßenkämpfer um Joschka Fischer, diesmal mit Unterstützung des Kapitals, gut 30 Jahre nach den Frankfurter Häuserkämpfen doch noch einen kleinen nachträglichen Sieg errungen.