Flexible Arbeitszeiten: Eichstätt schlägt China - DER SPIEGEL
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Flexible Arbeitszeiten Eichstätt schlägt China

Der Lampenhersteller Osram macht der Konzernmutter Siemens vor, wie man Jobs am Standort Deutschland sichert: Mit einem Arbeitszeitkonten-Modell wurden in der bayerischen Stadt Eichstätt fast 800 Arbeitsplätze gerettet. Heute produziert Osram hier genauso günstig wie die Konkurrenz in China.
Von Julia Maria Bönisch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eichstätt - Unter der Geschichte mit dem ewigen Licht hatten sich die Eichstätter eigentlich etwas anderes vorgestellt. Nicht so etwas Penetrantes, Allgegenwärtiges.

Doch im letzten Winter erstrahlte über dem katholischen Städtchen mitten im oberbayerischen Naturpark Altmühltal rund um die Uhr ein riesiger Lichtkegel, nach der Dämmerung sogar in den entfernten Nachbargemeinden sichtbar. Die Dorfjugendlichen setzten sich in ihre getunten Opels und Audis, weil sie dahinter eine neue Disco vermuteten - und landeten vor den Toren des Eichstätter Osram-Werkes.

Der Lichteffekt ist ein Werbegag des größten gewerblichen Arbeitgebers der Stadt. 757 Leute beschäftigen die Lampenbauer hier, plus 30 Azubis. Vor ein paar Jahren noch hatte der Standort auf der Kippe gestanden.

In Asien hätten die Eichstätter Halogenlampen um 64 Prozent billiger gebaut werden können, hieß es damals. Osram dachte - wie heute die Konzernmutter Siemens - über die Verlegung der Arbeitsplätze nach. Doch dann entwickelte der Betriebsrat gemeinsam mit dem Management ein Flexibilisierungsmodell, mit dessen Hilfe die gewaltige Kostenlücke geschlossen werden konnte. Heute produziert das Werk genauso günstig wie die Schwesterwerke in China.

Möglich wurde dies durch die Einführung von Arbeitszeitkonten: Im Rahmen des Tarifvertrages ist im Eichstätter Osram-Werk zurzeit eine Wochenarbeitszeit von 0 bis 48 Stunden möglich. Im Jahresdurchschnitt müssen die Beschäftigten jedoch auf eine 35-Stunden-Woche kommen. In der so genannten Lichtsaison von Oktober bis April, wenn der Glühbirnenbedarf steigt, wird in der Regel mehr gearbeitet. Die Zusatzstunden werden auf dem Arbeitszeitkonto des jeweiligen Arbeitnehmers verbucht und können außerhalb der "Lichtsaison" abgefeiert werden. "Wenn wir uns die freien Tage geschickt legen, können wir im Frühjahr durch Brückentage leicht mal zwei Wochen am Stück Urlaub machen", sagt Betriebsrat Franz Bayer. "Und im Extremfall kann man sich bei uns im Sommer sogar sieben Wochen am Stück frei nehmen."

Ein bisschen China musste sein

Die Beschäftigten müssen den Freizeitausgleich drei Tage vor dem geplanten Urlaubstag , die Chefs entscheiden dann je nach Auftragslage über den Antrag. "Durch dieses Abkommen sind wir unglaublich flexibel geworden", sagt Werksleiter Gerd-Otto Eckstein. "Andere Arbeitgeber müssen in einer guten Phase mehr Leute einstellen, um den Bedarf zu bedienen. Die werden aber hinterher wieder rausgeschmissen. Wir sparen uns das, und können so unser Personal konstant halten."

Tatsächlich steht in Eichstätt das Osram-Werk mit der geringsten Fluktuation. "Die Menschen arbeiten gern hier", sagt Betriebsrat Bayer. "Sie wissen ja, dass sie hier nicht so schnell vor die Tür gesetzt werden können." Solange nämlich zwischen dem Management und dem Betriebsrat die Vereinbarung über das einmalige Flexibilisierungsmodell besteht, sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen.

Doch ganz ohne eine Verlagerung der Produktion kam auch Osram nicht aus. Die lohnintensive Herstellung von Vorerzeugnissen wurde etwa an chinesische Lieferanten vergeben, Lampen für den asiatischen Markt werden jetzt komplett in China hergestellt. "So was nennt man eben generelles Kostenmanagement", sagt Eckstein pragmatisch.

Schimpfen bei Schweinebraten und Linseneintopf

Die Belegschaft hält bei solchen Maßnahmen still. Man ist froh um den eigenen sicheren Job, durch Kritik macht man sich nur unbeliebt. Natürlich verfolgen die Osram-Leute die Diskussion beim Mutterkonzern Siemens. Konzernchef Heinrich von Pierer schockte erst vor wenigen Wochen Siemensianer und Politiker mit der Ankündigung, die Osterweiterung im eigenen Haus zu vollziehen und mindestens 2000 Arbeitsplätze nach Ungarn verlagern zu wollen. Danach geisterten immer neue Horrormeldungen durch die Presse: Die IG Metall sprach zunächst von rund 10.000 Arbeitsplätzen, die zur Disposition stünden, dann wurde um die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche gestritten. Das bislang letzte Schreckensszenario der Gewerkschaften geht von einem Export von 74.000 Jobs ins Ausland aus.

"Da war ganz schön was los bei uns, als das bekannt wurde", erzählt der Eichstätter Osram-Mann Karl Otz. Wenn er und seine Kollegen den Siemens-Debatten und den Diskussionen um den Standort Deutschland zuhören, gehen ihnen die Messer in der Tasche auf. Da wird in der Werkskantine bei Schweinebraten und Linseneintopf geschimpft und vom Leder gezogen. Aber hier, im Werk, könne man sich ja eigentlich nicht beklagen. "Bei uns wird wohl alles erst einmal so weiterlaufen", sagt Otz. "Selbst eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich funktioniert hier nicht. Dann könnte man die ganze Geschichte mit den Arbeitszeitkonten abschreiben."

Würden die Lampenbauer nämlich mehr Stunden leisten, könnten sie keine freien Tage für den Sommer ansparen. Die Folge: Das komplizierte Flexibilisierungsmodell, das durch ein ausgefeiltes Fünf-Schicht-System unterstützt wird, wäre hinfällig. "Dann müssten wir uns komplett neu organisieren. Das steht zurzeit überhaupt nicht zur Debatte", versichert Werkleiter Eckstein.

Kein Spaß bei Audi

Eichstätt als Insel der Seligen? "Na ja", hört man im Werk, man wolle nicht übertreiben, aber man habe es wohl besser als die meisten. "Bei uns gibt's ein paar Leute, die es mal bei Audi in Ingolstadt versucht haben", berichtet Otz. "Aber die standen nach ein paar Wochen alle wieder bei uns vor der Tür." Zu groß, unübersichtlich, unpersönlich sei das riesige Werk in der 30 Kilometer entfernten Stadt. "Das ist ein richtiger Moloch", sagt Otz.

Da ist es in dem 13.000-Einwohner-Nest Eichstätt schon anders. "Barockes Kleinod" heißt es im Touristenführer. Das Osram-Werk liegt in einem kleinen Gewerbegebiet vor der Stadt, direkt am Altmühl-Fluss. Im Sommer paddeln hier Kanuten vorbei, ein Radwanderweg verläuft direkt vor dem Werktor. Alle Osram-Angestellten kommen aus dem Landkreis - man kennt sich. Viele haben nebenher noch ein Stück Land zum Bewirtschaften oder Vieh zu versorgen. Die örtliche Brauerei sponsert die Osram-Fußballturniere und die Möbel der Kantine.

"Ja, schön ist's wohl", sagt auch Betriebsrat Bayer. Aber so etwas Prestigeträchtiges wie Autos baue man eben auch nicht. "Wir wissen schon, dass Lampen das gleiche Standing haben wie Klopapier. Die Leute machen sich eben überhaupt nicht klar, was passiert, wenn man auf einen Lichtschalter drückt." Aber wenigstens, meint Bayer, seien Lampen ein relativ krisensicheres Geschäft. "Licht brauchen die Leute schließlich immer."

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