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ERDGAS Flott eingekauft

Die deutschen Gasgesellschaften haben für die nächsten Jahre gut vorgesorgt. Nach Meinung von Fachleuten zu gut.
• aus DER SPIEGEL 19/1982
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Klaus Liesen, Vorstandsvorsitzer des Gasverteilungsunternehmens Ruhrgas AG und Haupttreiber des deutschsowjetischen Erdgasabkommens, sieht für sein Produkt große Zeiten heraufdämmern.

»Die Politik der Verdrängung von Öl durch importiertes Erdgas«, so Liesen, führe im Ergebnis »zu einer Entlastung der deutschen Leistungsbilanz und zu einer Verbesserung der Versorgungssicherheit«.

Die Leistungsbilanz werde entlastet, behauptet des Landes führender Gasmann, weil Erdgas an der deutschen Grenze um 40 Prozent billiger sei als Öl und stets aus Ländern komme, die im Gegenzug auch deutsche Industrieware abnehmen.

Die Versorgungssicherheit der Nation steige durch Erdgas, weil die Bundesrepublik nur noch mit Ländern außerhalb der Opec ihre neuen bis über das Jahr 2000 reichenden Lieferverträge abgeschlossen habe.

Auch gegenwärtig schon stammen die Erdgaslieferungen allesamt aus Nicht-Opec-Ländern: 32 Prozent aus der Bundesrepublik selbst, 32 Prozent aus den Niederlanden, 20 Prozent aus der Sowjet-Union und 16 Prozent aus Norwegen.

Inzwischen ist die Gasindustrie mit rund 17 Prozent am deutschen Energieverbrauch beteiligt, 1970 sind es nur 5,4 Prozent gewesen. 33 Prozent des in Deutschland verkauften Erdgases wird in Privathaushalten und bei Kleinverbrauchern verbrannt, 31 Prozent bei der Industrie, 24 Prozent in Kraftwerken und zwölf Prozent anderswo.

Bis zum Ende des Jahrzehnts planen die Gasanstalten den Anteil ihres umweltfreundlichen Produkts an der deutschen Energieversorgung weiter zu erhöhen. Liesens Vorstandskollege Friedrich Späth: »Auf etwa bis zu einem Fünftel des gesamten Primärenergieverbrauchs.«

Um schon für die neunziger Jahre das Erdgasangebot zu sichern, haben Ruhrgas, Thyssengas, Gelsenberg und Brigitta, die vier führenden, überwiegend von den Ölmultis beherrschten deutschen Gasunternehmen, inzwischen aber schon so viel Gas eingekauft, daß sie etwa von 1986 an in eine Absatzklemme geraten können, wenn sie weiter auf hohe Endverbraucherpreise Wert legen.

Allein der Vertrag mit den Sowjets bringt von etwa 1985 an zusätzliche 11,4 Millionen Tonnen Steinkohleneinheiten (SKE) Erdgas. Mit den Norwegern, die vom nördlichen Teil der Nordsee aus eine etwa 800 Kilometer lange Pipeline von den Feldern Statfjord und Heimdal nach Mitteleuropa legen wollen, sind für die gleiche Zeit 2,5 Millionen Tonnen SKE jährlich vereinbart.

Während dieser Zeit aber laufen die Lieferverträge über das billigere deutsche und niederländische Erdgas weiter. Die Ende des Jahrzehnts angebotene Gasmenge wird mithin um 14 Millionen Tonnen SKE höher als die gegenwärtige - um 24 Prozent. Falls aber der Energieverbrauch in der Bundesrepublik weiterhin sinkt, würde schon die gegenwärtig angebotene Gasmenge genügen, von 1986 an ungefähr ein Fünftel des westdeutschen Energiebedarfs zu decken.

Erst Mitte der neunziger Jahre, vermuten Energiepolitiker, können die bisher S.56 gut verdienenden Gasverteiler für ihre schon jetzt eingekauften Mengen wieder genügend Absatz finden. Dann nämlich werden die meisten deutschen und niederländischen Gasquellen leer sein - falls in ihrer Nähe nicht neues Gas gefunden wird. »Auch das«, so Shells künftiger Vize-Chef Hans Carsten Runge, »ist ja nicht auszuschließen.«

Die von Big Oil beeinflußten Gasgesellschaften bemühen sich deshalb zunehmend darum, ein mit Verlusten verbundenes Überangebot an Erdgas und einen entsprechenden Preissturz zu verhindern. So wollen sie die Förderung und den Bezug europäischen Gases demnächst planmäßig herabsetzen. Gelsenberg oder Brigitta etwa können die Förderung aus ihren deutschen Erdgasquellen bis auf einen technisch notwendigen Rest drosseln.

Beim Bezug niederländischen Gases wollen die Deutschen bestimmte Vertragsklauseln ausnutzen, die ihnen eine jährliche Minderabnahme um rund 30 Prozent erlauben. Damit können sie die über eine feste Liefermenge lautenden Verträge mit den Holländern bis tief in die neunziger Jahre hineinschieben.

Den Norwegern wollen die Deutschen nach Fertigstellung der Nordsee-Pipeline nur dann ausreichende Mengen Gas abkaufen, wenn sie damit den gegenwärtig noch hohen Einkaufspreis des Norwegen-Gases drücken können. Das billigere Gas aus der Sowjet-Union hingegen wollen die deutschen Gasgesellschaften voll abnehmen - und zum Teil gleich wieder dorthin bringen, wo es herkommt: unter die Erde.

Schon dieses Jahr beginnen die deutschen Gasgesellschaften deshalb mit dem raschen Ausbau ihres Netzes unterirdischer Gasspeicher. So wollen sie alte Salzstöcke zu Kavernen für Gas oder Flüssiggas herrichten. Auch leergepumpte Gasfelder - etwa im Emsland, in Bayern, in Hessen und am Bodensee - sollen schon bald mit importiertem Gas gefüllt werden, um zwischen Angebot und Nachfrage einen Puffer zu schaffen.

Um weitere Reste wegdrücken zu können, wollen die Deutschen den europäischen Erdgasverbund nutzen. Dieser Gasbeschaffungsverbund reicht von der sowjetischen Grenze bis nach Sizilien und schließt auch Länder ein, die sich - wie Frankreich und Spanien - weniger intensiv als die Deutschen mit Erdgas eingedeckt haben.

Selbst das reicht den deutschen Großeinkäufern an Gas als Puffer noch nicht aus. Um nicht Ende des Jahrzehnts dennoch auf zu hohen Abnahmeverpflichtungen zu sitzen, beginnen die Gasanstalten demnächst mit gezielten Aktionen zur Sicherung des westdeutschen Gasverbrauchs. So wollen sie im Herbst 1982, wenn die gegenwärtigen Gastarife für die kommunalen Versorgungsunternehmen abgelaufen sind, die Preise halten und hoffen damit das eingeschlafene Verbraucherinteresse an Gasheizungen wieder zu wecken. Denn für mindestens zwei Millionen weitere Hausanschlüsse reicht das gegenwärtige Verteilernetz der Gasanstalten noch.

Flankenschutz wollen sich die Gasverteiler mit einer Kampagne gegen die Konkurrenz durch neue Heizkraftwerke schaffen, wie sie Hamburgs Bürgermeister von Dohnanyi und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Rau propagieren. Eine politisch bedingte Subvention der Heizkraftwerke, verbreitet die Gasindustrie neuerdings, führe zu »irreversiblen Fehlentscheidungen«.

Wenn aber alles nichts nützt, wollen die Gasmänner tun, was Energiepolitiker seit langem heftig bekämpfen: alte gasbefeuerte Kraftwerke wieder in Betrieb nehmen und ihr Erdgas zu Schleuderpreisen in das Konkurrenzprodukt Strom verwandeln.

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