BEKLEIDUNG Flott gestylt
Robert Lewis, Bankmanager aus Amerika, macht auf eiligen Geschäftsreisen quer durch Europa stets einen Abstecher in die deutsche Provinz. Lewis hält in Metzingen, einem Flecken am Fuß der schwäbischen Alb.
Dort, in den Werkshallen der Schneider-Fabrik Hugo Boss, hat der New Yorker Bankmann eine erstaunliche Erkenntnis gewonnen: Männer-Mode sei in Deutschland »viel besser, schicker und bequemer« als anderswo auf der Welt. Bei seinem jüngsten Besuch stopfte Lewis drei neue Anzüge in seinen Samsonite-Koffer. »Die sitzen«, lobt der Amerikaner seine Mitbringsel, »wie nach Maß.«
Das meinen auch die Boss-Brüder und -Alleininhaber Uwe und Jochen Holy. Ihr Absatz explodiert: Hosen und Hemden, Anzüge und Mäntel, Sakkos und Krawatten für 320 Millionen Mark wollen die Metzinger in diesem Jahr weltweit an den Mann bringen, Rund 100 Millionen mehr als im Vorjahr. Fast 2000 Menschen schneidern für Boss.
»Die Umsätze kommen eben«, umschreibt Jochen, der jüngere Holy, schwäbisch bescheiden das wundersame Wachstum, »irgendwie wird man in eine gewisse Größenordnung gedrängt.«
Während in den letzten 15 Jahren 2600 Bekleidungsbetriebe ihre Tore schlossen und knapp 200 000 Näher und Näherinnen ihren Job verloren, während fast alle Schneider die Angst vor Billig-Importen umtreibt, platzt Boss aus allen Nähten.
Der steile Aufstieg der Schwaben-Brüder begann vor 15 Jahren. Damals übernahmen die Holys das vom Großvater Hugo Boss 1924 gegründete Kleider-Werk. Knabenanzüge und Uniformstücke wurden dort gefertigt, in einer Mini-Fabrik mit regionalem Zuschnitt. Der Umsatz krebste bei fünf Millionen Mark.
Die frisch diplomierten Gründer-Enkel, Kaufmann der eine, der andere Volkswirt, krempelten die Firma völlig um. Nicht mehr Kluft für Knaben wollten sie künftig nähen, sondern Konfektion für den betuchten Herrn.
Die Holys erhoben den Firmennamen zum Geschäftszweck. »BOSS«, jetzt in Großbuchstaben, wurde »zur Berufskleidung für das Management«, erläutert Jochen Holy.
Der Name gedieh zur Marke. Ähnlich den Klepper- oder Burberry-Mänteln, Lacoste-Hemden oder Triumph-Miedern gelang es den Boss-Chefs - worauf sie besonders stolz sind -, auf dem Markt der Anzüge »ein Markenbewußtsein zu schaffen«.
Mit Billig-Konkurrenten aus Italien und Jugoslawien, Hongkong und Taiwan wollten die Deutschen sich nicht anlegen. Also suchten sie sich eine einträgliche Marktlücke. Entsprechend dem gehobenen Image hoben die Holys auch die Preise an - und konnten die Ware bestens verkaufen.
»Wir liegen in der richtigen Zielgruppe drin«, erklärt Jochen Holy den Erfolg. Viele jener arrivierten Herren, die stets viel Geld, aber wenig Geduld aufbringen, um beim Maßschneider zur Anprobe zu stehen, wurden Boss-Kunden: Lufthansa-Boß Heinz Ruhnau ebenso wie Porsche-Chef Peter Schutz oder BMW-Aufsichtsrat Hans-Erdmann Schönbeck.
Politiker aller Parteien, bis auf die tuchverachtenden Grünen, steigen gern ins Metzinger Gewand. FDP-General Helmut Haussmann, SPD-Exminister Volker Hauff und CDU-Professor Kurt Biedenkopf lassen sich von den Boss-Brüdern anziehen. Gern würden die Schwaben auch Helmut Kohl in ihre Kleider stecken. »Den Kanzler«, da ist kaum Widerspruch möglich, »könnten wir besser anziehen«, sagt Jochen Holy.
Auf der Suche nach neuen Kunden haben die Holys den legeren Herrn entdeckt. Inzwischen verkaufen sie auch Hemden, Pullover und Schuhe. Massive Werbung begleitet den lockeren Trend. Tennis-Star Björn Borg läuft Reklame für die Sachen aus Schwaben. Karl-Heinz Rummenigge und Zehnkampf-Weltrekordler Jürgen Hingsen tragen ebenfalls das Boss-Zeichen am Hosenbund. Wenn Rennfahrer wie Alain Prost
oder Jochen Mass in die Kameras der Sportschau blicken, dann prangt auf ihrer Brust werbewirksam der Sponsorname. Auf Niki Laudas Rennhelm ist die Herkunft von Mitteln aus Metzingen in Kinnhöhe abzulesen.
Mit Wohlgefallen betrachten die Holys, wie ihr Markenzeichen sich unter flott gestylten Aufsteigern und Aufschneidern breitmacht. Jeder Golf-GTI-Protz, der einen »BOSS«-Aufkleber ans Heckfenster pappt, trägt den Ruhm der Schwaben weiter. In London, Paris und New York gibt es inzwischen eigene Verkaufsbüros. Mehr als ein Drittel des Umsatzes fließt in den Export.
Die Nachfrage ist so »irrsinnig«, wie Jochen Holy sagt, daß schon der Nachschub ausgeht. Die eigenen Fabriken in Metzingen, Göppingen und in Griechenland sind voll beschäftigt. Zusätzliche Ware wird in Franken, in der Pfalz, in Italien, Jugoslawien und in Hongkong im Boss-Auftrag gefertigt.
Grenzen des Wachstums mögen die an zweistellige Zuwachsraten gewöhnten Schwaben noch nicht erkennen. Deshalb wird weiter investiert. Vom Oetker-Konzern wurde die Windsor Kleiderfabrik in Bielefeld gekauft. In Metzingen werden ein neuer Zuschnittbau und eine weitere Fertiglagerhalle errichtet.
Der eigenen Größe angemessen, wurde jetzt auch der Firmenmantel erweitert. Boss wurde vorletzte Woche in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Stimmberechtigte Anteilseigner werden jedoch auch künftig, sagt Jochen Holy für sich und seinen Bruder Uwe, »allein wir zwei« sein.