BANKEN Flotte Lippe
Jahrelang sorgte der Mannheimer Finanzmanager Wolfram Theuermeister, 41, für einen Hauch von Dallas und Denver in der tristen Provinzstadt am Rhein. Im seidenen Schlafrock empfing er die Honoratioren, um sie bei Schampus und Kaviar mit den Geheimnissen der Finanzwelt vertraut zu machen und ihnen, vor allem, die Vorzüge seiner Bauherrenmodelle zu erläutern.
Besonders Glückliche wurden zu Theuermeisters legendären Festen ins Schickeria-Dorf Marbella an Spaniens Sonnenküste eingeflogen. Auf seinem Anwesen, komplett mit Badehäuschen und Butler, zeigte der ehemalige Schüler des IOS-Chefs Bernie Cornfeld den Mannheimern, was feine Lebensart ist.
Doch seit Anfang Juli ist das vorbei. Kurz bevor sein Mannheimer Immobilienimperium zusammenbrach, setzte sich der Selfmademan nach Spanien ab. Zurück blieben jede Menge Schulden und etliche hundert Bauherren, die um ihre Mieteinnahmen und die steuerliche Anerkennung ihrer Anlagen bangen.
Preiseinbrüche und Vermietungsschwierigkeiten hatten zunächst bei den gewerblichen Zwischenmietern Essex und Hadefa zum Konkurs geführt. Wenig später folgten die übrigen Unternehmen der Theuermeister-Gruppe, darunter die Allgemeine Wirtschafts- und Anlageberatungs-GmbH (AWIG) und die Muttergesellschaft BIT-Beteiligungs- und Immobilien GmbH.
Theuermeisters Kunden sind bei weitem nicht die ersten, die auf windige Steuersparmodelle hereingefallen sind. Sie sind auch nicht die ersten, die dabei ihr Vertrauen in den Ruf einer Bank setzten. Doch eben diese Bank hätten sie sich genauer ansehen sollen: Die Badische Kommunale Landesbank (Bakola) in Mannheim, die Girozentrale der badischen Sparkassen, ist bereits mehrfach dadurch aufgefallen, daß sie ihre Geschäftspartner offenbar nach eigenwilligen Kriterien auswählt.
Die Bakola finanzierte nicht nur Theuermeister-Projekte in der Mannheimer Innenstadt und am Wiesbadener Kureck, sondern spielte auch den Treuhänder für die Anleger. »Einmalig in Deutschland ist das 'Sicherheits-Paket' für die von uns betreuten Bauherren«, hatte Theuermeisters AWIG zusammen mit der Bakola für die »Jahrhundert-Immobilie« an der Wiesbadener Wilhelmstraße geworben. Für die Bank bürgen Städte und Gemeinden. Das sei - so warb der Prospekt - eine »grundsolide Basis«. Da griffen viele Steuersparer zu.
Dann plötzlich, Ende Juni, war die solide Basis weg. Die Bakola wollte eine der Hadefa gewährte Bürgschaft nicht mehr verlängern, weil die Theuermeister-Firma durch sinkende Mieteinnahmen in die Klemme kam. Der Zwischenmieter zahlte zunächst den Bauherren die versprochene Miete nicht mehr und ging dann in Konkurs.
Besonders schlimm dran sind jene Bauherren, die sich von Theuermeisters Firma AWIG Gewerbeflächen im Untergeschoß des Wohn- und Geschäftsgebäudes am Wiesbadener Kureck andrehen ließen. Der Immobilienhändler hatte Lagerflächen als Läden verkauft, obwohl von Anfang an feststand, daß dafür nie eine Genehmigung erteilt würde. Weil aber das Untergeschoß nicht wie geplant vermietet ist, gibt es für die Kapitalgeber auch keine Rendite - sie zahlen drauf.
Bakola-Vorstandsmitglied Dieter Münch nimmt den ehemaligen Geschäftsfreund noch immer in Schutz. Daß Theuermeister »ein paar verrückte Ideen hatte und eine flotte Lippe riskierte«, sei kein Grund gewesen, »ihn nicht als Partner zu akzeptieren«.
Verrückte Ideen waren bei der Partnerwahl offenbar nie ein Hindernis. So hatten sich die Mannheimer erst kürzlich Anlageberater ausgesucht, die mit eigenwilligen Methoden arbeiteten: Sie wollten einen Bakola-Grundstücksfonds in Heidelberg verkaufen, noch ehe überhaupt ein Prospekt mit den erforderlichen Daten vorlag.
Auch in Wiesbaden griffen die Mannheimer daneben. In unmittelbarer Nähe zum Kurpark finanziert die Bakola dort ein Senioren-Wohnstift mit rund 75 Appartements, nebst geriatrischer Klinik und Therapiegeschoß. Erbauer des Zehn-Millionen-Projekts ist der Finanzkaufmann Hermann Gürsch, 50, der in Hannover und Bad Pyrmont jeweils zwei weitere sogenannte Senioren-Residenzen besitzt.
Gürsch, Vorsitzender der rechtslastigen »Paneuropa-Union« in Niedersachsen, hat sich offenbar bereits hinreichend disqualifiziert: Am 17. August 1979 bescheinigte ihm der Landkreis Hameln-Pyrmont, »daß Herr Gürsch zum Führen von Alteneinrichtungen persönlich ungeeignet« ist.
Gürsch hatte den staatlichen Heimaufsehern Schein-Pachtverträge vorgelegt, weil er selbst nicht als Bewirtschafter der Altenheime auftreten wollte. Rentner, die seine Mieterhöhungen nicht schlucken wollten, beschied er: »Ich habe nicht die Zeit, über dumme kindliche Albernheiten seitenlange Briefe zu schreiben.«
Seither läßt Gürsch seine Residenzen von einem gemeinnützigen Träger, der »Braunschweiger Seniorenhilfe«, betreiben. Doch für sein ehrgeiziges Projekt in Wiesbaden hat er bislang noch keinen Pächter gefunden - trotz tatkräftiger Hilfe seines Duz-Freundes Ernst Wilharm, eines Vorstandsmitglieds der Bakola.
Interessenten wie die Braunschweiger Seniorenhilfe wollen das Heim nur dann betreuen, wenn die Bakola selbst das Projekt übernimmt. Denn das steht offenbar auf wackliger Grundlage. Weil sich die Fertigstellung des Objekts um Monate verzögert, sind die Mieter, die teilweise bis zu 25000 Mark anzahlen mußten, verunsichert. Neue Mieter aber
- und damit neues Geld - sind vorerst nicht in Sicht, weil Gürsch sich mit seinem bisherigen Chefverkäufer Kurt Kohls überworfen hat. Ohne seine Einwilligung, so Gürsch, habe der am 19. Juli vergangenen Jahres über die Düsseldorfer Werbeagentur BMZ für 40000 Mark Anzeigen geschaltet. Die beauftragte Agentur hat ihr Geld bis heute noch nicht bekommen.
»Ich hatte doch eine Vollmacht«, sagt Kohls. Doch Gürsch meint, sein früherer Kompagnon habe seine Kompetenzen überschritten.
Bis zur Bakola in Mannheim haben sich die fragwürdigen Praktiken ihrer Geschäftspartner offenbar noch nicht herumgesprochen. Auch die bewegte Vergangenheit Kohls', der für Gürsch die Altenheime betreute, scheint den Sparkassen-Managern bislang entgangen zu sein.
Der heute 57jährige Kohls war im Mai 1979 nach knapp vierjähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen worden. Rund 27 Millionen Mark hatte der ehemalige Mittelgewichtsboxer Anfang der 70er Jahre bei Ärzten, Anwälten und sogar bei mehreren Geistlichen eingetrieben - um sie in einen Bordell-Konzern zu investieren, der schließlich zusammenbrach.
Kaum aus dem Knast, faßte der Ex-Bordellmanager erneut im Immobiliengeschäft Fuß und half seinem Freund Gürsch. »Ein Pfarrer hatte mich angerufen«, rechtfertigt Gürsch seine »Resozialisierungsmaßnahme«, »und mich gefragt, ob ich nicht etwas für Kohls tun könne.«
Gürsch ließ seinen alten Kumpel nicht im Stich. Seither kümmerte Kohls sich mit dem gleichen Eifer um wohlhabende Rentner, mit dem er früher seine Erostessen betreute. »Die alten Leute«, sinniert er, »möchten noch am Leben teilhaben. Die wollen nicht am Waldrand sitzen und warten, bis ein Rehlein herausspringt und ihnen die Hände küßt.«