WÄHRUNG Flucht aus der Mark
Der Euro kam und mit ihm das erwartete Chaos. In den Bahnhöfen drängelten sich die Reisenden in endlosen Reihen, weil die Bahn offenbar die Software zur Währungsumstellung falsch programmiert hatte.
Wer die neue Währung in den Händen halten wollte, musste von einer Bankfiliale zur nächsten tingeln, um dann immer wieder aufs Neue festzustellen, dass die Automaten leer waren oder außer Betrieb - oder dass sie noch die alten Scheine ausspuckten.
Zwei, drei Stunden Wartezeit an Bank- und Postschaltern waren eher die Regel als die Ausnahme. Die meisten Kunden machten sogleich wieder kehrt und verzichteten auf das neue Geld. Was auch nicht weiter schlimm war, denn viele Händler waren ebenfalls noch nicht auf die neue Währung eingestellt, sie hatten ihre Ration Euro nicht rechtzeitig erhalten.
So weit die schlimmen Nachrichten aus Euroland. Die gute Nachricht: Das Chaos blieb regional begrenzt - auf Italien, das Land, das so begierig in den Euro-Club gedrängt hatte und das viele Clubmitglieder am liebsten gar nicht reingelassen hätte.
Im Rest der Staaten dagegen verlief die Währungsumstellung so reibungslos, dass sich selbst die beruflich zum Optimismus verpflichteten Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) positiv überrascht zeigten. Fast schien es, als könnten sich insbesondere die Deutschen, die doch so sehr an ihrer Mark zu hängen schienen, nicht schnell genug von ihrer alten Währung trennen.
Schon zu Silvester fanden um Mitternacht vor den Geldautomaten kleine Partys statt. Am Neujahrstag gehörte der Gang zum Automaten zum Pflichtprogramm - auch von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Und am ersten Arbeitstag des neuen Jahres drängten sich die Menschen in den Filialen, um Mark gegen Euro zu tauschen, als wären die alten Scheine am nächsten Tag schon nichts mehr wert.
Wem das Anstehen vor dem Bankschalter zu mühsam war, der nutzte den Handel als Wechselstube. Im Restaurant »Wintergarten« des Berliner Kaufhauses KaDeWe wollte ein Kunde seinen Kaffee für 2,10 Euro mit einem Tausendmarkschein bezahlen. Restaurant-Chef Hans-Joachim Matzky lud ihn daraufhin ein.
Rational war die Flucht aus der Mark nicht - denn noch bis Ende Februar kann mit dem alten Geld (fast) überall bezahlt werden. Es gebe »keinen Grund zur Eile«, mahnte Bundesbankpräsident Ernst Welteke. Aber die Banker sind sich einig, dass schon Ende der zweiten Januarwoche die Mark im täglichen Leben kaum mehr eine Rolle spielen wird.
»Der Euro ist ein überwältigender Hit«, stellte das »Wall Street Journal« verwundert fest. In Frankreich mussten die Gewerkschaften sogar ihren angedrohten Arbeitskampf bei Banken und Sparkassen in letzter Minute absagen. Auch ihre Mitglieder wollten offenbar in dieser historischen Stunde nicht als Spielverderber dastehen.
Warum die Europäer ihre neue Währung so freudig begrüßten, wird nun die Psychologen beschäftigen. Haben sie damit wirklich gezeigt, dass sie zu Reformen bereit seien, wie der spanische Finanzminister Rodrigo Rato mutmaßt? Oder war es eher der Spaß am Neuen - die Euro-Einführung als europäisches Happening?
Die Devisenmärkte jedenfalls werteten die allgemeine Euro-Euphorie als positives Signal für die Zukunft der gemeinsamen Währung: Der Wechselkurs im Verhältnis zum Dollar stieg am ersten Handelstag des neuen Jahres um fast zwei Prozent auf über 90 Cent. Einen derart großen Sprung hatte es seit Monaten nicht mehr gegeben. Und auch die Aktienbörsen profitierten von der guten Stimmung.
300 Millionen Menschen in der Euro-Zone können jetzt mit einer gemeinsamen Währung zahlen - zu der sie offenbar mehr Vertrauen haben, als alle Umfragen vorher zum Ausdruck brachten. Und Vertrauen ist nicht das schlechteste Fundament für eine stabile Währung.
Bisher enttäuschte der Euro seine Anhänger nicht. Anders als vielfach erwartet nutzte der Handel die Umstellung nicht zu heimlichen Preiserhöhungen. Im Gegenteil: Viele Handelsketten kündigten offensiv Preissenkungen an.
Den ersten Paukenschlag setzte Discounter Aldi. In doppelseitigen Zeitungsanzeigen warb die Handelskette mit der »größten Preisermäßigung aller Zeiten«. Nicht nur einzelne Artikel, sondern das gesamte, rund 800 Positionen umfassende Sortiment wurde um zwei bis drei Prozent verbilligt.
Alle ungeraden Euro-Preise, versprach das Unternehmen, würden auf den nächstliegenden Schwellenpreis, der meist mit einer Neun endet, gesenkt. So sind für den Liter Milch, der - korrekt umgerechnet - eigentlich 61 Cent kosten müsste, nur 59 Cent fällig, die Flasche Wodka für umgerechnet 5,10 Euro berechnet Aldi mit 4,99 Euro und das Pfund Margarine mit 49 statt 51 Cent.
»Das ist das Einläuten einer neuen Preisrunde«, urteilte Gerd Härig vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels. Und in der Tat reagierte die Discountkette Norma mit »Preissenkungen auf die neuen Euro-Eckpreise« und lehnte sich damit eng an die Aldi-Vorgabe an.
Etwas vorsichtiger operierten die Handelsketten Plus und Lidl. »Woche für Woche wird es billiger«, kündigte der zum Tengelmann-Konzern gehörende Discounter Plus an, schon zum Start »purzeln die Preise für 250 Artikel«, nicht ein einziger Artikel werde teurer. »Euro = jetzt noch billiger«, verkündete Aldi-Konkurrent Lidl und warb in doppelseitigen Anzeigen mit zahlreichen Preissenkungen.
Schließlich zog auch die zur Lidl-Gruppe gehörende SB-Warenhauskette Kaufland nach. Rund 1300 Produkte sind in den 350 Kaufland-Filialen billiger und zum Teil mit echten Kampfpreisen positioniert worden. So kostet das Pfund Kaffee statt 4,60 Euro nur 3,99 Euro.
Den PR-Effekt ihrer Preissenkungen dürften die Konzerne eingeplant haben, Kritiker argwöhnen zudem, die Lebensmittelketten hätten im vergangenen Jahr die Preise systematisch angehoben - um sie zum Euro-Start medienwirksam senken zu können. Tatsächlich sind Lebensmittel im vorigen Jahr teurer geworden - aus unterschiedlichen Gründen. Eine Täuschung der Kunden konnten Verbraucherschützer bisher aber nicht nachweisen.
Den größten Wirbel und die dicksten Schlagzeilen verursachte der Bekleidungshändler C&A mit einer besonders cleveren Aktion. Um die Kassen in den ersten Tagen der Euro-Umstellung zu entlasten, gewährte C&A 20 Prozent Rabatt auf jeden Artikel, wenn die Kunden mit Kredit- und EC-Karte bezahlten.
Die Kunden waren zufrieden, die Konkurrenz schäumte - und es kam, wie es im überregulierten Deutschland kommen musste: Ein Gericht stoppte die verbraucherfreundliche Aktion per einstweiliger Verfügung.
Zwar hat die rot-grüne Regierung vor kurzem das Rabattverbot abgesetzt, aber nur für individuelle Preisnachlässe. Preissenkungen für bestimmte Gruppen und für eine begrenzte Dauer gelten als Sonderveranstaltungen, und die sind in Deutschland - warum auch immer - verboten.
Der Düsseldorfer Bekleidungshändler kümmerte sich allerdings nicht um den Richterspruch, weitete die Aktion sogar auf alle Kunden aus - und erhielt prompt eine weitere einstweilige Verfügung.
Trotz zahlreicher verlockender Angebote in allen Handelsbereichen blieb der große Ansturm der Kunden allerdings aus. Aber auch von verunsicherten Verbrauchern, die sich angesichts der neuen Währung beim Konsum zurückhalten, war nichts zu spüren - das Geschäft lief in den ersten Euro-Tagen ganz normal.
Langfristig, da sind sich alle Experten einig, wird der Verbraucher vom Euro profitieren, die neue Währung wird für niedrigere Preise sorgen. Denn das einheitliche Geld erleichtert Vergleiche über die Landesgrenzen hinweg. Vor allem bei Autos oder Markenkleidung können die Kunden jetzt leichter erkennen, ob sie im Ausland ein Schnäppchen machen.
So kostet ein Notebook des Typs IBM Thinkpad R 30 in Irland 2300 Euro, während es in Deutschland schon für 1500 Euro erhältlich ist. Eine Levi's-Jeans aber, die hier zu Lande 68 Euro kostet, ist in Finnland schon für 47 Euro zu haben.
Noch größer sind die Unterschiede naturgemäß beim Autokauf. So ist der VW-Golf, der in Deutschland mit einer Preisempfehlung von 11 899 Euro angeboten wird, in den Niederlanden gut tausend Euro billiger.
Solche Differenzen werden sich auf Dauer nicht halten lassen. Schon hat der Autokonzern BMW angekündigt, seine 7er-Modelle künftig europaweit zum gleichen Nettopreis anzubieten. Porsche hat seine Preise bereits harmonisiert.
Konstante oder sinkende Preise aber sind die Voraussetzung einer stabilen Währung. Gute Aussichten für den Euro also? Norbert Walter, der Chefökonom der Deutschen Bank, sieht es gelassen. Er konnte den Hype um die Verteilung von 15 Milliarden Euro-Scheinen und 52 Milliarden Münzen nicht verstehen: »Das Ganze ist genauso langweilig wie die Einführung der neuen Postleitzahlen.«
Schließlich gibt es den Euro, wenn auch nur als virtuelle Währung, schon seit drei Jahren. Die Einheitswährung hatte sich bereits als Recheneinheit für Aktienkurse, Firmenverträge und Bankgeschäfte bewährt. Warum also die Aufregung?
»Fundamental«, so Walter, habe sich doch überhaupt nichts verändert. Der Euro sei keineswegs wertvoller geworden, nur weil er nun greifbar und fassbar sei.
Letztlich war es ein psychologischer Effekt, der den Euro-Kurs dennoch nach oben trieb. Die Devisenhändler erwarteten eine zumindest kleine Aufwertung, und deshalb kauften sie Euro. So trieben sie sich gegenseitig nach oben. Schon am zweiten und auch am dritten Handelstag des neuen Jahres bröckelte der Euro-Kurs allerdings wieder ab und rutschte unter die 90-Cent-Schwelle.
Erst rauf, dann runter - etwas Ähnliches hatten die Märkte auch schon vor drei Jahren erlebt. Nach dem ersten Kurssprung 1999 verlor der Euro an Wert, zeitweise bis 36 Prozent.
Mittelfristig sehen Fachleute wie Silke Tober vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zwar ein Aufwertungspotenzial von 15 bis 30 Prozent. Aber mittelfristig heißt: eher in den nächsten drei, vier Jahren als in den kommenden zwölf Monaten. Und auch nur dann, wenn die Konjunktur in Euroland wieder richtig in Schwung kommt. Bisher allerdings spricht alles eher für eine Erholung der Ökonomie in den Vereinigten Staaten - und damit für einen starken Dollar.
Die eigentliche Bewährungsprobe für die gemeinsame europäische Währung steht jedenfalls noch aus. Ob die neue Währung langfristig wirklich ein Erfolg wird, hängt vom Willen und der Disziplin der europäischen Politiker ab: Sie müssen
‣ ihre Haushalte sanieren, damit das Vertrauen in den Euro nicht schwindet;
‣ verkrustete Strukturen aufsprengen, damit Europas Wirtschaft eigene Kräfte entfaltet und weniger am Wohl der US-Ökonomie hängt;
‣ dafür sorgen, dass die Volkswirtschaften der Euro-Zone nicht zu weit auseinander driften, weil das ökonomische Gefälle nicht durch Wechselkurs-Änderungen ausgeglichen werden kann;
‣ deshalb verhindern, dass nach der geplanten Ost-Erweiterung der Europäischen Union zu früh neue Mitglieder in den Euro-Club drängen.
Trotz aller Risiken: Auch die meisten Kritiker haben sich mit der neuen Währung abgefunden. Bisher jedenfalls lief es besser als vielfach erwartet: Die Preise stiegen moderat, die Wirtschaft profitierte, weil die Euro-Länder von spekulativen Attacken auf ihre Währung verschont blieben. Und jetzt klappte auch noch die Umstellung auf das neue Geld so gut.
Dass die Währungsunion jetzt noch scheitern kann, glauben nur noch ganz wenige. »Der Euro wird uns in die Katastrophe führen«, verkündete der notorische Euro-Gegner Bolko Hoffmann, Herausgeber eines Aktionärsbriefs, am Silvestertag in ganzseitigen Anzeigen.
Nur Italien, das so sehr in den Euro-Club drängte, macht eine Ausnahme. Dort stellen die Euro-Skeptiker sogar die Regierung. Verteidigungsminister Antonio Martino, ein Ökonom, ist fest davon überzeugt, dass die Geschichte des Euro mit einem Fiasko endet.
Für Lega-Nord-Chef Umberto Bossi ist der Run auf Bankschalter und Geldautomaten bloß »eine Erfindung der Medien«. Und der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi sagt überhaupt nichts zum neuen Geld.
KLAUS-PETER KERBUSK, ARMIN MAHLER, ULRICH SCHÄFER, HANS-JÜRGEN SCHLAMP
* Mit Dresdner-Bank-Chef Bernd Fahrholz, Bundesbank-PräsidentErnst Welteke und US-Botschafter Dan Coats am 1. Januar kurz nachMitternacht in Berlin.