Fluglinien-Boom Indiens Airline-Avantgarde startet durch
Hamburg - Anfang Mai berauschte sich der indische Brauerei-Baron Vijay Mallya, Hersteller des hellblonden "Kingfisher"-Lagerbiers, wieder mal am eigenen Erfolg. Im fernen Toulouse hatte er einen brandneuen Airbus vom Typ A320 abgeholt, und nun sollte die Maschine zum Erstflug einer ebenfalls brandneuen Fluggesellschaft abheben - der Kingfisher Airlines natürlich. Mallya über sein jüngstes Unternehmen: "Ich erwarte, dass es schon im ersten Jahr Gewinn abwirft."
Der Boss der United Breweries in Bangalore hat viel investiert. Bei Airbus hat er gleich 30 Maschinen geordert, was ihn 1,8 Milliarden Dollar kostet. Dann aber soll die Bier-Luftflotte auch noch auf 55 Flugzeuge vergrößert werden, obwohl in Indien fast im Monatstakt eine neue Billig-Luftlinie wie die von Mallya flügge wird.
Der Discounter Air India Express, eine Tochter der großen Staatsgesellschaft Air India, war Mallya sogar zuvorgekommen und bereits am 29. April gestartet - mit einer gleichfalls fabrikneuen Boeing 737-800. Ein solcherart bemaltes Flugzeug hat die Welt noch nicht gesehen: Am linken Teil des Leitwerks prangen der Rüssel und der Kopf eines Elefantenbullen und rechts das Abbild eines Kamels aus der Wüste Radschastans.
"Platz für jedermann"
Etwas fremdartig, zumindest was den Namen angeht, wirkt auch die Gewürz-Fluglinie SpiceJet, die Mitte Mai zum Dienst antrat. Die Gesellschaft, zu deren Besitzern reiche indische Familien in London zählen, beginnt mit 3 Boeings und hat 20 weitere schon mal bestellt.
Den Bierbrauer Mallya scheinen die Mitbewerber wenig zu bekümmern. Am weiten Himmel Indiens gebe es "Platz für jedermann", meint er etwas herablassend - auch für den anderen Alkoholkönig des Landes, Kapil Mohan, der die berühmte Rumsorte "Old Monk" destilliert und den indischen Biermarkt mit einem Gebräu namens "Guru" überschwemmt. Mohan stellt derzeit eine Flotte brasilianischer Embraer-Jets zusammen. Vom 15. August an will auch noch die Billig-Gesellschaft Air One mitmischen.
All das klingt atemberaubend, ist aber erst ein Anfang. Denn auf dem Subkontinent hat eine Schlacht um die Lufthoheit begonnen, die auf der Welt nicht ihresgleichen hat. Nirgendwo sonst, auch nicht in China, gibt es einen solch enormen Wachstumsmarkt und ein Reservoir an potentiellen Passagieren, das beinahe unerschöpflich scheint. Zurzeit zählt Indien 1,1 Milliarden Menschen - doch prozentual gesehen fliegen kaum mehr Einwohner als in Haiti.
Dienstmädchen aus dem Land des schwarzen Pfeffers
Interessant als Kundschaft sind zum Beispiel die Millionen Inder, die in den Ölstaaten am Persischen Golf arbeiten. Auf sie hat es die Air-India Express abgesehen, die ihren Premierenflug nach Abu Dhabi unternahm. Und schon prüft der Bundesstaat Kerala, ob er nicht eine eigene Linie zum Golf entsenden soll, da allein 1,5 Millionen der Gastarbeiter - vor allem Dienstmädchen, Gärtner und Köche - aus dem Land des schwarzen Pfeffers und der Wasserhyazinthen stammen.
Auch jene 15 Millionen Inder, die täglich eine Eisenbahn benutzen, gelten als Anwärter auf einen Flugzeugsitz. "Bald sind Fahrten mit der Bahn eine Sache der Vergangenheit", lautet denn auch der Slogan von SpiceJet. Ajay Singh, Direktor des Billig-Fliegers, verspricht: "Wir werden mit unseren Preisen die Airline des kleinen Mannes sein." Das verheißen aber auch noch andere, die beim Luftfahrtministerium in Delhi eine Betriebslizenz beantragt haben.
Sir Richards Auftritt als Flaggenschwenker
In ganz Asien hat mit derzeit 30 Discount-Airlines eine Revolution der Luftfahrt stattgefunden, doch Indien ist dabei, unbestritten Spitzenreiter des Erdteils zu werden. Wie ein Magnet zieht die einstige Kolonie des kleinen England auch billige Jakobe aus dem Ausland an - von Air Arabia im Mini-Emirat Schardscha bis hin zu jenen 15 Budget-Linien, die allein über die chinesische Hafenmetropole Tianjin nach Bombay fliegen.
Teil zwei: Inder am Fuß des Titlis, Inder überall.
Auch der unvermeidliche Sir Richard Branson hat eine
Goldader entdeckt: die Rennstrecke London-Bombay,
die er jetzt mit seiner Virgin Atlantic in Konkurrenz zu
British Airways ansteuert. Anlässlich des Erstflugs tat er,
was sonst streng verboten ist: Branson kletterte am Ziel
durch den Notausstieg auf die Tragfläche des Airbus A340,
gefolgt von den Stewardessen, die den Union Jack und
die Trikolore Indiens schwenken mussten.
Gestandene Fluggesellschaften wie die Lufthansa haben Indien ebenfalls im Visier. Die Lufthanseaten sind mit einer weiteren Verbindung, die seit Februar von München nach Delhi führt, sogar zum größten ausländischen Carrier auf Indien-Routen aufgestiegen und bieten wöchentlich 32 Flüge dorthin an.
Direktflug-Premiere zwischen Delhi und den USA
Doch die Kranich-Planer müssen aufpassen, da Mitbewerber aus allen Richtungen der Kompassnadel Indien anpeilen. Das liegt an Luftverkehrsabkommen, die Indiens zuständiger Fachminister Praful Patel wie am Fließband mit anderen Ländern abgeschlossen hat.
Mit den USA etwa wurde vereinbart, die Anzahl der Destinationen gänzlich freizugeben, was nun dazu führt, dass auf amerikanischer Seite Continental zu den bisherigen Indien-Fliegern Delta und Northwest aufschließt. Continental will sogar die ersten Direktflüge aus den USA nach Delhi starten - eine der längsten Flugrouten der Welt. Umgekehrt darf die Air India, die bisher schon nach New York, Newark, Los Angeles und auch Chicago fliegt, Washington, San Francisco sowie Houston neu in das Programm aufnehmen.
Während sich der Boom im früheren Land der Fremdartigkeit überschlägt, zeichnet sich schon eine neue Allianz ab: Die Chinesen und Inder sollen sich näher kommen - und das mit Macht. Beim Besuch des chinesischen Premiers Wen Jiabao bei dessen indischem Amtskollegen Manmohan Singh wurde vor kurzem neben einer "strategischen Partnerschaft für Frieden und Wohlstand" auch das Thema "Personenaustausch" erörtert.
Bisher nämlich durften die alten Rivalen jeweils nur zwei Städte in China beziehungsweise Indien anfliegen. Das wird sich dramatisch ändern. Anlässlich der Visite Jiabaos kam man überein, ab sofort jeweils sechs Metropolen für indische und chinesische Fluglinien zu öffnen. Von Sommer nächsten Jahres an soll die Anzahl der wöchentlichen Flüge auf 42 hochgefahren werden.
Spielkasinos im Land der Sittenstrengen
Das entspricht durchaus der Reisewut von indischen Touristen. Jährlich reisen fünf Millionen von ihnen per Flugzeug ins Ausland - das schlägt das Heer jener Besucher, die im gleichen Zeitraum nach Indien einschweben, um mehr als das Doppelte.
Die Inder erscheinen überall. Am Fuß des Titlis etwa,
im schweizerischen Engelberg, stellen sie schon
jeden zehnten Hotelgast, und die
Jungfraubahnen AG haben auf der eisigen
Station am Jungfraujoch eigens ein
Restaurant für die Exoten eröffnet, die mit Fondue
und Raclette nicht klarkommen. Auch Südostasien ist schwer nachgefragt. So
lassen in Hongkong pro Jahr 244.346 Inder deutsche
Touristen (169.661) klar hinter sich. Und
Singapur lockt jährlich 471.000
Inder an. Der einst sittenstrenge Inselstaat
lässt ihretwegen sogar einen Komplex
von Spielkasinos erbauen.
Währenddessen herrscht im kaum mehr überschaubaren Strauß indischer Fluggesellschaften der totale Wettbewerb. Die Fluglinien pressen immer mehr Maschinen in die Flotten. Ein Beispiel: Der indische Billig-Pionier Air Deccan hat im April 30 neue Airbusse bestellt und strebt 600 Flüge täglich an. Warteschleifen werden dabei garantiert sein, da die Flughäfen von Delhi und Bombay jeweils nur eine Start- und Landebahn besitzen.
Luftfahrtminister Patel hat deshalb vor, beide Airports mit Milliardenaufwand auszubauen. Neue Flughäfen sind in Bangalore und Hyderabad bereits im Bau, und 30 weitere Flughäfen sollen bis 2009 modernisiert werden.
Die großen nichtstaatlichen Inlandsfluggesellschaften
Indiens, Jet Airways und Air Sahara, expandieren derweil in den Rest der Welt. Air Sahara fliegt täglich nach Singapur und belegt Strecken nach Chicago, London und Bangkok. Jet Airways fliegt ebenfalls nach Singapur und neu auch nach Kuala Lumpur, London und von Juni an nach Newark im US-Staat New Jersey.
Deutschland lassen die Inder links liegen.