Flugzeugbau Wenn Airbus verkauft wer kauft?
Hamburg - Trendsetter Amerika: Wie man als Flugzeughersteller den Verkauf eines Werks über die Bühne bekommt, hat Boeing vor zwei Jahren im Herzen der USA, im Bundesstaat Kansas vorexerziert. Weil der Konzern seine Fertigung verschlanken und nebenbei ein bisschen Cash kassieren wollte, stellte er ein Werk mit rund 7500 Mitarbeitern in Wichita zum Verkauf. Ein Kulturschock die Prärie-Großstadt hatte sich wegen ihrer starken Luftfahrtindustrie immer gern zum "Air Capital" der Vereinigten Staaten hochstilisiert.
Inzwischen sieht es so aus, als sei der Verkauf eine clevere Lösung für alle Beteiligten gewesen: Boeing bekam für das abgestoßene Werk und zwei weitere 1,2 Milliarden Dollar in die Kasse, der neue Besitzer namens Spirit hat im November in New York einen respektablen Börsengang hingelegt. Und viele Analysten und Luftfahrtexperten in Europa raten Airbus, vom Fall Wichita zu lernen.
Seit die Verzögerungen beim A380 Airbus Milliardenkosten bescherten, steht das Thema Werksverkauf auch in der Toulouser Konzernzentrale auf der Agenda. Eine Goldman-Sachs -Studie, die im Herbst bekannt wurde und für reichlich Angst und Furore sorgte, hielt sogar den Verkauf von 7 der 16 Airbus-Werke für möglich darunter den der deutschen Standorte Varel, Nordenham, Buxtehude und Stade, allesamt in Niedersachsen.
"Die Mitarbeiter-Ausweise abgeben"
Ganz so radikal wird Airbus-Chef Louis Gallois wohl nicht zu Werke gehen, wenn er am Dienstagnachmittag in Toulouse das Spar- und Rationalisierungsprogramm "Power 8" präsentiert. Doch der eine oder andere Standort wird vermutlich zum Verkauf gestellt - darauf deuten verschiedenste Indizien hin.
So warnt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, "manche im Konzern" wollten sich durch die Trennung von Produktionsstätten "Kapital beschaffen". Und Thomas Enders, Co-Chef der Airbus-Mutter EADS , deutete bei einem Auftritt vor Parlamentariern an, Airbus brauche langfristig keine eigenen Einzelteilwerke mehr womit er unter anderem Nordenham und Varel gemeint haben dürfte. Auch Buxtehude soll auf der Kippe stehen. Der französische "Figaro" wiederum spekuliert, das Werk in Saint-Nazaire mit 850 Mitarbeitern könne an einen Zulieferer losgeschlagen werden, "Les Echos" will von Verkaufsplänen für den Standort Méaulte erfahren haben.
"Für die Mitarbeiter dieser Werke fällt dadurch ein Stück Identität weg", sagt Cord Schellenberg, ein Hamburger PR-Berater und Kenner der Luftfahrtbranche. "Die Leute haben immer stolz gesagt 'Ich bin ein Airbus-Mann', nun müssen sie ihre Mitarbeiterausweise abgeben." Den Verkauf einzelner Werke hält er gleichwohl für sinnvoll: "Die Jobs bleiben ja erhalten, die Werke sind nicht mehr am Gängelband der Zentrale in Toulouse und können flexibler handeln."
Wer kommt zum Zug?
Wer zugreifen könnte, wenn Airbus Standorte abstößt - dieses Ratespiel beschäftigt zurzeit die Branche. "Es gibt sicherlich ein paar Interessenten", sagt Andreas Knorr, Professor und Luftfahrt-Experte aus Speyer. Für wahrscheinlich halten viele, dass mittlere oder kleine Industriekonzerne mit Rüstungs- und Luftfahrterfahrung den Zuschlag bekommen könnten. Besonders oft werden Diehl aus Nürnberg, OHB Technology aus Bremen und die deutsch-schweizerische Liebherr-Gruppe genannt.
So berichtete die "Bild"-Zeitung, der Verkauf des Werkes Varel an Liebherr (rund 24.000 Mitarbeiter, mehr als fünf Milliarden Euro Jahresumsatz) sei bereits ausgemachte Sache. Auch in Kreisen des Hamburger Airbus-Betriebsrats wird diese Variante als plausibel bezeichnet.
"Das ist eine Ente", heißt es dagegen bei Liebherr im baden-württembergischen Biberach. Co-Geschäftsführer Henning Rapp schreibt in einer Mail an SPIEGEL ONLINE: "Die Aussage, dass Liebherr das Airbus-Werk in Varel kaufen wird, ist nicht zutreffend. Die in verschiedenen Medien erschienene Meldung hat keinerlei realen Hintergrund." Auf die ebenfalls gestellten Fragen, ob Liebherr prinzipiell am Erwerb eines Werks interessiert sein könnte und es schon Gespräche über die Frage gegeben habe, antwortete Rapp nicht.
"Wir beobachten die Möglichkeiten"
Etwas offener zeigt man sich bei OHB in Bremen. "Das Gerücht, wir seien am Kauf eines Airbus-Werkes interessiert, entbehrt jeglicher Grundlage", heißt es zwar auch hier von einer Sprecherin. Aber im Allgemeinen gelte: "Wir sind immer interessiert an Veränderungen in der Branche und beobachten, welche Möglichkeiten sich für uns bieten." Die Bremer Firma mischt über eine von MAN gekaufte Tochter beim Ariane-Projekt mit und beliefert Airbus bereits heute mit Bauteilen.
Ein Sprecher von Diehl aus Nürnberg schließlich sagt: "Meines Wissens gibt es keine solchen Pläne zum Kauf von Airbus-Komponentenwerken." Mit einem Umsatz von über 1,5 Milliarden Euro im Jahr und 10.500 Mitarbeitern wäre aber auch Diehl wohl groß genug, um einen Kauf zu stemmen. (Spekuliert wird, dass allein das Werk Varel bis zu 260 Millionen Euro kosten könnte.) Diehl stellt unter anderem Rüstungsgüter her, beliefert Boeing mit Kabinenlichtern für den "Dreamliner" und Airbus mit Türsystemen für den A380.
Noch bleiben alle Gedankenspiele über mögliche Käufer hochspekulativ. "Ich glaube nicht, dass Airbus überhaupt schon Käufer ausgeguckt hat", sagt ein Brancheninsider. "Bisher hatten die anderes zu tun." Und auch Schellenberg meint: "Entweder präsentiert Airbus eine sehr große Überraschung - oder sie haben noch keinen Käufer."
Risiken für beide Seiten
Die Investorensuche wird zusätzlich kompliziert, weil Airbus politische Empfindlichkeiten berücksichtigen muss. Ein Verkauf deutscher Werke an ausländische Rüstungs- und Luftfahrtfirmen wie Saab aus Schweden läge wohl im Bereich des Denkbaren. Ein Deal mit der Thales -Gruppe aus Frankreich, aufgrund ihrer Größe und Erfahrung eigentlich ein idealer Käufer, dürfte aber Widerstand wecken schon heute fürchten viele deutsche Politiker, bei EADS von den Franzosen ausmanövriert zu werden. Ein Geschäft mit angelsächsischen Finanzinvestoren wiederum dürfte alte Ängste vor "Heuschrecken" wachkitzeln. Für einen Verkauf an das Management und die Beschäftigten, wie er 1996 im damaligen Airbus-Werk Speyer vollzogen wurde, dürften die verbliebenen Standorte schlicht zu groß sein.
Die gute Nachricht lautet: Über Schließungen von Werken wird derzeit nicht diskutiert. Falls Varel, Nordenham oder andere Standorte ausgegliedert werden, müssen sich die Mitarbeiter dort gleichwohl aufs Sparen einstellen. Mit bloßen Zuliefererwerken dürfte Airbus bei künftigen Konzernkrisen weit weniger rücksichtsvoll umspringen als mit eigenen.