Ford Abgang eines Stars
Als die Analysten von Merrill Lynch fünf Risiken für Ford-Aktionäre aufzählten, ließen sie keinen Zweifel über die größte Gefahr für den US-Konzern: Die drohe, wenn Wolfgang Reitzle den Autobauer verlassen sollte.
Wenn es denn so wäre, dann sähe es schlecht aus für Ford. Denn während in Detroit noch über einen weiteren Aufstieg des einstigen BMW-Vorstands spekuliert wurde, bereitete der Deutsche eine ordentliche Überraschung vor: Reitzle, der seit 1999 die Luxusmarken des Ford-Konzerns (Jaguar, Land Rover, Aston Martin, Volvo, Lincoln) steuert, ist offenbar entschlossen, Ford wieder zu verlassen.
Der Absprung fällt ihm alles andere als leicht. Als Reitzle nach 23 Jahren BMW verlassen hatte, richtete er sich bei Ford ebenfalls auf eine längere Schaffensperiode ein. Es sei ein Zehn-Jahres-Programm, hatte er von Anfang an verkündet, bis die Ford-Luxusmarken vergleichbare Stückzahlen und Renditen erreichen könnten wie Mercedes-Benz und BMW. Und so lange wollte Reitzle von London aus die Modellpolitik bei Jaguar und Co. lenken.
Dass er wahrscheinlich anders entscheiden wird, hängt kurioserweise mit einer geplanten Beförderung zusammen, die ihm Miteigentümer und Chairman Bill Ford schmackhaft machen will.
Reitzle soll die Verantwortung für die Entwicklung aller Ford-Modelle weltweit übertragen bekommen. Das ist ein Job, durch den Reitzles Chancen, einmal Boss des Ford-Konzerns zu werden, theoretisch stark steigen würden. Doch es ist zugleich eine Aufgabe, die unter den herrschenden Machtverhältnissen praktisch kaum zu bewältigen ist.
Verantwortlich dafür sind Machtkämpfe, Intrigen und eine verfehlte Personalpolitik. Im vergangenen Jahr ersetzte Bill Ford den damaligen Boss Jacques Nasser durch Europa-Chef Nick Scheele. Der Brite mit deutschen Vorfahren stand im Ruf, die Krise des Konzerns in Europa bewältigt zu haben, und sollte das angeschlagene Unternehmen, das 2001 insgesamt 5,5 Milliarden Dollar Verlust einfuhr, nun auch in den USA sanieren.
Mittlerweile hat Ford offenbar erkannt, dass in Europa andere Top-Manager die Arbeit verrichtet hatten, während Scheele es glänzend verstand, sein Image als Sanierer zu polieren. Ihm allein traut es der Ford-Erbe nun nicht mehr zu, den Konzern auf die richtige Spur zu bringen.
Denn die Krise von Ford in den USA ist vor allem die Krise seiner Autos, die den Geschmack der Kunden nicht mehr treffen, mitunter veraltete Technik haben und durch Qualitätsprobleme für Schlagzeilen sorgen. Dieses Problem, so die Erkenntnis Bill Fords, könnte vor allem einer lösen: Reitzle.
Scheele erfuhr von der geplanten Beförderung und sah offenbar sofort die Gefahr, die damit für seine eigene Position verbunden war. Ford-Manager gehen davon aus, dass es Scheeles Berater waren, die die Personalie frühzeitig lancierten, um sie so möglicherweise noch zu verhindern. Sie sollen auch die Quelle für Gerüchte sein, Reitzles Londoner Zentrale könnte möglicherweise aufgelöst und nach Detroit verlagert werden.
So bekam Reitzle einen Vorgeschmack auf das, was ihn in Detroit erwarten würde. Wenn er den Posten des Entwicklungschefs annehmen würde, hätte Ford-Chef Scheele alle Mittel, ihn auszubremsen. Der hat es verstanden, in Detroit ein enges Netz von Vertrauten aufzubauen.
Ebenso abschreckend muss für Reitzle wirken, dass Scheeles bisheriger Sanierungsplan scharfe Einschnitte bei den Investitionen in neue Modelle vorsieht. So sollen beispielsweise die Ausgaben für die Ford-Marke Lincoln von zwei Milliarden Dollar auf 700 Millionen gesenkt werden. So lassen sich zwar Bilanzzahlen schnell verbessern. Die langfristige Genesung des Konzerns aber wird eher gefährdet.
Reitzle, der mit der TV-Moderatorin Nina Ruge verheiratet ist, sah sich in einer schwierigen Position. Er konnte den angebotenen Job kaum annehmen. Aber die Bitte des Eigentümers, bei der Sanierung der Muttergesellschaft zu helfen, konnte er auch nicht ablehnen und weiter seine Luxusmarken steuern. So muss wohl sein Entschluss gereift sein, Ford wieder zu verlassen.
Um neue Job-Angebote muss er sich kaum sorgen. In der Autobranche ist Reitzle ein Star. General Motors würde ihn sofort verpflichten. Reitzle könnte Europa-Chef werden mit der festen Zusage, in zwei, drei Jahren Nachfolger des obersten Autoentwicklers von General Motors (GM), des 70-jährigen Bob Lutz, zu werden. Doch bei GM würden Reitzle ähnliche Probleme erwarten, wie er sie derzeit bei Ford erlebt. Er würde wieder in einem US-Konzern arbeiten, in dem das nächste Quartalsergebnis im Zweifel wichtiger ist als die nächste Modellgeneration.
Durchaus möglich, dass Reitzle mit der Wahl des neuen Postens für eine zweite Überraschung sorgt. Wahrscheinlicher als der Wechsel zu GM ist, dass er zu einem deutschen Unternehmen außerhalb der Autobranche geht.
DIETMAR HAWRANEK