Ford Der Reifen-Albtraum geht weiter
Detroit/Hannover - Als Anfang April die ersten Beschwerden eintrafen, wurde man unruhig in der Konzernzentrale in Detroit. Reifenprobleme bei Geländewagen? Schon wieder? Der Monat verstrich, und neben dem Beschwerdenstapel lagen die ersten Unfallmeldungen. Stets hieß die mutmaßliche Ursache: defekte Pneus. Dann der 18. Mai: Ein Ford Expedition überschlägt sich auf dem Highway in Kalifornien mehrfach, alle sechs Insassen sterben. Die mutmaßliche Unfallursache: Druckverlust und abgelöste Reifenlauffläche. Ford hatte wieder ein Reifenproblem, und diesmal heißt der Lieferant Continental mit Hauptsitz in Hannover.
Gerade mal ein gutes Jahr ist es her, als der damalige Ford-Chef Jacques Nasser eine der teuersten Entscheidungen in der Geschichte des weltweit zweitgrößten Autokonzerns verkündete: Ford werde von seinen Kunden 13 Millionen Reifen der Marke Firestone zurückrufen. Die gigantische Aktion kostete drei Milliarden Dollar, vor Steuern. Mehrere hundert Menschen starben bei Unfällen mit dem Geländewagen Ford Explorer - vermutlich durch defekte Reifen des Herstellers Firestone, der US-Tochterfirma des japanischen Reifenkonzerns Bridgestone. Dieser kündigte bald darauf die Verträge mit Ford und stritt sich mit dem einstigen Großabnehmer fortan durch die Gerichtsinstanzen und gar im amerikanischen Kongress über die Frage, was die Unfälle verursacht habe: die defekten Reifen von Firestone oder ein Baufehler des Geländewagens Ford Explorer. Im Oktober letzten Jahres entschied die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde, dass es einen Sicherheitsdefekt in den Firestone-Reifen gibt. Firestone focht die Entscheidung nicht an, um einem langen Rechtsstreit aus dem Weg zu gehen.
Kein Wunder also, dass die amerikanischen Medien äußerst sensibel auf eine Mitteilung reagierten, die der deutsche Reifenbauer Continental am Montagabend in Hannover herausgab: "Neuer Reifenrückruf trifft Ford-Geländewagen" titelte die "Detroit News" aus der Heimatstadt des Autokonzerns. Knapp 600.000 Reifen der Modelle ContiTrac AW und General Grabber AW will die Continental AG auswechseln. Die Reifen sind auf den Geländewagen Ford Expedition und Lincoln Navigator der Modelljahre 2000 und 2001 montiert und wurden im amerikanischen Continental-Werk in Mayfield, Kentucky, produziert.
Laut "Detroit News" zweifelte Ford bereits im April an der Sicherheit und Laufleistung der Continental-Reifen; gleichzeitig häuften sich nach Angaben der Zeitung in der Ford-Zentrale die Unfallmeldungen im Zusammenhang mit Reifen des deutschen Herstellers. Der tödliche Unfall in Kalifornien verunsicherte die Autobauer wohl vollends. Vermutlich hatte bei 80 Meilen in der Stunde der linke Reifen des Ford Expedition schlagartig Luft verloren, woraufhin sich seine Lauffläche löste. Der Geländewagen hatte sich daraufhin mehrfach überschlagen. Der Reifenfabrikant Continental habe den Vorfall untersuchen wollen, berichtet die "Detroit News". Zudem habe es neben den defekten Reifen weitere Problemen bei Ford gegeben: Ein Konzernsprecher habe am Montag bestätigt, auf seinen Geländewagen einen zu geringen Reifendruck angegeben zu haben.
Bei Continental klingt das Fazit dieser Untersuchung recht nüchtern: "Nach zweijährigem Gebrauch entsprechen die Reifen nicht mehr unseren Anforderungen", heißt es in einer Mitteilung. Man habe Ford über die beabsichtigte Rückrufaktion informiert. Ebenfalls zurückgerufen werden 3500 auf amerikanischen Überlandbussen eingesetzte Reifen. Die Tochter Continental Tire North America werde die Reifen kostenlos austauschen. Continental schätzt die Kosten der Austauschaktion auf 20 Millionen Euro.
Erst Ende Mai letzten Jahres hatten die Autobauer nach den von Firestone gekündigten Verträgen unter anderem die deutsche Continental als Reifenlieferant gewonnen. Mehrere Millionen Reifen zusätzlich sollten die Deutschen in die USA liefern. Auch die Hersteller Michelin und Goodyear bekamen damals einen Zuschlag für einen Teil der Reifenlieferungen. Bereits im April dieses Jahres seien die jetzt beanstandeten Reifen in einem internen Kontrollsystem im Ford-Werk in Detroit aufgefallen, sagte ein Ford-Sprecher der "Detroit News". Offensichtlich hatte der Autobauer aus seinem letztjährigen Debakel gelernt: Die strengen Kontrollen wurden nach dem Firestone-Desaster eingeführt.