Forumsdiskussion: "Luxusgut Kind" - DER SPIEGEL
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Forumsdiskussion "Luxusgut Kind"

Immer weniger Kinder, immer mehr Probleme: Die Deutschen werden in Europa zu demografischen Außenseitern. Die Diskussion um Ursachen und Lösungen läuft - natürlich auch unter SPIEGEL ONLINE-Lesern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Renten, Wachstum, Lebensqualität: Im Thema "Kinder" fließen viele aktuelle Probleme Deutschlands zusammen. Die neue Forumsdiskussion zum Thema "Sterben die Deutschen aus?" brachte denn auch wieder sehr schnell eine Fülle von Beiträgen, in denen SPIEGEL ONLINE-Leser ihre persönliche Sicht darlegten. Und nicht alle stimmten in den pessimistischen Tenor der Expertenmeinungen ein.

"Wozu die ganze Aufregung, war es doch immer schon so, dass in den Jahren, in denen die Wirtschaft boomte, wie in den 60ern beispielsweise, auch die Geburtenraten sehr hoch waren" schreibt Andree Barthel, und weiter "zudem hatten in dieser Zeit, so glaube ich, die Menschen das Gefühl, ihre Kinder hätten eine sichere Perspektive, schließlich suchten damals die Unternehmen händeringend nach Arbeitskräften. Heute sind es vor allem die Rentenkassen und Politiker, die sich Sorgen wegen der niedrigen Geburtenrate machen, während die Wirtschaft, trotz ihres Suchens nach Fachkräften, den Eindruck, noch zu viele Leute zu beschäftigen, vermittelt. Dank des technischen Fortschritts werden für die Massenproduktion kaum noch Arbeitskräfte benötigt, ein Umstand, der in die Betrachtung, warum Deutschland weniger Kinder als anderswo geboren werden, einfließen sollte, zumal der Sektor, in dem viele Jobs entstehen, ich meine den Dienstleistungsbereich, keine sehr hohe Anerkennung geniest...."

Die meisten Foristen jedoch teilen die Sorgen der Wissenschaftlicher und Politiker und machen oft ganz einfache Rechnungen auf. "Ein Kind kostet pro Monat ca. 500 Euro (was ich persönlich für zu niedrig ansetze, bezieht man den zumindest teilweise Arbeitsplatzverlust der Mutter oder die notwendige größere Wohnung mit ein). Legt man dieses "gesparte" Geld monatlich für die Altersvorsorge privat zurück (zzgl. Inflationsausgleich), steht man zumindest kalkulatorisch besser da", meint Claudia Czerny. "Irgendwann wird sich diese Rechnung (mit zunehmenden Abbau der Bevölkerung) umdrehen und Kinder wieder attraktiver erscheinen. Ein Prozess, der sich jedoch noch einige Generationen hinziehen wird, da die Geburtenrate nach wie vor relativ hoch ist. Wie alles im Leben ist die Ökonomie sowohl in der Ehe als auch in der Familienplanung vorhanden", schließt sie immerhin mit einem Hauch Optimismus.

"Der Arbeitsmarkt wird durch Lockerung des Kündigungsschutzes bewusst flexibel gehalten. Inflation gepaart mit staatlich verordneten Niedriglöhnen senken das Familieneinkommen erheblich", merkt Aurelia kritisch an. "Die Wohnungsmiete ist für viele gering verdienende Familien kaum bezahlbar. Kinderbetreuungsplätze sind in vielen Bundesländern noch immer sehr teuer und Mangelware. Massenarbeitslosigkeit und Lehrstellenmisere betreffen auch die Generation der Kinder. Die Altersrente ist trotz vielerlei politischer Gelöbnisse nicht sicher. Selbst die 'kostenlose Familienversicherung' wird mehr und mehr wegargumentiert. Während parallel dazu die 'eigene Verantwortung' immer stärker propagiert wird." Hier wird die Schuld eindeutig den unstimmigen Rahmenbedingungen gegeben.

Auch ein falsches Bewusstsein kann dazu führen, Kinder als Lebensziel abzulehnen. "Ich denke, dass das Problem zuerst einmal in der Gesellschaft liegt. Kinder nerven, kosten Geld, machen alles dreckig usw. Das spiegelt sich ja auch schon in der Sprache wieder", findet Teilnehmer Jens-D, "für Kinder kann man auch sagen: Gören, Krawallmacher, Rabauken, Schreihälse, Nervensägen...Außerdem ist man nicht bereit, mehr Geld für Kinder auszugeben, aber für einen größeren Fernseher, Auto oder einen 'geilen' Urlaub auf Ibiza zahlt man gerne mehr. Weiterhin sollte der Staat vielleicht auch mehr in Kinder investieren anstatt in Subventionen. Es müssen viel mehr Kinderbetreuungsplätze geschaffen werden vom vierten Monat bis zum 14. Lebensjahr." Doch auch hier zeigt sich: Neben der "richtigen Einstellungen" bleiben handfeste Hilfen wichtig.

"Luxusgut Kind" überschreibt Foristin Kathna ihren Beitrag plakativ und steigt ein: "Bin gerade in der glücklichen Lage, im Frühsommer ein Kind zu bekommen. Jetzt mal ein paar Beispiele, warum sich das gerade als Luxus darstellt: Trotz meines Diploms und des gerade abgeschlossenen Aufbaustudiums werde ich auf alg2 angewiesen sein, da der werdende Vater (Dipl. Ing.) gerade in der Existenzgründungsphase einer Firma ist und auch nicht genug für drei verdient. Nach den Aussagen die ich mir bisher im Jobcenter anhören musste bezüglich meiner Lebensplanung und den unmöglichen Umständen wie dort vorgegangen wird, kann ich verstehen wer sich gegen Kinder entscheidet. Stehe vor ernsthaften finanziellen sorgen und ärgere mich täglich über andere kinderfeindliche Situationen im Alltag!"

Wie schön, dass Foristen auch Lösungsansätze sehen: "Wenn man sich die europäischen Nachbarn ansieht, sieht man, dass man es besser machen kann. Kostenlose Kinderbetreuung für alle (was man nicht als Zwang verkaufen soll, sie auch zu nutzen, sondern als Angebot), mehr Geld für Kindergärten und Schulen und nicht zuletzt faire Besteuerung (als Grundlage der Einkommensteuer soll das Familieneinkommen durch die Zahl der Familienmitglieder geteilt werden und dann entsprechend versteuert) wären schon mal Schritte in die richtige Richtung", fasst Teilnehmer marrrtin zusammen.

Wer ins SPIEGEL ONLINE-Forum klickt, wird noch eine Menge weiterer interessanter Beiträge und Vorschläge finden. Auf jeden Fall zeigt die Resonanz, das das Problem "Zu wenig Kinder" den Deutschen auf den Nägeln brennt. Die Diskussion geht weiter.