Frankreich und EADS Hofintrigen statt Management
Paris - Die Bilder hatten alles, um ein Politikerherz zu erfreuen: Dominique de Villepin wurde von den Mitarbeitern umringt, Hände wurden geschüttelt. Der Regierungschef strahlte. Sechs seiner Minister hatte der französische Premier Villepin im Mai 2006 zuvor scheinbar spontan mobilisiert, um die Schließung der Firma Sogerma im Westen Frankreichs zu verhindern - und mit der Rettung von 500 Arbeitsplätzen Pluspunkte bei den Wählern zu sammeln.
Der französische Premier Villepin und EADS-Chef Gallois beim Gespräch: Kennen sich seit Jahrzehnten - und haben sogar an der gleichen Hochschule studiert
Foto: AFPEin Gewerkschaftsvertreter allerdings trübte die heitere Stimmung: Villepin sei ein Lügner, der falsch spiele, polterte er. Wohl nicht ganz zu Unrecht. Immerhin hieß der Konzern, der Sogerma dicht machen wollte, EADS. Und der französische Staat hält 15 Prozent an dem europäischen Rüstungs- und Luftfahrtriesen. Unwahrscheinlich, dass Villepin die Pläne, Sogerma dicht zu machen, überrascht haben.
Dass Wirtschaftsminister Thierry Breton in der Krise um Sogerma an EADS appellierte, "sich wie ein guter Staatsbürger zu verhalten", zeigt die ganze Schizophrenie, die das Verhältnis der französischen Führung zu diesem Konzern beherrscht. Frankreichs höchste Staatsdiener wollen gerne ihre Vorteile aus der EADS-Beteiligung ziehen, wenn es um die Verteilung von Posten und Macht geht. Doch bei unangenehmen Entscheidungen wollen die Damen und Herren aus Paris es nicht gewesen sein - und handeln auch schnell mal gegen die Konzerninteressen.
So sei das eben, wenn die Politik in der Industrie zu sehr mitmische, monieren Kritiker. Und genau das sei das große Problem des Rüstungs- und Luftfahrtkonzerns, das letztlich auch hinter der aktuellen Krise der EADS-Vorzeige-Tochter Airbus stecke. "Politische Einmischung in die Industrie, Aktiengeschiebe und Interventionen des Staatspräsidenten" steuerten EADS mit tödlicher Sicherheit ins Verderben, sagt der Wirtschaftsforscher Elie Cohen.
Doch die französische Politik war wirtschaftlich schon immer äußerst agil. Die Beispiele sind ungezählt, sie fangen an mit Staatminister Jean-Baptiste Colbert, der Ende des 17. Jahrhunderts den Zement-, Glas- und Plastikhersteller Saint-Gobain mitgründete. Auch an Ex-Präsident François Mitterrand sei kurz erinnert, unter dessen Regierung 1982 in einem Rundumschlag fünf Industriebetriebe, 39 Banken und zwei Finanzgesellschaften verstaatlicht wurden.
Nach der Regierungsübernahme durch die Konservativen wurden freilich rund fünfzig Unternehmen wieder aus der staatlichen Kontrolle auf den freien Markt entlassen - eine "wahre Revolution", wie ein Kommentator der Zeitschrift "L'Express" meinte. Doch die Revolution in den Köpfen lässt noch auf sich warten. "Frankreich krankt an seinen geheimen Netzwerken, wo die Entscheidungskriterien verborgen bleiben", erklärt Philippe Camus, einstiger EADS-Co-Chef, der 2005 auf Druck von Präsident Jacques Chirac und dessen Protegé Noël Forgeard aus der Führung des Konzerns gedrängt wurde und seitdem einer der schärfsten Kritiker der dirigistischen Wirtschaftspolitik des Landes ist.
Schmiede dieser Netzwerke ist die nationale Elite-Hochschule ENA, aus der sich die französischen Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik zu weiten Teilen rekrutieren. Die Freunde aus der Kaderschmiede machen sich gern gegenseitig zu Kollegen - und zwischen Ministerien und Großkonzernen herrscht so reger Personal-Austausch.
Nicht nur Forgeard war auf der ENA, sondern auch sein Nachfolger Gallois. Der hatte seine Karriere danach im Wirtschaftsministerium begonnen und beriet einige Jahre später den sozialistischen Forschungsminister Jean-Pierre-Chevènement. Später leitete er nach einem Zwischenstopp bei Aèrospatiale ein Jahrzehnt lang die Staatsbahn SNCF bevor er an die Spitze der EADS rückte.
Der Interims-Chef von Airbus, Christian Streiff, der den Flugzeughersteller 2006 für wenige Wochen führte und eigentlich sogar gerne EADS-Co-Chef geworden wäre, verdankte seine Position wahrscheinlich komplett seinen engen Verbindungen in die Regierung. Von der Luftfahrt hatte der alte Freund des Finanzministers Thierry Breton jedenfalls kaum eine Ahnung. So ist es eigentlich kein Wunder, dass er schon nach wenigen Wochen seinen Hut nehmen musste.
Doch fragt man Kritiker nach den schlimmsten politischen Ränkespielen, wird immer der Aufstieg Forgeards genannt. Der französische Lagardère-Konzern hielt damals 15 Prozent des EADS-Kapitals, der Staat genauso viel. Forgeard brillierte als Airbus-Chef und träumte davon, die Führung des gesamten Konzerns, also ohne deutsches Gegenüber, zu übernehmen.
Warum Präsident Chirac sich dieses Anliegen ebenfalls auf die Fahnen schrieb, darüber kann man nur spekulieren. Bekannt ist jedoch, was folgte: Ein erbitterter Machtkampf. Camus musste das Feld räumen. Doch die Deutschen gaben nicht klein bei und beharrten auf einer Teilung der Führungsposition. Der Flurschaden, glaubt Camus, war erheblich. "Den Übergang zu einem einzigen Chef so beschleunigen zu wollen und dadurch die Entwicklung der Strukturen übers Knie zu brechen, das hat bei den Deutschen eine so heftige Reaktion ausgelöst, dass weitere Veränderungen in dieser Sache sich mindestens um mehrere Jahre verzögern", sagte der geschasste Chef kurz nach seinem Abgang.
Chirac will es nun wieder richten
Seither macht Airbus verdächtig viele Negativ-Schlagzeilen. Lieferverzögerungen mit Milliardenverlusten, Verdacht auf Insidergeschäfte gegen führende Manager: Forgeard musste im vergangenen Sommer seinen Stuhl räumen. Lagardère und DaimlerChrysler trennten sich von bedeutenden Aktienpaketen. Wirtschaftsforscher Cohen hält die politischen Ränkespiele und vor allem die Intrigen um Forgeard im Jahr 2005 für einen entscheidenden Auslöser der gegenwärtigen Krise bei Airbus: "Genau in dem Augenblick, in dem Airbus mit einem Wiedererstarken von Boeing fertig werden, ein gewagtes industrielles Projekt wie den A380 auf die Beine bringen und Hals über Kopf massiv in den A350 investieren muss, erlaubt EADS sich den Luxus einer Aktionärsflucht, eines deutsch-französischen Krieges, einer Schwächung des Airbus-Managements und einer Einmischung des Präsidenten in die Ernennung der französischen Manager."
Und nun soll genau dieser Präsident - Jacques Chirac - im Tête-à-tête mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Airbus aus dem Dreck ziehen. Bei der erwarteten Streichung von 10.000 Stellen wird es wohl auch in den französischen Werken unangenehm. Wirtschaftsminister Breton sorgte deshalb schon einmal vor - und schob jegliche Verantwortung dafür in alt bekannter Tradition von sich und seinen Ministerkollegen. Die Entscheidungen über den Sanierungsplan "Power8" würde "allein vom der Aufsichtsrat" treffen, erklärte er. "Jede übertriebene Einflussnahme wäre kontraproduktiv."