Frankreichs mächtigste Frau Atomic Anne
Paris - Misst man die Bedeutung einer Persönlichkeit an der Zahl ihrer Feinde, dann kommt man der richtigen Einschätzung von Anne Lauvergeon schon recht nahe. Die Chefin des französischen Atomkonzerns Areva wird nicht nur von ihren Kollegen in den Chefetagen anderer Großkonzerne mit Argwohn betrachtet, auch in der Politik hat sie mächtige Gegner. Allen voran Frankreichs Wirtschaftsminister Thierry Breton, der seine Abneigung gegen Lauvergeon bei jeder sich bietenden Gelegenheit durchblicken lässt.
Auch Staatspräsident Jaques Chirac gilt nicht eben als Anhänger der jugendlich wirkenden Managerin. Erst vor kurzem ließ er sie im Regen stehen, als es darum ging, einen Großauftrag in China gegen amerikanische Konkurrenz an Land zu ziehen. In einem Land, wo die Verteidigung der Interessen der heimischen Industrie zur Staatsraison gehört, könnte man das schon fast als Sabotage bezeichnen.
Doch Anfeindungen und politische Intrigen haben der 47-Jährigen bislang wenig anhaben können. Beinahe im Blitztempo erklomm sie Karrierestufe um Karrierestufe und ist derzeit die mächtigste Frau Frankreichs. Bei Areva - weltweite Nummer eins der Atomindustrie - herrscht sie über 60.000 Angestellte und einen Jahresumsatz von zehn Milliarden Euro in über 40 Ländern. Das US-Magazin "Forbes" nannte sie die mächtigste Frau außerhalb der USA. Nicht wenige räumen ihr im Falle eines Wahlsiegs der sozialistischen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal gute Chancen ein, als Nachfolgerin ihres Widersachers Breton zur Wirtschaftsministerin aufzusteigen.
Front der Atomgegner aufgeweicht
2001 war sie mit dem Ziel angetreten, die Atomindustrie wieder hoffähig zu machen. Bis dahin hatte die brillante Ingenieurin eine typische französische Laufbahn hinter sich: Sie absolvierte gleich mehrere Eliteschulen, die für eine Karriere in Frankreich sowohl in der Politik als auch in der Industrie unverzichtbar sind. Danach wurde sie Wirtschaftsberaterin von François Mitterrand und bereitete für ihn die G-7-Gipfel vor. Nach Stationen bei der französisch-amerikanischen Investment-Bank Lazard und dem Telekommunikationskonzern Alcatel heuerte sie 1999 in der Nuklearindustrie an. 2001 schließlich übernahm sie den Chefposten beim Areva-Konzern, der aus der Fusion des Kraftwerksbauers Framatome und dem Plutonium-Hersteller Cogema hervorging.
Mit einer Politik der Offenheit schaffte es Lauvergeon, die Front der Atomgegner aufzuweichen. Sie öffnete die Wiederaufbereitungsanlage in La Hague für Besucher und ließ Live-Kameras in den Werkstätten installieren. Ihren Ruf als exzellente Managerin erwarb sie sich, indem sie Areva von einem überdimensionierten Quasi-Beamtenapparat zu einem produktiven Industriekonzern umfunktionierte, ohne dabei allzu viel Aufsehen zu erregen.
Aufsehen ist ohnehin nicht die Sache von Lauvergeon. In der Öffentlichkeit lässt sie sich nur ungern sehen, Auftritte in Talk-Shows oder bei anderen Gelegenheiten meidet sie, wo sie nur kann. Nur selten gibt sie Details aus ihrem Privatleben preis. Etwa, welch starken Einfluss die französische Autorin Simone de Beauvoir auf sie ausgeübt hat. Und dass sie ihre zwei Kinder zwar, obwohl im Geiste der Emanzipation erzogen, doch ihre eigenen Interessen entwickelt hätten: Ihre Tochter spielt lieber mit Puppen, ihr Sohn übt lieber Pfeilwerfen.
Ihr Personalchef musste verstärkt Frauen einstellen
Einige ihrer Überzeugungen konnte sie auch bei Areva umsetzen. So ließ sie als eine ihrer ersten Amtshandlungen eine betriebsinterne Kinderkrippe einrichten, um insbesondere den allein Erziehenden Frauen die Organisation ihres Arbeitsalltags zu erleichtern. Außerdem wies sie ihren Personalchef an, verstärkt Frauen einzustellen und verdoppelte auf diese Weise den Anteil der Frauen in dem männerdominierten Energiekonzern in wenigen Jahren von zehn auf zwanzig Prozent. Auch für Minderheiten setzt sie sich ein. Wer die geforderte Qualifikation mitbringt, erhält bei Areva den Vorzug. "Unterschiede nach Geschlecht, alter, Kultur und Erfahrung der Angestellten sind für eine Firma von vitalem Interesse", ließ sie sich einmal zitieren.
Gleichwohl läuft auch für Lauvergeon nicht alles nach Wunsch. Eine schmerzhafte Niederlage musste sie kurz vor Weihnachten einstecken, als die chinesische Regierung einen Auftrag für den Bau von vier Atomkraftwerken an den US-Rivalen Westinghouse vergab. Lauvergeon sei höchstpersönlich für den Verlust des China-Auftrags verantwortlich, berichtete die Tageszeitung "Le Monde" unter Bezug auf "wichtige Industrielle". Sie habe sich gegen einen Technologie-Transfer gesperrt.
Querschüsse aus der Regierung
Dass Chirac kaum dazu beitrug, das politische Feld für die Entscheidung zu bereiten und sich auf der anderen Seite die US-Regierung massiv für Westinghouse eingesetzt hatte, ließen Sauvergeons Gegner nicht gelten. Sie nutzten die Gelegenheit, um der von den Angelsachsen "Atomic Anne" getauften Ingenieurin gleich noch einen weiteren Schwarzen Peter zuzuschieben: Breton ließ gleich nach der China-Meldung sämtliche Zeitungsredaktionen anrufen, um auf ein weiteres Problem hinzuweisen, mit dem Areva derzeit zu kämpfen hat. Der erste europäische Druckreaktor, EPR, ein Gemeinschaftsprodukt von Areva und Siemens, der 2009 in Finnland ans Netz gehen sollte, benötigt eine deutlich längere entwicklungszeit als geplant. Die Verzögerung werde Areva 700 Millionen Euro kosten, hieß es danach in allen französischen Zeitungen.
Der EPR gilt als Lauvergeons Ziehkind: Das Konzept eines schlüsselfertigen Reaktors, der mehr Energie produziert als seine Vorgänger, langlebiger und sicherer ist, weniger Abfall hervorbringt und weniger Uran verbraucht, soll dem Image der Atomenergie auch in Europa wieder einen positiven Anstrich verleihen. Der Reaktor in Finnland ist der erste europäische Auftrag für einen Neubau seit der Katastrohpe von Tschernobyl 1986. Alles laufe in Absprache mit dem finnischen Kunden, der den EPR nach wie vor für den "besten Reaktor der Welt" halte, hieß es in der Areva-Pressemitteilung. Wirtschaftsminister Breton hingegen sagte vor Journalisten: "Areva macht eine schwierige Phase durch."