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VERSICHERUNGEN Freie Hand

Für eine neue Vertretertruppe gab die DKV, Europas größter Krankenversicherer, rund 58 Millionen Mark aus. Nun ermittelt der Staatsanwalt, ob Geld auch an Betrüger ging. *
• aus DER SPIEGEL 15/1987
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Auf einem handgeschriebenen Zettel, gegengezeichnet von seinen Kollegen, notierte Hans Danner, Landesdirektor der Versicherungsorganisation Aktiva-Nord, was er alles aus seinem Büro in Hannover mitgenommen hatte. Darunter so ungewöhnliches Büroinventar wie »1 Holzfigur (Jesus Christus), 1 Krippe, Wachs (Mutter Gottes mit Kind), 1 Kerze, 5 + 3 Elefanten«.

Dann verließ Danner das Büro, in dem er zwei Jahre lang als ausgesprochen spendabler Landesfürst geherrscht hatte. Das Firmenschild am Hauseingang wurde abmontiert.

Mit dem Auszug endete am 16. März ein überaus aufwendiges Vertriebsexperiment

der größten Krankenversicherung in Europa, der in Köln ansässigen DKV (Deutsche Krankenversicherung). Anfangs hochgelobt vom Vorstand der Versicherung, ist die Aktiva nun zu einem peinlichen Lehrstück über die Sorglosigkeit der Assekuranz-Konzerne im Umgang mit Versicherungsgeldern geworden.

Noch Ende Februar hatten Revisoren der DKV die Buchhaltung ihrer 1985 gegründeten Sonderorganisation Aktiva-Nord durchleuchtet. Sie fanden nichts. Danner habe, heißt es im Abschlußbericht, eine »effiziente, fundierte und aussagefähige Buchhaltung« vorweisen können.

Nur wenige Tage später überreichte DKV-Vorstand Bernhard Schareck seinem Statthalter in Hannover die fristlose Kündigung. Vor versammelter Belegschaft forderte er von Danner Rechenschaft: »Ich will wissen, wo die 16 Millionen Mark geblieben sind.«

Vergangene Woche legte Schareck noch eins drauf. Ein Fahrer aus der Kölner DKV-Zentrale überbrachte der Staatsanwaltschaft in Hannover eine sechsseitige Strafanzeige gegen das Aktiva-Management. Tenor des Schreibens: In betrügerischer Absicht sei versucht worden, die DKV zu schädigen. Die Höhe des Schadens bezifferten die Assekuranz-Justitiare vorerst auf 2,7 Millionen Mark.

Zusätzlich gingen bei der Staatsanwaltschaft vier Strafanzeigen von ehemaligen Aktiva-Vertretern ein. Diese behaupten, durch Abrechnungsmanipulationen Danners um insgesamt rund eine Million Mark betrogen worden zu sein.

Zu welchen Ergebnissen der Staatsanwalt auch bei seinen Ermittlungen kommt - sicher ist, daß in der Aktiva-Nord mit Geld überaus lässig umgegangen wurde.

Der norddeutsche DKV-Ableger sollte das Neugeschäft des privaten Krankenversicherungsunternehmens in Schwung bringen. Und für diesen Zweck war offenbar nichts zu teuer.

Für jeden, der sich in dem gelb getünchten Altbau in Hannover als Versicherungsvertreter bewarb, konnte Aktiva-Chef Danner sofort ein sogenanntes Basis-Konto mit vier- bis sechstausend Mark einrichten. Vielen drückte Danner direkt nach dem Vorstellungsgespräch einen Scheck in die Hand, der bei der nur 200 Meter entfernten Dresdner-Bank-Zweigstelle eingelöst werden konnte. So mancher durfte sofort mit einem bei Europcar geleasten Dienstwagen, einem Golf oder einem Mercedes 190, auf Kundenjagd gehen. Alle Absprachen wurden im ersten Jahr nur per Handschlag geregelt.

Insgesamt rund 800 Drücker - wie aggressive Vertreter im Branchenjargon heißen - heuerten so innerhalb von knapp zwei Jahren vorübergehend bei der Aktiva-Nord an. Darunter waren etliche, die nach den Branchenregeln gar nicht mehr in der Assekuranz tätig sein dürften, weil sie Vorstrafen hatten oder bereits einen Offenbarungseid leisten mußten. Etwa 120 bis 200 Vertreter filterte Danner schließlich als Kerntruppe heraus.

Unter dem Strich hat diese »Top-Mannschaft« (Danner) der DKV monatliche Beitragszuwächse von 742000 Mark verschafft. Die waren teuer erkauft. Denn die Kosten für das Neugeschäft summierten sich bis Ende 1986 auf nahezu 27 Millionen Mark. Für eine zusätzliche Mark Beitragseinnahme wurden mithin gut 36 Mark ausgegeben.

Trotz der gigantischen Kosten erfreute Danner sich in der Zentrale eines hervorragenden Rufs. Neuer Schwung im Außendienst schien dem DKV-Vorstand Anfang der achtziger dringend vonnöten.

Der erfolgsverwöhnte Konzern, eine Tochter der Allianz-Gruppe, war Mitte der siebziger müde geworden. Die Tarife konnten im Wettbewerb nicht mehr mithalten, die Marktanteile bröckelten

seit 1974 von 20,8 Prozent bis auf 17,3 Prozent im Jahre 1983.

In einem internen Rundschreiben wurde die Weisung ausgegeben, es gelte, »diesen negativen Trend, der über kurz oder lang unweigerlich den Verlust der Marktführerschaft« bedeutet hätte, »mit allen Mitteln« umzukehren.

Mit immer mehr Vertretern und genau auf bestimmte Kundengruppen abgestimmten Angeboten wollte die DKV auf Kundenfang gehen. Unter dem Namen »Akzenta« sollte sich eine Truppe speziell hinter alle Freiberufler klemmen. Daneben wurde unter dem Namen Aktiva in Süddeutschland mit Schneeballsystemen und Maklerorganisationen experimentiert.

»Etwas völlig Neues«, so der damalige DKV-Vertriebsvorstand Jens Kiencke, sollte Hans Danner in Norddeutschland aus dem Boden stampfen. Der Speditionskaufmann, der in den siebzigern für die Transportfirma Kühne & Nagel in Kenia tätig war, hatte dem DKV-Mann Kiencke vorgeschlagen, mit Partnerschaftsverträgen die Vermittler zu Höchstleistungen zu motivieren.

Mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet und ohne einengenden Budgetrahmen konnte sich der branchenfremde Danner ans Werk machen und viele seiner unkonventionellen Ideen mit freier Hand verwirklichen. Um vom Drückerimage der Branche wegzukommen, pachtete Danner zum Beispiel über eine ihm nahestehende Firma das in der Nähe von Hannover gelegene Schloß Arensburg für Tagungen und Seminare. Er engagierte sogar einen Hornisten, der bei besonderen Anlässen im Schloßhof ins Horn stoßen mußte.

Ganz auf stilvolle Repräsentation ausgelegt waren die sogenannten Lounges, die Danner in einer Reihe von Orten, etwa in Lübeck und Wiesbaden, anmieten ließ. Die Einrichtung dieser Stadtbüros hätte jeder Fluggesellschaft Ehre gemacht.

Weniger kostentreibend, aber ebenso ungewöhnlich war die Angewohnheit Danners, größere Veranstaltungen stets mit einem Gebet zu beginnen. Um die Wirkung zu erhöhen, trat dann meist ein pensionierter Schauspieler des Stadttheaters Lübeck ans Rednerpult.

Während sich die konservativ denkenden Köpfe in der Chefetage der DKV über manchen Schachzug Danners nur wunderten, begann die Revisionsabteilung der Konzernzentrale die Vorgänge in der Aktiva-Nord mit wachsendem Mißtrauen zu verfolgen. Mehrmals prüften die konzerneigenen Schnüffler den Betrieb. Sie forderten unter anderem Aufklärung über ungewöhnliche Finanzierungsmethoden sowie über Danners Beziehungen zu einer Reihe recht dubioser Firmen, mit denen er Geschäfte machte.

So war etwa eine Wieplant GmbH in Wiesbaden, an der Danners Ehefrau zu einem Drittel beteiligt ist, Mieterin des

Schlosses, der Lounges und der Leihwagen, die dann der Aktiva gegen Rechnung zur Verfügung gestellt wurden. Nachforschungen über andere Firmen, mit denen die Aktiva im Geschäft war, endeten oft an irgendwelchen Briefkästen in der Schweiz oder auf der Kanalinsel Jersey.

Trotz mancher Verdachtsmomente gelang es dem für die Aktiva zuständigen Vertriebsvorstand Kiencke immer wieder, seinen exotischen Schützling aus der Schußlinie zu holen. Danners »hervorragende Aufbau- und Organisationsleistung«, lobte Kiencke noch im September vorigen Jahres in einer Aktennotiz für Vorstandschef Hans Georg Timmer könne »nicht nur unter ökonomischen Gesichtspunkten beurteilt werden«.

Beeindruckt von zum Teil erstaunlichen Produktionszahlen bei der Aktiva-Nord sowie bei den anderen Vertriebsexperimenten, gaben die DKV-Manager immer wieder neue Gelder frei. Erst ganz allmählich dämmerte dem Vorstand, daß sich die enorm gestiegenen Betriebskosten demnächst zwangsläufig auch in höheren Beiträgen niederschlagen würden.

Zwar hatte der Branchenprimus durch seine Vertriebsoffensiven wieder zulegen können. Doch unter dem Strich war das Ergebnis ernüchternd: »Das Ausmaß der zusätzlichen Kosten«, teilte Timmer in einem vertraulichen Rundschreiben mit, »hat den kalkulierten Umfang bei weitem überschritten.«

Das war noch geschönt: Bei genauerem Nachrechnen stellte sich heraus, daß die DKV bis Ende Dezember vorigen Jahres für die vier Sonderorganisationen unter dem Namen Aktiva insgesamt 54,43 Millionen Mark abgezweigt hatte. Hinzu kommen schätzungsweise drei Millionen für die ziemlich erfolglose Akzenta-Truppe.

Dies führte unter anderem dazu, daß »die Gesamtkosten unseres Unternehmens von 1981 bis 1986 um 66,8 Prozent gestiegen sind, während der Anstieg der Beitragseinnahmen im gleichen Zeitraum nur 26,9 Prozent betragen hat« (Timmer).

Nun wurde das Ruder hektisch herumgeworfen. Mit einem Sparkatalog sollen im laufenden Jahr die Betriebskosten um 40 Millionen Mark gesenkt werden. Für teure Vertriebsexperimente wie die Aktiva war da kaum noch Platz.

Vertriebsvorstand Kiencke, der Initiator der Aktiva-Idee, verließ Ende vergangenen Jahres die DKV, und Bernhard Schareck, sein Nachfolger, sah die große Chance, sich als rigoroser Kostenmanager zu profilieren. Besonders drastisch wollte er die Gelder für die Aktiva-Nord zusammenstreichen.

Danner aber weigerte sich, die neuen Vorgaben zu akzeptieren. »Dann wäre unsere Organisation in zwei Monaten pleite«, erklärte er. Der Dissens führte schließlich zur Kündigung Danners. Erneute Recherchen in der Buchhaltung gaben dann nach Ansicht der DKV Hinweise auf mögliche Unkorrektheiten.

Doch die DKV-Juristen taten sich schwer, die Verdachtsmomente in eine konkrete Strafanzeige zu fassen. »Danner und seine Manager«, entschuldigten sie sich, »haben uns wichtige Unterlagen vorenthalten.«

Der geschaßte Ober-Aktivist gibt sich derweil gelassen. Das Ganze, behauptet er, sei eine »perfide Rufmord-Kampagne der DKV, um von eigenen Fehlern abzulenken«.

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