ENGLAND Freier Fall
Britanniens Fernsehgesellschaft BBC brachte die brisante Meldung an erster Stelle ihrer Abendnachrichten: Die deutsche Grundig AG schließt ihr Werk im nordirischen Belfast. Tausend Arbeitsplätze gehen verloren.
»Ein schwerer Schlag«, entsetzte sich Giles Shaw vom Nordirland-Ministerium. Denn das Grundig-Werk in Belfast, das Radio-Kassetten-Recorder und Diktiergeräte produziert, galt als Musterbeispiel für erfolgreiche Industrieansiedlung, die sichere Arbeitsplätze schafft.
Grundig hatte sich vor 20 Jahren, als erstes deutsches Unternehmen, in Nordirland angesiedelt. Jetzt ziehen die Deutschen ab, weil die in Nordirland gefertigten Geräte auf einem hart umkämpften Markt kaum noch abzusetzen sind. »Wir sehen nicht«, sagt Grundig-Direktor Wolfgang Rabe, »daß sich die Situation in Zukunft bessert.«
Wie Grundig ergeht es mittlerweile Hunderten von Firmen im Vereinigten Königreich. Die Liste, auf denen Beamte in Londons Arbeitsministerium jeden Tag säuberlich jedes geschlossene Werk und jeden gefeuerten Arbeiter vermerken, wird immer länger.
Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg waren so viele Briten auf die karge Arbeitslosenunterstützung angewiesen wie heute. Mehr als 1,6 Millionen Menschen sind ohne Job, die Arbeitslosenquote liegt inzwischen bei knapp sieben Prozent.
Ohne Aussicht, einen Arbeitsplatz zu finden, sind besonders die Schulabgänger. Allein im Mai stieg die Zahl der jungen Leute, die zum erstenmal eine Beschäftigung suchten und nicht fanden, um über 137 000 auf insgesamt 187 000. Im Durchschnitt ist einer von vier Schulabgängern zumindest zeitweilig ohne Job. Jeder dritte männliche Arbeitslose ist jünger als 24 Jahre, bei den Frauen ist jede zweite Arbeitslose in dieser Altersgruppe.
Und es kommt wohl noch schlimmer. Ökonomen wie Politiker rechnen damit, daß bereits in der ersten Hälfte des nächsten Jahres mehr als zwei Millionen Briten ohne Anstellung sein werden. Zwei Jahre später könnte die Arbeitslosigkeit -- da sind sich die meisten Wirtschaftsexperten sicher -dann Ausmaße wie in der großen Depression der dreißiger Jahre erreichen: zweieinhalb bis drei Millionen Menschen. »Wieviel Arbeitslosigkeit«, entsetzte sich die »Financial Times«, »kann Großbritannien aushalten, bevor das soziale Gefüge zusammenbricht?«
Die Regierung der Margaret Thatcher hat die Hoffnung vieler Briten auf ein schnelles Ende der wirtschaftlichen Misere bitter enttäuscht. Die Konservativen bescherten dem Land das schlimmste aller wirtschaftlichen Übel -- galoppierende Inflation und sinkende Produktion zur gleichen Zeit.
In Großbritannien frißt die Inflation derzeit 21,9 Prozent der Kaufkraft des Pfundes. Das Geld verliert also doppelt so schnell an Wert wie bei der Machtübernahme durch die Konservativen im Mai 1979.
Produziert wird gleichzeitig weniger. Allein von Februar bis April sackte der Ausstoß der Industrie gegenüber den vorangegangenen drei Monaten um nahezu vier Prozent ab. Insgesamt, so erwartet die Regierung, werde Britanniens Wirtschaft in diesem Jahr um 2,5 Prozent schrumpfen.
Das sei die »Ökonomie des freien Falls«, höhnte die durchaus konservative »Sunday Times« über die wirtschaftlichen Steuerungskünste der Premierministerin und ihres Schatzkanzlers Sir Geoffrey Howe. »Die Industrie fällt ins Koma«, diagnostizierte das Wirtschaftsblatt »The Economist«.
Kritiker im eigenen Lande werfen der Regierungschefin vor, sie richte sich blindlings nach den Rezepten des Ökonomen Milton Friedman. Der Amerikaner ist Verfechter eines unkontrollierten Kapitalismus.
Friedmans wichtigste konjunkturpolitische Empfehlung: Die Wirtschaftslenker sollten nicht wie bisher versuchen, durch Budget- und Steuer-Manipulationen Arbeitslosigkeit und Inflation zu bekämpfen. Nur über die Geldmenge -- Bargeld und Bankeinlagen -- sollte die Volkswirtschaft gesteuert werden.
Wird das Geld knapp gehalten, so Friedman, dann lösen sich wichtige Probleme fast von selbst. Preise und Beschäftigung lassen sich mit Hilfe der Geldmenge regulieren.
Margaret Thatcher sucht sich strikt an Friedmans Thesen zu halten und vertraut allein den Kräften des Marktes, die auch ohne staatlichen Einfluß alles zum Besten wenden.
Als das britische Fernsehen unlängst eine Wirtschaftsserie mit dem US-Professor ausstrahlte, versäumte Englands Premierministerin keine Folge. Ihre »pedantische Huldigung eines einfältigen Monetarismus« (Friedman-Kollege S.104 Paul A. Samuelson) zeitigten inzwischen böse Folgen.
Weil mit der rabiaten Verknappung des Geldes die Zinsen auf Rekordhöhe kletterten, ging vielen Firmen der Atem aus. Allein in den ersten drei Monaten 1980 machten 1488 Unternehmen Bankrott, das sind 17 Prozent mehr als in der Vergleichszeit des Vorjahres. Die »Financial Times« sieht bereits die »Saat der Revolte« gegen die konservative Herrschaft in den Chefetagen vieler Unternehmen aufgehen.
Eigenes Versagen sieht Margaret Thatcher nicht. Als schon vor Wochen der Industrieverband CBI forderte, die Zinsen zu senken, meinte die Premierministerin lakonisch, die Firmen hätten mit geborgtem Geld in der Vergangenheit Lohnzuschläge bezahlt, die sie sich nicht leisten konnten: »Jetzt wollen sie niedrigere Zinsen, um das weiter so zu machen.«
Widerstrebend nur stimmte die Regierung letzten Donnerstag der ersten Diskontsenkung seit acht Monaten zu -- um einen Punkt von 17 auf 16 Prozent.
Zwar war die Regierung angetreten, »den Unternehmergeist stärker zu fördern«, wie Schatzkanzler Geoffrey Howe betonte. Aber erreicht wird das Gegenteil. Weil die Gewinne 1980 im Durchschnitt wohl mehr als halbiert werden, weil Kredite teuer und schwer zu haben sind, gehen auch die Investitionen drastisch zurück.
Der Preis für die Anti-Inflations-Politik der konservativen Regierung, fürchtet der liberale »Guardian«, könnte zu hoch sein: Es drohe »die totale Zerstörung unserer industriellen Basis«.