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KONJUNKTUR Freuet Euch

Trotz aller optimistischen Stimmungsmache: 1983 wird das Sozialprodukt wohl nochmals schrumpfen.
• aus DER SPIEGEL 1/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war, als hätte irgend jemand massenweise Glückspillen verteilt: So rosarot wie zum Jahreswechsel hatten die Herren aus Politik und Wirtschaft die Konjunkturaussichten lange nicht mehr gesehen.

Fast alle, die sich zu Wort meldeten, verkündeten Zuversichtliches: Wenn die »vertrauensbildenden Maßnahmen« der Regierung erst einmal Wirkung zeigten, S.32 so hieß es unisono, sei der Aufschwung nicht mehr zu stoppen.

Sogar der stets griesgrämige und tieftraurige Arbeitgeber-Präsident Otto Esser gab sich einen Ruck und verkündete frohgemut: »Die deutsche Wirtschaft hat eine im Kern noch immer gesunde Grundkonstitution.«

Die Medien, zumindest die regierungsnahen, zogen mit. »Freuet Euch« munterte der CDU-verbundene »Capital«-Herausgeber Johannes Groß seine Leser auf. Die »Bunte« aus dem Hause Burda jubelte: »Hurra] 1983 wird es besser.« Die Springer-Zeitungen ließen kaum einen Tag des auslaufenden Jahres ohne aufmunternde Sprüche vergehen.

Was Unternehmer, Wirtschaftsfunktionäre, Journalisten und Politiker da mit gequältem Lächeln verkündeten, hat mit der Wirklichkeit wenig gemein. »Es ist Unterstützung«, urteilte die »Financial Times«, »die Kanzler Kohl kurz vor dem Wahlkampf gut gebrauchen kann.«

Fast sämtliche Konjunkturdaten weisen nach wie vor nach unten, die »Talfahrt der Wirtschaft«, räumt das unternehmereigene »Institut der deutschen Wirtschaft« ein, hält weiter an. Die Chance, 1983 auch nur ein weiteres Schrumpfen des Sozialprodukts zu vermeiden, sei mit »außergewöhnlich hohen Risiken behaftet«, heißt es in einer internen Analyse für Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff.

Die Situation der Industrie, so die Volkswirte im Wirtschaftsministerium, hat sich seit dem Frühjahr ständig verschlechtert. Die Auslandsnachfrage ist in den Monaten September und Oktober um 12,5 Prozent niedriger gewesen als im Vorjahr. Die Entwicklungsländer haben kein Geld mehr für Käufe in Industriestaaten wie der Bundesrepublik, Schwellenländer wie Brasilien oder Mexiko sind ebenso überschuldet, und selbst die Ölscheiche merken den Rückgang des Energieverbrauchs in ihren Kassen (siehe Seite 33).

Im Inland sind genausowenig Zeichen von Kauflust zu bemerken. Die Bestellungen sanken im September/Oktober um sechs Prozent, die Produktion verringerte sich um viereinhalb Prozent, die Kapazitätsauslastung lag im Herbst unter dem Niveau der Rezessionsjahre 1974/ 75. Weder die Investoren noch die privaten Verbraucher handeln so, als ob sie an die offiziellen und offiziösen Aufschwungsparolen glaubten.

Wie sollten sie auch: 1982 schrumpfte das Bruttosozialprodukt in der Bundesrepublik um ein Prozent. Die Arbeitnehmer hatten zum dritten Mal hintereinander reale Einkommensverluste, die Zahl der Arbeitslosen liegt über zwei Millionen, und 1983 werden weitere Hunderttausende ihren Job verlieren.

Das Ziel, 1983 wenigstens das gleiche Sozialprodukt wie 1982 zu erwirtschaften, ist ehrgeizig genug. Es läßt sich nach den Berechnungen von Lambsdorffs Volkswirten nur erreichen, wenn

* die Zinsen weiter sinken;

* die Unternehmensführer »deutlich auf investitionsfördernde Maßnahmen reagieren«;

* der Export aufgrund einer anziehenden Weltkonjunktur wieder zunimmt;

* die Arbeitnehmer trotz sinkender Einkommen und trotz der Kürzung von Sozialausgaben nicht weniger ausgeben, sondern Geld vom Sparbuch abheben.

Die Aussichten, daß all dies zusammenkommt, sind minimal. Renommierte Wirtschaftsforschungsinstitute, die noch vor Wochen eine Stagnation für 1983 vorausgesagt haben, werden daher schon in den ersten Januarwochen ihre Prognosen anpassen. Das Sozialprodukt, so die jüngste Erkenntnis, werde auch dieses Jahr nochmals schrumpfen.

Sinkende Zinsen, das wichtigste Indiz, das Konjunkturoptimisten bisher vorzuweisen haben, bringen die Wende nicht. Wieder einmal bewahrheitet sich eine Erfahrung der Konjunkturpolitik: Steigende Geldpreise können eine Wirtschaft abwürgen; fallende jedoch reichen nicht aus, die Konjunktur wieder auf Trab zu bringen.

Eines brauchen bei alledem weder Kanzler Kohl noch die Vorstandsherren der Wirtschaft zu fürchten: daß die Gewerkschaften durch extrem hohe Lohnforderungen und durch Streiks die Stimmung noch mehr vermiesen. Die Gewerkschaftschefs wissen, daß sie sich mit Abschlüssen zwischen drei und dreieinhalb Prozent begnügen müssen.

Ein Verdienst der Kohl-Regierung ist diese Bescheidenheit nicht. Im Gegenteil: Durch sein ständiges Gerede von der Lohnpause hat Arbeitsminister Blüm den Gewerkschaftschefs das Geschäft des Maßhaltens eher erschwert.

Beim Kanzler beschwerte sich IG-Metall-Chef Eugen Loderer im Dezember, Blüms Lohnpausen-Alleingänge machten es ihm nur schwerer, die Heißsporne in der Gewerkschaft von Sieben- oder Acht-Prozent-Forderungen abzubringen.

Den Beifall der Gewerkschaften dürfte der Arbeitsminister hingegen mit einem Vorschlag finden, den er nach der CDU-Wahlniederlage in Hamburg machte: Der Spitzensteuersatz soll von 56 auf 60 Prozent angehoben werden. »Wir müssen etwas tun«, so Blüm auf einer Präsidiumssitzung seiner Partei, »damit die Reichen jaulen.«

Der Vorschlag des Gewerkschaftsmitglieds Blüm brachte den unternehmerfreundlichen Herrenklub der Union keineswegs in Rage. Niemand sprach von sozialistischer Neidpolitik. Niemand sorgte sich, allein die Ankündigung neuer Steuerbürden könnte scheue Kapitaleigner vom Investieren abhalten und den Aufschwung verhindern.

Nun soll die CSU des Franz Josef Strauß für den Schröpfplan gewonnen werden, der wohlhabende Manager und Freiberufler mit einem Einkommen über 260 000 Mark im Jahr treffen würde.

Daß die Reichen, wie Blüm erwartet, laut aufjaulen werden, ist keineswegs sicher. Jene, die jetzt zum Jahreswechsel die Wirtschaftsaussichten so schöngefärbt haben, wissen schließlich auch, daß ein Unionssieg am 6. März nicht umsonst zu haben ist.

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