Frisches Geld: Was die Billionen-Spritze der Fed bringt - DER SPIEGEL
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Frisches Geld Was die Billionen-Spritze der Fed bringt

Die USA werfen die Notenpresse an: Fed-Chef Bernanke pumpt mehr als eine Billion Dollar in die Märkte, der Kurs der US-Währung stürzt daraufhin ab. Droht jetzt eine Mega-Inflation? Oder soll die Europäische Zentralbank dem Beispiel folgen? SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es ist unvorstellbar viel Geld: eine Billion Dollar, eine Zahl mit zwölf Nullen. Diese Summe wird die amerikanische Notenbank Federal Reserve in die Märkte pumpen, wie ihr Chef Ben Bernanke am Mittwochabend angekündigt hat.

Fed-Chef Bernanke: Alles tun, um der Konjunktur auf die Beine zu helfen

Fed-Chef Bernanke: Alles tun, um der Konjunktur auf die Beine zu helfen

Foto: AFP

Das Ziel der Maßnahme: Die Wirtschaft soll mit frischem Geld versorgt werden, damit die Konjunktur endlich wieder in Gang kommt. Und tatsächlich gibt es Grund zur Hoffnung: Die US-Aktienkurse schossen am Mittwochabend in die Höhe.

Doch was bringt die Geldspritze wirklich? Wo liegen die Risiken? SPIEGEL ONLINE überprüft die Fakten.

Was ist der Grund für die Eine-Billion-Dollar-Spritze?

Man kann Ben Bernankes Entscheidung positiv sehen: Die US-Notenbank ist offenbar willens, alles Denkbare zu tun, um der Konjunktur wieder auf die Beine zu helfen. Man kann sich allerdings auch fragen, was dies über den Zustand der US-Wirtschaft aussagt: Wie schlimm muss die Lage sein, dass die Fed zu einem solch drastischen Mittel greift?

Fest steht: Bernanke hat kaum eine andere Möglichkeit, um in das Wirtschaftsgeschehen einzugreifen. Den Leitzins hatte er bereits auf annähernd null Prozent gesenkt - weiter nach unten geht es nicht mehr. Trotzdem klagten Banken und Unternehmen über fehlende Liquidität. Da weitere Zinssenkungen ausgeschlossen waren, blieb der Notenbank nur ein Weg: Sie musste frisches Geld in den Markt pumpen. Experten sprechen von der sogenannten "Quantitativen Lockerung" beziehungsweise vom "Credit Easing".

Was haben Unternehmen und Bürger davon?

Insgesamt gibt die Fed rund 1,1 Billionen Dollar aus. Finanziert wird die Summe praktisch aus dem Nichts - bildlich gesprochen wirft Bernanke die Notenpresse an. Mit dem Geld kauft die Fed Papiere am Kreditmarkt: Für länger laufende US-Staatsanleihen gibt sie mehr als 300 Milliarden Dollar aus, für "forderungsbesicherte Wertpapiere" sind bis zu 750 Milliarden Dollar vorgesehen. Dazu zählen Titel, hinter denen Hypotheken oder Studentenkredite stecken.

Wegen der starken Nachfrage steigen die Kurse der Papiere. Gleichzeitig sinkt die Rendite - und genau das ist bezweckt. Denn eine niedrigere Verzinsung von Staatsanleihen strahlt auf den gesamten Markt aus. In der Folge, so die Hoffnung, sinken die Zinsen auf breiter Front. Das heißt: Die Firmen können sich günstiger finanzieren. Sie kommen leichter an Geld und können mehr investieren.

Für die Bürger hat die Billionen-Spritze der Fed keine direkten Auswirkungen. Raten- oder Dispokredite dürften kaum günstiger werden - hier ist vor allem der Leitzins maßgeblich. Wer sein Geld allerdings in Staatsanleihen angelegt hat, muss genau hinschauen: Die steigenden Kurse kommen den Sparern zugute, die sinkende Rendite schlägt negativ zu Buche.

Warum ist der Euro-Kurs nach oben geschossen?

Der Wechselkurs spiegelt die Wirtschaftskraft eines Landes. Relevant sind dabei Maßzahlen wie das Bruttoinlandsprodukt, die Staatsverschuldung oder die Handelsbilanz. In den USA haben sich all diese Indikatoren real nicht geändert, gleichzeitig ist aber die Geldmenge sprunghaft gestiegen. Mit anderen Worten: Auf jeden einzelnen Dollar kommt weniger Wirtschaftskraft.

Der Devisenmarkt hat darauf sofort reagiert: Der Dollar-Kurs ist am Mittwoch massiv gesunken - und der Euro gestiegen. Die europäische Gemeinschaftswährung kostete am Abend mehr als 1,34 Dollar - rund drei Cent mehr als am Vortag. Für den Devisenhandel stellt dies eine erhebliche Schwankung dar.

Auch am Aktienmarkt gab es deutliche Ausschläge. Der Dow Jones   sprang am Mittwochabend nach oben. Ein Grund ist die niedrigere Rendite bei Anleihen, also bei konkurrierenden Anlagen. Daneben spielte aber auch die Hoffnung auf höhere Investitionen und damit auf eine Stärkung der Wirtschaft eine Rolle. Allein die Aktie der Citigroup   schoss um 23 Prozent nach oben.

Droht jetzt eine Mega-Inflation?

Die Gefahr besteht tatsächlich. Je größer die Geldmenge ist, desto mehr Dollars verteilen sich auf die vorhandenen Waren und Dienstleistungen - die Preise steigen. Aktuell ist das wegen der schwachen Wirtschaft nicht so schlimm. Wenn die Konjunktur aber anzieht, könnte die aufgeblähte Geldmenge zum Problem werden.

Kritiker warnen bereits vor einer neuen Blase. So erhöht die Fed ihre Bilanzsumme durch die Billionen-Spritze von 1900 Milliarden auf 2900 Milliarden Dollar - eine schier unvorstellbare Summe.

Zu der hohen Geldmenge kommen noch die Mini-Leitzinsen hinzu. Die Fed steckt deshalb im Dilemma: Solange die Wirtschaft in der Krise steckt, muss sie alles tun, um die Konjunktur anzukurbeln. Sobald es aber erste Zeichen eines Aufschwungs gibt, muss sie gegensteuern. Das heißt zum einen, dass sie die Zinsen dann anheben wird. Und zum anderen wird sie die aufgekauften Staatsanleihen wieder verkaufen, um dem Markt so Geld zu entziehen.

Gibt es Vorbilder für die Entscheidung der Fed?

Die Bank of England hat bereits in der vergangenen Woche Staatsanleihen aufgekauft, um die heimische Wirtschaft mit Geld zu versorgen. Insgesamt geht es um 150 Milliarden Pfund. Wie in den USA hatten die Währungshüter kaum eine andere Wahl: Der Leitzins liegt in Großbritannien bereits auf einem Rekordtief von 0,5 Prozent.

Auch die japanische Notenbank hat ähnliche Maßnahmen eingeleitet. Am Mittwoch stellte sie umgerechnet 220 Milliarden Euro zur Verfügung, um Bonds aufzukaufen. Daneben geht die Bank of Japan noch einen anderen Weg: Sie vergibt direkt Kredite. Als Sicherheit werden Unternehmensanleihen akzeptiert.

Soll die Europäische Zentralbank nachziehen?

Tatsächlich wird auch in der Europäischen Zentralbank über "unkonventionelle Maßnahmen" diskutiert. Im Gespräch ist der Kauf von Unternehmensanleihen, sogenannten Commercial Papers. Das Ergebnis wäre das gleiche wie in den USA: Der Markt würde mit zusätzlichem Geld versorgt.

Allerdings steht die EZB nicht so sehr unter Druck wie die Fed: Der Leitzins liegt im Euro-Raum bei 1,5 Prozent - es gibt also noch Spielraum nach unten. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet erklärte am Mittwoch, es sei nicht entschieden, ob man mit dem derzeitigen Leitzins das niedrigste Niveau erreicht habe.

Generell schreckt die EZB vor Maßnahmen zurück, die eine Inflationsgefahr heraufbeschwören. Laut Statut ist sie der Geldwertstabilität verpflichtet und nicht dem Wirtschaftswachstum - ein entscheidender Unterschied zur amerikanischen Fed.