Affären Fromme Sünder
Kaufmann Horst H. Lösel, 30, und sein Partner Architekt Dietrich P. Fersch, 38, Inhaber der Bauträgergesellschaft Doma, gaben sich gerne fromm. Bei Richtfesten ließ der eine Maurer und Zimmerleute den Choral »Lobet den Herrn anstimmen, der andere spendierte der Kirche zur Taufe seines Sohnes zehntausend Mark.
Die Staatsanwälte der Nürnberger Wirtschaftsstrafkammer wollen jetzt beweisen, daß die beiden Wunderknaben der Wohnungsbaubranche trotzdem recht unchristlichen Geschäften nachgingen.
In einem Mammutprozeß sollen die Hintergrunde eines der spektakulärsten Zusammenbrüche der westdeutschen Bauträgerbranche geklärt werden. Hauptvorwürfe der Staatsanwälte: Fersch und Lösel hätten ihre Kunden um rund 5,2 Millionen Mark geschädigt und einen 50-Millionen-Konkurs verursacht.
Die beiden Jungunternehmer genossen in der Zunft den Ruf von Senkrechtstartern. weil ihr 1965 gegründetes Unternehmen innerhalb kurzer Zeit drittgrößte private Bauträgergesellschaft in der Bundesrepublik wurde. Ende der sechziger Jahre bekam die Erfolgskurve des Duos einen Knick. Wie die Staatsanwaltschaft herausfand, betrug der Umsatz der Münchner 1969 nur 26 Millionen Mark. obwohl die
* Mit Charles Aznavour, Vico Torrian, Frau Fersch, Fersch-Freundin.
Firmeninhaber der Öffentlichkeit 90 Millionen vorgaukelten.
Als der Nürnberger Oberstaatsanwalt Hans Sachs im September 1970 mehrere Zentner Buchungsunterlagen der Doma beschlagnahmte und Lösel verhaftete, mußte er feststellen, daß die Firma ihre Transaktionen sorgfältig getarnt hatte. Obwohl das Unternehmen nicht mehr liquide war, wurden von Fersch und Lösel zum Beispiel rund eine Million Mark Kundengelder in den Iran überwiesen. Dort hatten die beiden Firmen-Chefs in Teheran die »Royal Doma Iran« gegründet. Als Galionsfigur diente ihnen der persische Schah-Neffe Prinz Scharam.
Das Gründungskapital der orientalischen Dependance stammte aus verschiedenen Quellen. So wurden allein laut Ermittlung der Staatsanwaltschaft vom Konto einer Doma-Siedlung in Fischbach (Taunus) telegraphisch 100000 Mark angewiesen. Mit einem anderen zweckgebundenen Konto für 22 Reihenhäuser in Ansbach wurde eine 4685-Mark-Uhr für Geschäftsfreund Scharam bezahlt.
Auch sonst gingen die Doma-Herren mit Firmengeldern nicht kleinlich um. So ließ sich Fersch per Flugzeug Sauerkraut, Schinken und Bauernbrot in sein Teheraner Domizil einfliegen.
Im Dezember 1969 war der baldige Exitus des Bauriesen abzusehen. Revisor Heinz Schock kam damals zu der Erkenntnis, daß die Firma »den nächsten Sommer nicht mehr erreichen werde«. Ungeachtet solcher Prognosen schrieben die beiden Baulöwen aber immer wieder neue Projekte aus. Grund: Mit den Vorauszahlungen der Kundschaft wollten sie ihre akute Kassen-Ebbe beheben.
In Siegertsbrunn bei München erwarb die Doma Ende 1969 zum Beispiel mehrere Grundstücke. verschaffte sich von der Bayerischen Landesbausparkasse Ankaufkredite und kassierte von Kunden Anzahlungen in Höhe von 350 000 Mark. Die Häuser wurden jedoch nie gebaut. Auf rund drei Millionen Mark wird der Schaden geschätzt. den Doma-Hauskäufer in Fischbach erlitten. Von ihren Konten ließ die Firma unter anderem 130 000 Mark für die Kaution abbuchen, die Lösel nach seiner ersten Verhaftung im September 1970 hinterlegen mußte.
Um mit Kundengeldern rasch die Löcher in der Firmenkasse schließen zu können, sorgten die Firmenchefs stets für einen flotten »Geldvorlauf«. So hatte die Doma-Klientin Sabine Rost aus Bamberg bereits 84 500 Mark an die Firma überwiesen, obwohl der Wert des Rohbaus beim Zusammenbruch des Unternehmens nur 50000 Mark betrug. Aus dem Bamberger Bankkonto hatten die Doma-Herren unter anderem Teppiche für ihr Düsseldorfer Büro bezahlt.
Nicht unerhebliche Beträge zweigte das Doma-Gespann für Image-Pflege ab. So schloß Fersch mit dem Maler Winfried Mühlum einen Mäzenatenvertrag, der die Doma insgesamt 30000 Mark kostete.
Weit größere Summen verschlang ein prunkvoller Doma-Ball. Er kostete die Firma rund 150 000 Mark, von denen fast die Hälfte der eigens aus Paris eingeflogene Sänger Charles Aznavour kassierte. Per Flugzeug kamen auch 600 Orchideen aus Thailand, mit denen die Doma-Herren ihre weiblichen Gäste überraschten.
Prominente des Freistaats Bayern, darunter der ehemalige CSU-Minister Dr. Dr. Alois Hundhammer, durften von der Großzügigkeit der Firmen-Inhaber ebenfalls profitieren. Als Beiratsmitglieder ("jegliche Haftung ausgeschlossen") bezogen sie insgesamt 30000 Mark.
Auch seine Freundin Jutta Rothmund ließ der »Patriarch« (Fersch über Fersch) nicht verkommen. Er kaufte ihr, so die Anklage. auf Doma-Kosten in Münchens Nobelviertel Grunwald ein Haus und räumte ihr eine Firmenbankvollmacht ein. Kosten der Liaison: rund 800000 Mark.
Schon frühzeitig zweigten die beiden Unternehmer aus der Firmenkasse einen Notgroschen ab. Während Fersch Geld in den Iran transferierte, überwies Lösel im Frühjahr 1970 rund 220 000 Mark auf ein Konto der Schweizerischen Kreditanstalt, Auf dieses Konto floß auch eine Provision, die sich Lösel selbst gutgeschrieben hatte: Beim Kauf der Grundstücke in Siegertsbrunn bezahlte er der Liechtensteiner Briefkastenfirma »Fundus« 48 000 Mark. die Hälfte davon ging auf das Schweizer Konto.
Mit Hilfe des Frankfurter Anwalts Dr. Adolf Hoffmann versuchte Lösel
Mit der Filterkette eines Betatrons
nach seiner ersten Verhaftung zu retten, was noch zu retten war. So trat er an Hoffmann von der Bar-Kaution (280 000 Mark), die er zu seiner Entlassung hinterlegen mußte, 20000 Mark Honorar und weitere 60000 Mark treuhänderisch ab.
Wie die Staatsanwaltschaft weiter behauptet, hatte Lösel nach seiner Verhaftung seine ganze bewegliche Habe an Hoffmann abgetreten -- Manschettenknöpfe und elektrische Lockenwickler eingeschlossen. Wegen dieser Manöver soll der Notar ebenfalls auf die Anklagebank.
Fehlen wird dort allerdings Dietrich Paul Fersch. Er wurde zwar von den Ermittlungsbeamten in Teheran vernommen, ob er jedoch ausgeliefert wird, ist mehr als fraglich. Dabei hatte er bei seinem Rückzug in den Orient feierlich versprochen: »Wenn nötig, wird eine Privatmaschine zum Blitzflug nach Deutschland eingesetzt.«