Frustrierend knauserig - DER SPIEGEL
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DRITTE WELT Frustrierend knauserig

Mit rabiatem Sparkurs trifft Washington die ärmsten Länder der Welt. *
• aus DER SPIEGEL 43/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bundeskanzler Helmut Kohl bekommt in jüngster Zeit viel Post aus den ärmsten Ländern der Welt: Er möge sich doch, so bitten die Briefsteller immer wieder, bei seinen amerikanischen Freunden für sie einsetzen.

Die Absender sind Staats- und Regierungschefs in den afrikanischen Hungerstaaten südlich der Sahara, in Asien und Lateinamerika. Wenn sie kein Geld mehr von den Industrienationen bekommen, so mahnen die Habenichtse aus der Dritten Welt den deutschen Kanzler, dann drohe eine Katastrophe.

Geld aber will ausgerechnet die größte und wohl reichste Industriemacht der Welt nicht mehr geben. Die Amerikaner beharren darauf, der International Development Association (Ida), einer

Schwesterorganisation der Weltbank, drastisch die Mittel zu kürzen.

Washington lähmt mit dieser Entscheidung eine der erfolgreichsten und angesehensten Organisationen der internationalen Entwicklungshilfe. Dabei wäre gerade jetzt, wo viele hoch verschuldete Entwicklungsländer am Rande des Bankrotts leben, Hilfe am dringendsten vonnöten. Denn während Politiker und Bankiers mit den Kredit-Milliarden jonglieren, wächst das Elend der Bevölkerung in den ärmsten Staaten der Welt.

Dutzende von Ländern, wie Bangladesch oder die Arabische Republik Jemen, Obervolta oder Tschad, haben bei den internationalen Geldkonzernen längst keinen Kredit mehr. Sie sind bei vielen Projekten, die Armut, Hunger und Krankheit lindern sollen, auf die Hilfe der Ida angewiesen.

Anders als die Kredite der Weltbank, die Entwicklungskredite nur für einige Jahre und gegen Marktzinsen gibt, sind die Ida-Darlehen fast geschenkt. Sie haben eine Laufzeit von 50 Jahren, sind zinslos, und die Kapitalrückzahlung beginnt erst nach einer tilgungsfreien Zeit von zehn Jahren.

Anders auch als die Weltbank, die sich wie andere Geldinstitute über den Kapitalmarkt finanziert, erhält die Ida ihre Mittel fast ausschließlich über Beiträge ihrer Mitglieder - vornehmlich der großen Industrienationen. Alle drei Jahre müssen sich die Geberstaaten einigen, mit welchen Beträgen sie die Ida-Kasse wieder auffüllen wollen.

Jetzt ist die siebte sogenannte Wiederauffüllung fällig. Die Ida-Manager zeigten sich angesichts der bei den meisten der 33 Beitragszahler herrschenden Finanznöte bescheiden: Sie verlangen 16 Milliarden Dollar und damit - wird die weltweite Teuerung berücksichtigt - nur wenig mehr als sie in der vorherigen dreijährigen Wirtschaftsperiode zur Verfügung hatten.

Doch der größte Beitragszahler legte sich quer. Bündig verkündeten die Amerikaner, sie würden ihren Anteil an den Ida-Einnahmen von 27 Prozent auf 25 Prozent senken. In den nächsten drei Jahren, so Washington, könne die Ida überdies lediglich mit jeweils 750 Millionen Dollar aus Washington rechnen - »eine frustrierend knauserige Haltung«, fand Ida-Unterhändler Andre de Lattre.

Verhalten sich alle übrigen Mitglieder ähnlich und zahlen entsprechend dem Beitragsschlüssel ebenfalls weniger, so käme das Entwicklungsinstitut auf einen verfügbaren Gesamtbetrag von nur noch neun Milliarden Dollar. Das wäre ein Viertel weniger als in der noch laufenden Abrechnungsperiode.

Zwar zeigten sich auch die meisten übrigen Geberländer nicht gerade generös: Rund zwölf Milliarden, so argumentierten sie, sollten in den Entwicklungsfonds fließen. Aber in ihrem Urteil über die amerikanische Haltung sind sich alle einig: Washington sei dabei, einen gewaltigen entwicklungspolitischen Rückschritt zu erzwingen.

Welch böse Folgen die rabiate Kürzung der Entwicklungskredite mit sich bringt, haben die Ida-Manager bereits berechnet. Allein in den Armutsländern südlich der Sahara, von Mali bis zum Sudan, muß die Ida Entwicklungsprojekte wie Straßen, Kanäle, Aufforstungen und Kraftwerke mit sechs bis sieben Milliarden Dollar finanzieren. Für alle übrigen Länder bliebe der klägliche Rest des Haushalts.

Dabei stammt die Rechnung nicht etwa von weltfremden Idealisten. Die Ida-Experten gehören der Weltbank an, die im Ruf steht, Projekte ebenso kritisch zu prüfen, wie es Geschäftsbanken tun.

»Selbst unter dem günstigsten Szenario«, schreiben die Weltbank-Experten, »wird das reale Pro-Kopf-Einkommen in den Ländern Afrikas südlich der Sahara bis 1995 deutlich niedriger sein, als es 1970 war.«

Die ärmsten Entwicklungsländer sind um so mehr auf jeden Dollar angewiesen, als die Erlöse aus ihren einzigen Exportgütern, den Rohstoffen, immer spärlicher fließen. Im Vergleich mit den steigenden Preisen für Fertigwaren, die von den Entwicklungsländern importiert werden, sehen die Preise für Kaffee und Baumwolle, für Kautschuk und Kupfer schlecht aus: Real gemessen waren sie, in US-Dollar, im vergangenen Jahr niedriger als zu jeder anderen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Besserung ist nicht in Sicht. Es sei »sehr wahrscheinlich«, urteilt die Weltbank, daß die »Terms of Trade« _(Die Terms of Trade bezeichnen das ) _(Austauschverhältnis zwischen ) _(importierten und exportierten Gütern ) _(eines Landes. Sie geben an, wieviel ) _(Importwaren das Land von den Erlösen ) _(seiner Exportgüter kaufen kann. )

der ost- und südafrikanischen Länder im Verlauf dieses Jahrzehnts bei weitem ungünstiger sein werden als in den siebziger Jahren.

Jeder Dollar wird den Armen der Welt fehlen. Bleiben die Amerikaner hart, würde Indien beispielsweise um die Früchte vieler Jahre wirtschaftlichen Fortschritts gebracht. Statt 180 Millionen, so fürchten Experten der Ida, könnten im nächsten Jahrzehnt schon 240 Millionen Inder ohne Aussicht auf Hilfe im Elend vegetieren.

Der Sparkurs Washingtons trifft die Entwicklungsländer um so härter, als sie bislang schon unter den Auswirkungen amerikanischer Politik erheblich zu leiden haben. Wegen der hohen US-Zinsen ist die Last, die sich viele Länder mit Auslandskrediten aufgebürdet haben, kaum noch tragbar.

Hinzu kommt die Arrogranz der Macht, die sich zunehmend in der Entwicklungspolitik Washingtons bemerkbar macht. In allen internationalen Institutionen nutzen die Vereinigten Staaten ihr Stimmgewicht, um Kredite nach politischen Kriterien zu verteilen: Wer Wohlverhalten zeigt, wird belohnt.

So setzten die Amerikaner einen Beistandskredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) für das rechte Regime in El Salvador durch. Exekutiv-Direktoren des IWF hatten dem Land dieses Darlehen verweigert, weil es die ökonomischen Voraussetzungen nicht erfüllte. Einen IWF-Kredit für das kommunistische Vietnam verhinderten die USA.

»Die Politisierung der Darlehensgewährung«, erkannte eine Forschungsgruppe des US-Kongresses, »ist besonders unter der Reagan-Administration deutlich geworden.« Und das heißt für viele Länder der Dritten Welt: Es kann alles nur noch schlimmer werden.

Die Terms of Trade bezeichnen das Austauschverhältnis zwischenimportierten und exportierten Gütern eines Landes. Sie geben an,wieviel Importwaren das Land von den Erlösen seiner Exportgüterkaufen kann.

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