Führender Verschmutzer - DER SPIEGEL
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Medien Führender Verschmutzer

Der Medienkonzern Time Warner gerät immer stärker unter Beschuß von Investoren und Politikern.
• aus DER SPIEGEL 28/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

DeLores Tuckers Stimme bebt. Und zuweilen stockt sie auch - vor Scham: Die Vorsitzende der schwarzen Frauenorganisation National Political Congress of Black Women liest vor Fernsehkameras in Washington Texte amerikanischer Popsongs vor.

»Ich schlachte deine Mutter ab«, zitiert sie die bei den Kids populäre Rockband »Nine Inch Nails«. »Wir wollen nur morden, morden, morden.«

Neben DeLores Tucker haben sich der konservative ehemalige US-Erziehungsminister William Bennett und der liberale Senator Joe Liebermann aus Connecticut aufgestellt. Zusammengebracht hat die drei ein gemeinsamer Feind: der Medienkonzern Time Warner.

Der New Yorker Medienmulti, so klagen die drei sogar in Fernseh- und Radiospots, mache über 80 Millionen Dollar Umsatz mit Musik wie Gangsta-Rap, der offen Mord oder Vergewaltigung verherrlicht. »Sind Sie moralisch schwer behindert?« fragt der Ex-Minister Bennett die leitenden Herren des New Yorker Konzerns.

Solche Angriffe haben Gerald Levin, dem Chef von Time Warner, gerade noch gefehlt. Seit geraumer Zeit schon attackieren ihn frustrierte Aktionäre, die dem Manager den mickrigen Kurs der Time-Warner-Aktien anlasten.

Nun nehmen auch noch Politiker aller Couleur den mit 16 Milliarden Dollar Umsatz größten und wichtigsten nationalen Verbreiter moderner Kultur unter Beschuß.

Bob Dole, der aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat der Republikaner, hat Time Warner wegen seiner angeblich gewaltverherrlichenden und sexuell freizügigen Filme massiv angegriffen. Das Magazin U.S. News & World Report bezeichnete den Medienriesen sogar als Amerikas »führenden kulturellen Umweltverschmutzer«.

Plötzlich fragen sich Kollegen und Investoren, ob Levin, der den Chefposten erst 1992 übernommen hat, der richtige Mann am richtigen Platz sei - und ob er, so ein Manager des Medienhauses, »das Zeug hat, Time Warner ins 21. Jahrhundert zu führen«.

Der 56jährige Jurist mit dem Gehabe eines Professors gefällt sich in der Rolle eines Visionärs. Mit viel Geld und großen Gesten steuert er das kommende Multimediazeitalter an.

Viele Investoren sehen darin einen Irrweg. Denn das Unternehmen hat seit seiner Gründung noch keinen Dollar verdient.

»Die großen institutionellen Investoren werden zunehmend ungeduldig«, schreibt das Wall Street Journal. Mario Gabelli zum Beispiel, dessen Fonds-Gesellschaft zum Aktionärskreis gehört, gibt Levin nur noch zwölf Monate, um die Schulden zu verringern und den Aktienkurs nach oben zu bringen.

Die Aufbruchstimmung von 1989 ist verflogen. Damals entstand mit der spektakulären Übernahme des Musik- und Filmmultis Warner Communications durch das Verlags- und Pressehaus Time Inc. der größte Medienmulti der Welt.

Die Fusion wurde allerdings, wie damals üblich, auf Pump finanziert. Time Warner startete mit acht Milliarden Dollar Umsatz und elf Milliarden Dollar Schulden. Dennoch schrieb das Management seinen Aktionären damals voller Stolz: »Eine neue Ära der Menschheitsgeschichte hat begonnen.«

Der Glamour- und Glitzer-Multi sollte zum Symbol für die Medienzukunft werden, doch die Realität sieht anders aus: Levin hat die drückenden Schulden mittlerweile auf 15 Milliarden getrieben. Und schon bald wird der Konzern die Zinsen für 18 Milliarden Dollar aufbringen müssen.

Die Zahlen könnten ganz anders aussehen. Der Konzern macht gute Geschäfte mit Büchern und Magazinen, mit Musik und Filmen. Bis auf den Kabel-TV-Sektor liegen alle Geschäftsbereiche von Time Warner gut im Markt.

Doch das Zusammenspiel unter Levin funktioniert nicht. Das Ganze sei weniger als die Summe seiner Teile, urteilt ein Kenner des Konzerns. »Bei der Konkurrenz klappt die Koordinierung der Sparten viel besser«, stellt Jessica Reif vom Broker-Haus Merrill Lynch fest.

Levin kümmert sich lieber um die Zukunft - mit gewaltigen Investitionen im Kabel-TV-Bereich. Time Warner hat schon Milliarden für die Ausweitung und Verbesserung seines Kabel-TV-Netzes ausgegeben, das mehr als zehn Millionen amerikanische Haushalte erreicht. In den kommenden fünf Jahren will er noch einmal acht Milliarden in die Netze stecken.

Andere potente Konzerne, die sich vom Geschäft mit dem TV-Kabel ebenfalls viel versprachen, haben ihre Pläne mittlerweile verschoben oder gar begraben, weil sie die Gewinnchancen nur gering einschätzen. Die Goldgräberstimmung, ausgelöst durch die Träume vom Information Highway, sind längst verflogen.

Kritiker werfen Levin, neben seiner Liebe zum Kabel, vor allem seine Sprunghaftigkeit vor. Die bekam zuletzt Doug Morris, der Chef der Musiksparte des Konzerns, zu spüren. Mitte Mai hatte Levin ihm noch schriftlich einen höheren Posten zugesagt. Wenige Wochen später mußte Morris gehen.

Der Chef der amerikanischen Musiksparte ist bereits der vierte Spitzenmanager des Musikbereichs, den Levin in den vergangenen elf Monaten gefeuert hat. Die Abfindungen für diese Mitarbeiter summieren sich auf runde 100 Millionen Dollar. Y

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