Führungswechsel: Der Dax und das Klinsmann-Prinzip - DER SPIEGEL
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Führungswechsel Der Dax und das Klinsmann-Prinzip

Neuer Chef, neues Glück? Dax-Lenkern wird immer weniger Amtszeit gewährt. Auf die Abgänge umstrittener Chefs wie Jürgen Schrempp folgen Kursrallys, auch heute wird über Rücktrittskandidaten spekuliert. Manche Wechselstrategien sind für Aktionäre besonders lukrativ.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Wer glaubt, gute Börsenjahre seien ruhige Jahre für Konzernchefs, irrt. Im Jahr 2005, im dritten Jahr einer fulminanten Erholung, mussten weltweit so viele Unternehmenslenker wie nie zuvor ihren Posten räumen. Während die Kurse der meisten börsennotierten Konzerne einträchtig nach oben kletterten, übergab jeder siebte Vorstandschef die Amtsgeschäfte – die Mehrheit von ihnen unfreiwillig.

Bei DaimlerChrysler   gab Jürgen Schrempp das Steuer an Dieter Zetsche weiter – die Aktie legte unmittelbar nach Ankündigung des Abgangs zweistellig zu. Bei der Deutschen Börse   wurde Werner Seifert von Hedgefonds-Manager Chris Hohn unsanft aus dem Amt gedrängt – wer meint, die Aktionäre würden solch rüde Methoden abstrafen, sollte sich einmal den beeindruckenden Kursanstieg der Deutschen Börse im vergangenen Jahr ansehen. Der Führungswechsel bei Siemens   von Heinrich von Pierer auf Klaus Kleinfeld fiel demgegenüber sehr gesittet und fast geräuschlos aus. Auch die Kursentwicklung der Siemens-Aktie war längst nicht so spektakulär wie bei DaimlerChrysler und der Deutschen Börse.

Profitieren Aktionäre, wenn es in deutschen Vorstandsetagen so richtig rumpelt und kracht? Das Jahr 2006 könnte dann noch einmal interessant werden, zumal sich die Wetterlage an den Finanzmärken allgemein eingetrübt hat und in einigen Unternehmen bereits ein ganz spezielles Grollen zu vernehmen ist.

VW, TUI, Telekom: Schlechte Laune und ein paar Gerüchte

Bei Volkswagen   gab Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch seinen CEO Bernd Pischetsrieder inmitten der Sanierungsphase zur öffentlichen Diskussion frei – um sich dann einige Wochen später wieder hinter ihn zu stellen. Beim Reisekonzern TUI   wird der Unmut über Michael Frenzels Strategie lauter: Sollte die Schifffahrtssparte Hapag-Lloyd tatsächlich verkauft werden, erscheint dessen Kurs nicht unbedingt schlüssiger.

Beim Thema Deutsche Telekom   waberten in den vergangenen Tagen wieder einmal Gerüchte über das Frankfurter Parkett: Werden die T-Aktionäre, an denen die allgemeine Börsenerholung komplett vorbeigegangen ist, auf einen Wechsel drängen? Wird der Minderheitsanteilseigner Blackstone, der bislang mit seinem 4,5-Prozent-Paket wenig glücklich geworden ist, den Druck erhöhen? Der Aufsichtsrat reagierte und stattete Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke demonstrativ mit mehr Macht aus – doch Ricke ist nun auch schon rund vier Jahre im Amt, die Schonzeit für den pragmatischen Nachfolger von Ron Sommer ist längst abgelaufen.

Musterbeispiel BMW: Führungswechsel sind in

Der Führungswechsel bei BMW   von Helmut Panke auf Norbert Reithofer vor wenigen Wochen verlief ebenso überraschend wie glatt. Der bayerische Autobauer verfolgt souverän seinen Kurs und lässt sich die Nachfolgebedingungen nicht von nervösen Kapitalmärkten diktieren. Im Gegensatz dazu werden Volkswagen  , Tui und die Deutsche Telekom in den kommenden Monaten immer mal wieder Anlass zu allerlei Wechsel- und Aufräumspekulationen geben.

Also jetzt schon auf Kandidaten wie Tui, Volkswagen und Deutsche Telekom setzen? Ein Wechsel an sich beseitigt noch nicht die Sorgen, und es gibt erfolgreiche und weniger erfolgreiche Wechselstrategien. Die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton analysiert seit einigen Jahren die Führungswechsel bei den 2500 größten Unternehmen weltweit: Genug Datenmaterial hat sie gesammelt, denn Führungswechsel sind in.

Durchschnittlich nur noch fünf Jahre im Amt

"Ein Vorstandschef kann heute nicht mehr damit rechnen, dass er seinen Job bis zum Pensionsalter behält", sagt Klaus-Peter Gushurst, Managing Partner bei Booz Allen Hamilton. Ein Vorstandschef in Deutschland sei durchschnittlich nur noch fünf Jahre lang im Amt: Die Führung eines Unternehmens ist kein Job mehr auf Lebenszeit.

Für die Auswechselwelle gibt es vor allem drei Gründe: Private-Equity-Unternehmen wie Blackstone sowie Hedgefonds haben oftmals viel Geld in die Konzerne investiert und üben Druck auf das Management aus, um ihre ehrgeizigen Renditeziele zu erreichen. Der Aufsichtsrat selbst sieht sich gedrängt, dem Topmanagement genauer als bisher auf die Finger zu schauen: Schärfere Corporate-Governance-Regeln nehmen das Kontrollgremium stärker in die Verantwortung, und zeitgleich nehmen sowohl der globale Wettbewerb als auch die Erwartungen der Aktionäre an den "Shareholder Value" zu.

Mehr als die Hälfte der Topmanager, die 2005 in Deutschland ausgewechselt wurden, mussten ihren Posten wegen schlechter Leistungen räumen. Die steigende Zahl von Fusionen und Übernahmen (M&A) trägt außerdem zum angeregten Wechselspiel in den Chefetagen bei.

Ein Outsider stützt den Kurs – aber nicht allzu lange

Doch was hat der Aktionär davon? In den meisten Fällen reagiert eine Aktie kurzfristig mit steigenden Kursen auf die Ankündigung, dass ein neuer Mann an der Spitze für neuen Schwung im Unternehmen sorgen soll. Ein extern angeworbener Chef vermag den Unternehmenswert zunächst stärker zu steigern als ein Eigengewächs des Unternehmens, hat die Studie von Booz Allen Hamilton ergeben.

Während ein herbeigerufener Outsider den "Total Shareholder Return" (Kursentwicklung plus Dividende) in der ersten Hälfte seiner Amtszeit um durchschnittlich 8,6 Prozent steigern konnte, blieb ein intern herangewachsener CEO mit lediglich 2,2 Prozent klar dahinter zurück. Allerdings kehrt sich das Bild in der zweiten Amtshälfte meist um: Der Externe muss in der Regel einen wieder zurückgehenden Firmenwert verkraften, während ein aus den eigenen Reihen berufener Chef den Wert meist kontinuierlich steigern kann.

Danke, Klinsmann: Tolle WM und tschüss

"Ein neuer Chef von außen zieht häufig ein Sanierungsprogramm durch und bekommt dafür Applaus von der Börse, doch nach zwei, drei Jahren ist dann meist der Schwung raus", erläutert Gushurst. Er vergleicht dies mit dem Jürgen-Klinsmann-Phänomen: "Klinsmann hat den Turnaround im deutschen Fußball geschafft. Nach der WM konnte er eigentlich nur noch verlieren und hat sich auf dem Gipfel der Popularität verabschiedet." Den Aufsichtsräten empfiehlt Gushurst, sich in einer vergleichbaren Situation rechtzeitig über die langfristige Strategie Gedanken zu machen und eine interne Führungskraft aufzubauen, die den externen Sanierer nach drei bis fünf Jahren ersetzen kann.

Aufsichtsräte müssen sich ohnehin intensiver als bisher dem Thema Nachfolge widmen, meint Gushurst. Dies bedeute nicht nur, rechtzeitig geeignete Nachfolger aufzubauen, sondern auch den richtigen Zeitpunkt für einen Führungswechsel zu finden. "Es sollte auf keinen Fall Hektik aufkommen. Wenn der Aufsichtsrat sich erst dann auf die Suche macht, wenn der amtierende CEO bereits in der Öffentlichkeit zerredet wird, ist es zu spät", so Gushurst.

Die Chefs werden jünger

Dies bedeute, dass sich der Aufsichtsrat regelmäßig mit der Unternehmensstrategie auseinandersetzen muss. Eine "gesunde Reibung" zwischen Topmanagement und Kontrollgremium sei hilfreich. "Die Fluktuation in den Chefetagen wird vergleichsweise hoch bleiben – schon deshalb, weil Private-Equity-Anteilseigner den Vorstand immer häufiger mit eigenen Ideen konfrontieren werden", meint Gushurst.

Die Folgen: Die Vorstandsvorsitzenden werden immer jünger. Im Jahr 2005 war ein CEO im deutschsprachigen Raum durchschnittlich 52 Jahre alt, dieses Eintrittsalter ist inzwischen auf 45 Jahre gefallen. Die Mittvierziger müssen zudem damit rechnen, dass sie nur für einen überschaubaren Zeitraum im Unternehmen bleiben. Dies sorgt wiederum für Bewegung auf dem Markt, denn es werden stets neue Kandidaten frei.

Ausscheidende Topmanager, die noch nicht in Pension gehen wollen, heuern jedoch nicht zwangsläufig bei einem neuen Unternehmen an. Sie finden äußerst lukrative Möglichkeiten bei Private-Equity-Unternehmen, der Branche, die ihrerseits den Wechsel in Unternehmen vorantreibt. Die Wechselspiele dürften nach Einschätzung von Booz Allen Hamilton zwar ihren Scheitelpunkt erreicht haben – doch sie dürften auf vergleichsweise hohem Niveau weitergehen. Für genug Spekulationsstoff ist gesorgt: Es wird nicht bei den Wechselkandidaten TUI, Volkswagen und Deutsche Telekom bleiben.

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