Unternehmer Fürchterlich dynamisch
Mit ihren 28 Jahren hat es die Wiener Juristin Tina Krones-Taurer schon ziemlich weit gebracht. Sie ist, seit Juli, Vorstandsmitglied einer AG und Geschäftsführerin von zwei GmbH.
Zwar regiert die Chefin der drei Unternehmen in der Prinz-Eugen-Straße 18 nur vier Angestellte. Aber sie arbeitet - das sieht sie ebenso wie der Eigentümer der drei Mini-Firmen - am Aufbau eines richtigen Konzerns mit. Es entsteht die Horst Schiesser Unternehmensgruppe Austria.
Der Berliner Backwarenfabrikant Horst Schiesser, 59, ist aus der Versenkung aufgetaucht, und er hat wieder einmal Großes vor.
Nach seinem Debakel mit der Neuen Heimat - Schiesser mußte im November 1986 nach sechs Wochen den gerade für eine Mark erworbenen Wohnungskonzern wieder herausrücken - war es still geworden um den Berliner. Schiesser war vollauf damit beschäftigt, seine Firmen vor dem Ruin zu retten: Die Banken hatten ihm wegen seiner Eskapaden mit der Neuen Heimat die Kredite zusammengestrichen. Da war der risikofreudige Unternehmer, wie er bekennt, »tageweise richtig zahlungsunfähig«.
Nun hat er wieder etwas Geld und vor allem viele Ideen. Da ihm, wie er meint, die deutschen Banken böse zugesetzt haben, versucht er es jetzt in Österreich. Die altehrwürdige Erste Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft AG will er kaufen, dazu eine ganze Reihe anderer österreichischer Firmen, alles, was gut und billig ist. Von Wien aus plant er seinen großen Einstieg ins Ostgeschäft.
So möchte sich Schiesser an der größten ungarischen Bäckerei beteiligen, an einer CD-Fabrik in Szekesfehervar und an einem Lkw-Umladeplatz bei Budapest. In Ungarn und später auch in Polen will der Berliner eine Kette von Verbrauchermärkten aufziehen.
»Der Herr Schiesser«, hat seine Österreich-Statthalterin schnell gemerkt, »ist ein fürchterlich dynamischer Typ.« Leider reichte das Geld nie, all die Ideen zu verwirklichen, die Horst Schiesser ausbrütete.
Daß er ausgerechnet die Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft überneh* »MS Mozart« der Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft. men will, ist leicht erklärbar: Die Firma ist billig zu haben. Das 160 Jahre alte Traditionsunternehmen fährt seit vielen Jahren nur Verluste ein. Mit schöner Regelmäßigkeit macht das Manko in der Bilanz alljährlich zwischen 20 und 25 Prozent vom Umsatz aus.
Um die Frachtkähne und Passagierschiffe - Prunkstück ist die luxuriöse »MS Mozart« - unter Dampf zu halten, muß der österreichische Staat als Eigentümer dauernd Geld einschießen: in den letzten drei Jahren insgesamt 529 Millionen Schilling, umgerechnet etwa 75 Millionen Mark. In diesem Jahr ist ein Zuschuß von 21 Millionen Mark fällig, im nächsten Jahr knapp 20 Millionen.
Viel mehr als eine Mark darf dieses Staatsunternehmen nicht kosten. Schiesser ist davon überzeugt, daß er die Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft schnell sanieren kann - er hätte auch, erzählt er noch heute gern, die Neue Heimat saniert, wenn ihn die Banken nur gelassen hätten.
Auch die anderen Firmen, die Schiesser in Österreich kaufen will, müssen preiswert zu haben sein. Tina Krones-Taurer bereitet die »Übernahme von zu sanierenden Unternehmen« vor. Die sollen dann, wenn sie gesund sind, in die Schiesser-Firma DNG eingegliedert werden.
Neben der DNG hat der Berliner noch zwei weitere Firmen in Wien aufgemacht: die Terra Publica AG und die Horst Schiesser GmbH. »Schiesser«, sagt einer seiner Freunde, »hat immer ein paar Gesellschaften auf Vorrat.« So braucht er, wenn ein schnelles Geschäft lockt, sich nicht erst mit Gründungsformalitäten abzugeben.
Diese Strategie macht das kleine Wirtschaftsimperium des Horst Schiesser etwas unübersichtlich. Auch enge Vertraute wissen nicht genau, wie viele Gesellschaften Schiesser besitzt, welche davon sanft schlummern und welche aktiv sind.
Durch Erbe kam Schiesser an die Brotfabrikation (Geschi-Brot Schiesser & Sohn GmbH), durch Heirat an eine Kette von Berliner Autozubehör-Läden (Henry Siebert Handels GmbH). Rund um diese beiden Stützpfeiler seines Wohlstands hat er sich ein buntgewürfeltes Sammelsurium kleinerer Firmen zugelegt.
Seine Bellavista Vergnügungs- und Freizeit GmbH betreibt in einem stillgelegten Berliner Bahnhof einen Türkischen Basar mit Bauchtanz und Döner Kebab, seine Hansa-Pharma produziert Vitaminpillen und Lachsölkapseln sowie Körperpflegemittel. Das Pharma-Geschäft steuert die frisch gegründete HS Gesundbrunnen GmbH.
Über Handelsfirmen wie OTC (Oriental Trading Corporation), Spabeka (Spare beim Kauf), the bridge between the points GmbH oder Vorteil-Einkaufskontor Food-Nonfood Import-Export GmbH kauft und verkauft der wuselige Mittelständler alles, was eine schnelle Mark verspricht: Teddybären, Champagner oder Dresdner Christstollen; Schiesser war zeitweise Deutschlands größter Sauerkrauthändler.
Unermüdlich drängt es den 59jährigen in neue Geschäfte. Er will die Produktionen der Berliner Oper vermarkten, was den Intendanten der Oper heiter stimmt: »Da haben sich schon 100 andere gemeldet.« Schiesser möchte im Bundesgebiet eine Kette von »Health-Care-Shops« (Gesundheitsläden) errichten, er will Chrysler-Generalvertreter für den Ostblock werden.
Schiesser da, Schiesser dort - mal verdient er Geld, mal verliert er Geld. In seinem »Firmenhaufen«, wie er selbst seine Gesellschaften einmal nannte, ist keine Konzeption ersichtlich. Der Mann, sagt ein langjähriger Vertrauter, »wird aufgezehrt von dem Ehrgeiz, eine große Sache zu machen«.
Doch es war nicht allein das fehlende Geld, das Schiesser in der unternehmerischen Mittelmäßigkeit hielt. Für feinfühlige Bankiers war Schiessers Schlips stets eine Spur zu grell, die Perle darauf eine Nummer zu groß, sein Wagen das falsche Modell. In der Finanzwelt orientieren sich viele noch immer an der Maxime, die der langjährige Chef der Deutschen Bank ausgab: »Wer im Rolls-Royce durch Frankfurt fährt«, so Hermann Josef Abs, »kriegt von mir keinen Pfennig Kredit.« Schiesser, inzwischen Chrysler-Fahrer, besaß einen Rolls-Royce.
Schiesser hatte wohl auch immer die falschen Berater. So hielt er sich als Ratgeber den ehemaligen Zirkusgeschäftsführer Hans Raspotnik. Leute, die Raspotnik kennen, spotten, dies sei ein Künstlername: Rückwärts gelesen und leicht abgewandelt heißt Raspotnik »Kintopp-Zar«.
Der Kintopp-Zar, ehemaliger Filmregisseur und Drehbuchautor ("Rivalen der Manege"), hat Schiesser einige kostspielige Flausen in den Kopf gesetzt. Und Gottfried Wurche, eine Knallcharge unter den Berliner SPD-Lokalpolitikern, hat als »Generalbevollmächtigter« dem Chef außer Spott nichts eingebracht.
Nur einmal hat sich Schiesser einen erstklassigen Berater geleistet: den Hamburger Rechtsanwalt Erik Undritz. Der Hamburger setzte beim Verschachern der Neuen Heimat die Verträge zwischen Schiesser und dem Verkäufer, der Gewerkschaftsholding BGAG, auf.
Für seine mehrwöchigen Bemühungen kassierte der Anwalt von der BGAG über 8,2 Millionen Mark. Für seinen Mandanten Schiesser schlug er ein Handgeld von rund 7 Millionen Mark heraus.