»Furchtbare Vorstellung« - DER SPIEGEL
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AUTOINDUSTRIE »Furchtbare Vorstellung«

Gewerkschafter Katsuji Hayakawa über die Probleme des neuen Mitsubishi-Eigentümers DaimlerChrysler
• aus DER SPIEGEL 40/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hayakawa

ist Präsident der Firmengewerkschaft von Mitsubishi Motors. Der 55-Jährige will sich nicht fotografieren lassen, weil es keinen Präzedenzfall gebe, dass sich japanische Gewerkschafter so in der Öffentlichkeit profilierten.

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SPIEGEL: Herr Hayakawa, demnächst wird der DaimlerChrysler-Manager Rolf Eckrodt das operative Geschäft bei Mitsubishi Motors führen, insgesamt wird ein Dutzend DaimlerChrysler-Männer nach Tokio kommen. Haben Sie schon angefangen, Deutsch zu lernen?

Hayakawa: Nein, das wäre zu schwierig. Aber im Zuge der Aktienbeteiligung von DaimlerChrysler beginnen bereits einige in der Firma, Englisch zu lernen. Immer häufiger bekommen wir jetzt Schriftstücke auf Englisch auf die Schreibtische.

SPIEGEL: DaimlerChrysler will seinen Anteil nach der vertraglichen Mindestwartezeit von drei Jahren von zunächst 34 auf 100 Prozent erhöhen und Mitsubishi Motors ganz übernehmen. Werden Sie das als Firmengewerkschaft zulassen?

Hayakawa: Wir wollen auf jeden Fall die Eigenständigkeit des japanischen Managements gewahrt sehen. Zwar werden die DaimlerChrysler-Abgesandten bei vielen Fragen mitreden. Aber aus unserer Sicht müssen wir uns jetzt alle in der Firma anstrengen, damit Mitsubishi Motors weiterhin ein unabhängiges japanisches Management behält.

SPIEGEL: Das klingt aber reichlich optimistisch. Bei Chrysler in Detroit haben einige amerikanische Manager aus Frust gegenüber den Partnern aus Stuttgart gekündigt. Glauben Sie im Ernst, dass Daimler-Chef Jürgen Schrempp in seinem Weltkonzern eine Solo-Rolle für die Japaner vorsieht?

Hayakawa: Wir werden das alles mit dem Mitsubishi-Management abklären. Aber ich sage noch einmal: Wir wollen die Unabhängigkeit des japanischen Managements und der Mitsubishi-Marke bewahren. Man stelle sich bloß einmal vor: Im Zuge der Weltstrategie von DaimlerChrysler dürfte Mitsubishi als »Japan-Stützpunkt« plötzlich keine Autos unter eigener Marke mehr exportieren. Für Menschen, die seit Jahrzehnten für ihre Firma gearbeitet haben, wäre das doch eine furchtbare Vorstellung.

SPIEGEL: Bei anderen japanischen Autobauern haben Ausländer bereits das Sagen. Nissan wird von einem Franzosen geführt, Mazda von einem Amerikaner. Was haben Sie gegen einen Ausländer als Chef?

Hayakawa: Die Schwierigkeiten fangen schon bei der Sprache an. Wenn ich mit unseren Managern japanisch spreche, dann

verstehen wir uns auch vom Gefühl her.

An die Spitze des Unternehmens gehört für mich deshalb ein Japaner.

SPIEGEL: Mit seinen japanischen Managern ist Mitsubishi Motors aber schlecht gefahren. Die Firma ist hoch verschuldet, zudem hat sie sich durch eine Reihe von Skandalen in Verruf gebracht. Jüngstes Beispiel: Mit illegalen Praktiken vertuschte Mitsubishi Jahrzehnte lang Mängel an seinen Fahrzeugen.

Hayakawa: Die Kontrollmechanismen bei Mitsubishi reichten nicht aus. Insofern tragen auch wir als Firmengewerkschaft Verantwortung für den Skandal.

SPIEGEL: Was erwarten Sie von Takashi Sonobe, dem designierten neuen Firmenpräsidenten von Mitsubishi?

Hayakawa: Ich setze große Hoffnungen auf Sonobe. Einst war er selbst Funktionär unserer Firmengewerkschaft. Unseren Mitgliedern habe ich gesagt: Lasst uns alle unseren neuen Chef unterstützen und gemeinsam für das Wohl der Firma arbeiten.

SPIEGEL: Als japanischer Firmengewerkschafter ist der Konsens mit dem Management für Sie Ehrensache. Grundlage der Harmonie waren bisher sichere Jobs auf Lebenszeit. Wie wollen Sie diese japanische Errungenschaft angesichts der Beteiligung von DaimlerChrysler bewahren?

Hayakawa: Schon jetzt arbeiten wir mit der Firmenspitze bei Rationalisierungen zusammen - so etwa durch Konzentration und vorübergehende Stilllegung von Produktionsanlagen. Auf diese Weise wollen wir die Beschäftigten schützen.

SPIEGEL: Der von Renault eingesetzte Nissan-Chef Carlos Ghosn geht radikaler vor. Er will fünf Fabriken schließen und 21 000 Jobs abbauen. Müssen Sie nicht ähnlich drastische Maßnahmen fürchten?

Hayakawa: Bei Mitsubishi darf es keine Entlassungen geben. Grundsätzlich wollen wir an der Firmenzugehörigkeit bis zum Ruhestand festhalten. Ich habe zwar nichts gegen die Einführung des Leistungsprinzips, aber ein ausreichender Lebensstandard muss gewährleistet bleiben.

SPIEGEL: Sind für Sie Grenzen der Zusammenarbeit mit dem Management denkbar?

Hayakawa: Wenn man uns erklärt: »Wir kommen an schmerzlichen Schritten nicht vorbei, um Produktivität und Gewinn zu erhöhen«, dann machen wir natürlich mit. Aber falls man uns mit unvernünftigen Forderungen konfrontiert, werden wir frontal Widerstand leisten.

SPIEGEL: Würden Sie streiken?

Hayakawa: Wenn uns nichts anderes übrig bliebe, ja. Für diesen Fall ist unsere Streikkasse ausreichend gefüllt.

INTERVIEW: WIELAND WAGNER

* Mitsubishi-Motors-Präsident Katsuhiko Kawasoe entschuldigtsich am 22. August in Tokio öffentlich dafür, dass das Unternehmenillegal Fahrzeugmängel vertuscht hat.

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