MASCHINENBAU Ganz düster
Ein halbes Jahr lang verhandelten die Verkäufer von Schloemann-Siemag über die Lieferung eines kompletten Walzwerks nach Frankreich. Das Geschäft war schon perfekt, da legte die Regierung in Paris ihr Veto ein - die Anlage dürfe nur von französischen Firmen gebaut werden.
Auch die Mannesmann-Tochter Demag-Sack hatte schon fest mit einem Milliardenauftrag aus Mexiko gerechnet. Doch kurz vor der Unterschrift bekam der englische Konzern Davy MacKee den Zuschlag für den Bau der geplanten Grobblechanlage. Mit einem Staatszuschuß von 170 Millionen Mark konnten die Briten die deutsche Offerte leicht unterbieten.
Der Krupp-Konzern war so stark an einem Auftrag aus Saudi-Arabien interessiert, daß er sieben Container-Kräne sogar mit Verlusten verkauft hätte. Doch bei der Ausschreibung kam Krupp mit seinem Angebot für 82 Millionen Mark nur auf Platz 21. Ein Konzern aus Südkorea war um 25 Millionen Mark billiger.
Die Fälle markieren einen Trend, der den deutschen Firmen des Maschinen- und Anlagenbaus bereits seit letztem Jahr zu schaffen macht: Beim Wettlauf um Aufträge rund um den Globus haben die Unternehmen inzwischen immer häufiger das Nachsehen.
»Die Zahl der Kunden«, klagt Mannesmann-Chef Franz Josef Weisweiler, »geht ständig zurück, die Zahl der Anbieter aber wird immer größer.«
Bislang noch ist der Maschinen- und Anlagenbau mit rund 130 Milliarden Mark der umsatzstärkste Zweig der deutschen Industrie und weltweit nach den USA auf Platz zwei - noch weit vor den Japanern. Doch unter den gut eine Million Beschäftigten breitet sich Sorge aus, beim Maschinenbau könnte es bald bergab gehen wie bei Kohle und Stahl oder bei der Werftindustrie.
»Die tiefste Investitionsgüter-Rezession seit den dreißiger Jahren«, so Tyll Necker, bis vor kurzem noch Präsident des Maschinenbau-Verbandes, habe ihre Schleifspuren hinterlassen.
Fast alle Industrienationen stecken seit Jahren in der Flaute, viele suchen ihr Heil im Protektionismus, und früher geschätzte Kunden wie Brasilien, Mexiko oder Nigeria haben längst kein Geld mehr, um groß einzukaufen.
Bei den deutschen Konzernen, die ganze Anlagen anbieten, gingen rund 40 Prozent weniger Aufträge ein als vor einem Jahr. In den ersten neun Monaten dieses Jahres, klagt Geschäftsführer Wolfgang Kühnel von der Arbeitsgemeinschaft Großanlagen, sei kein einziger Auftrag mit einem Volumen von über 200 Millionen Mark verbucht worden. »Im nächsten Jahr«, ahnt Vorstandschef Heinrich Weiss von Schloemann-Siemag, »könnte sich die Lage dramatisch zuspitzen.«
Von den 5500 Firmen des Maschinenbaus hat es vor allem die getroffen, die früher den Ruf deutscher Wertarbeit in aller Welt begründet hatten.
Die Hersteller von Werkzeugmaschinen buchten in den ersten sechs Monaten 1983 rund 21 Prozent weniger Aufträge, der Apparatebau sackte um 27 Prozent ab. Die Sparte Kältetechnik war noch weniger gefragt - ein Minus von 44 Prozent.
Andere Sparten legten zwar zu, aber so bescheiden, daß es niemanden froh macht. Baumaschinen-Hersteller verzeichneten ein Auftragsplus von einem Prozent, in der Datentechnik kamen neun Prozent dazu.
So bereitet die Branche ihre Leute auf das Schlimmste vor. »Die Einbrüche«, meint Vorstandschef Herbert Gassert von dem Mannheimer Anlagen- und Kraftwerkbauer BBC, »werden zwangsläufig die Arbeitsplatzprobleme noch verschärfen.«
Seit dem Beginn des Jahrzehnts wird im deutschen Maschinenbau kräftig Personal abgebaut. Rund 90 000 Jobs wurden bereits eingespart. Die meisten Arbeitsplätze gingen in den letzten zwölf Monaten verloren.
Manche Betriebe versuchten eine Zeitlang, die Flaute mit Kurzarbeit zu überstehen. Betriebsschließungen und Massenentlassungen werden nun nicht mehr ausgeschlossen.
Ganz düster sieht es bei den Produzenten von Großanlagen aus. Die Oberhausener Maschinen- und Anlagengruppe Babcock verkleinerte die Belegschaft seit Herbst letzten Jahres um 3600 Mitarbeiter. Die Duisburger Mannesmann-Tochter Demag will bis Ende 1984 etwa 3500 Arbeitsplätze weniger besetzen.
Klöckner-Humboldt-Deutz, Produzent von Landmaschinen, Hüttenwerken und Kunststoff-Fabriken, glaubt dagegen, _(KWU-Kraftwerk bei Dharhan am Persischen ) _(Golf. )
noch mit Feierschichten über die Runden zu kommen. Die Krupp-Töchter Koppers und MaK haben seit Anfang des Jahres, die Krupp-Firma Total-Walther seit Juni Kurzarbeit angesetzt. Bei der Frankfurter Anlagen- und Engineering-Firma Lurgi müssen 1000 Beschäftigte, etwa ein Viertel der inländischen Belegschaft, kurzarbeiten - wie lange, weiß niemand.
Viele Konjunkturbeobachter, die sich vom Gerede über den bevorstehenden Aufschwung nicht verwirren lassen, sehen in der Krise des Maschinenbaus ein Alarmzeichen. Denn wenn der größte Zulieferer der deutschen Industrie und nach der Automobil-Industrie größte Exporteur Probleme hat, dann kann es auch anderen Branchen nicht gutgehen.
Der Rutsch begann plötzlich. Die »goldenen Jahre« (Weiss) liegen noch nicht lange zurück. Deutsches Knowhow war im vergangenen Jahrzehnt weltweit so begehrt, daß manche Kunden dafür auch gern etwas mehr zahlten.
In allen Ecken der Welt wurden Maschinen und ganze Industrie-Komplexe »Made in Germany« aufgestellt. Krupp und Salzgitter lieferten Chemiefabriken und Stahlwerke in die Sowjet-Union. Die Mannheimer BBC und ihr Konkurrent KWU bauten Kraftwerke im Iran; Linde errichtete Chemie-Anlagen in Taiwan, Lurgie Methanol-Fabriken in Malaysia und Indonesien; Uhde zog in Thailand Gas-Veredelungsanlagen hoch.
Eine Zeitlang sah es so aus, als könnte es immer so weitergehen, als könnte die Welt nie genug bekommen von deutschem Know-how und deutschem Gerät. Doch die Zahl der Konkurrenten wurde rasch größer, und Billiganbieter aus Japan oder Südkorea jagten den Deutschen immer mehr Aufträge ab.
Viele Firmen ließen sich deshalb auf windige Geschäfte ein. Der Versuch kostete viele Millionen.
So verlor die Oberhausener Maschinen- und Anlagengruppe Babcock bei einem einzigen Projekt im Emirat Kuweit rund 350 Millionen Mark. Bei dem Kraftwerkbau Doha West hatte Babcock für Ausfälle der Unterlieferanten einzustehen.
Der MAN-Konzern setzte bei einem Projekt mit dem Irak rund 80 Millionen Mark zu. Die Augsburger sollten mit 200 Schwerlastern Baumaterial transportieren, doch die Zeitpläne ließen sich nicht einhalten.
Einstige Stammkunden der deutschen Exporteure wie der Irak, der Anfang der achtziger Jahre noch mit Milliardenbeträgen in den Orderbüchern der Deutschen stand, fielen weitgehend aus. Sein Kriegsgegner Iran, der nach der Machtübernahme Ajatollah Chomeinis die Geschäftsbeziehungen zu den Deutschen vorübergehend ganz abgebrochen hatte, bestellt zwar wieder mehr und zahlt inzwischen auch prompt. Ein Problemkunde ist Teheran dennoch geblieben.
In türkischen Häfen liegen derzeit rund eine Million Tonnen Stahl aus deutschen Anlagen und Tausende von Containern und Holzverschlägen mit Maschinen- und Anlagenteilen für den Iran. Wegen des Krieges mit dem Irak kann das Material nicht angeliefert werden.
Den Ausfall so wichtiger Auftraggeber wie der im Nahen Osten hätten die heimischen Firmen zu anderen Zeiten sicherlich leichter verschmerzen können. Doch inzwischen gehen aus den Dritte-Welt-Ländern kaum noch Bestellungen ein.
Die meisten Staaten haben Mühe, auch nur ihre Ölrechnungen zu bezahlen. Andere, wie Brasilien und Mexiko, haben sich beim Aufbau ihrer Wirtschaft übernommen und sind praktisch bankrott.
Wann immer in den letzten Jahren Staatschefs die Zahlungsunfähigkeit eingestehen mußten, standen deutsche Firmen auf der Gläubigerliste obenan. Der ehemalige Verbandspräsident Necker, Inhaber der Reinigungsmaschinenfabrik Hako in Bad Oldesloe, befürchtet hohe Ausfälle für die Branche: »Wir zittern in Polen, Rumänien, Irak, Nigeria, Mexiko, Peru, Venezuela, Brasilien und so weiter und so weiter.«
Weil viele Exportgeschäfte durch Garantien des Bundes (Hermes-Bürgschaften) abgesichert sind, muß der Staat für den größten Teil der Ausfälle einspringen. Als Bonn deshalb die Hermes-Gebühren um 40 Prozent erhöhen wollte, brach nahezu Panik in der Branche aus. Der Prämien-Aufschlag wurde einstweilen verschoben.
Die heimischen Anlagen- und Maschinenbauer, klagten die Vertreter der Branche bei ihrem Besuch in Bonn, hätten im Ausland dann noch weniger zu bestellen. Die Konkurrenz aus Frankreich, Italien und Großbritannien, vor allem aber aus Japan und Südkorea würde von ihren Regierungen mit hohen Subventionen unterstützt.
»Wir haben zwar noch das bessere Know-how«, glaubt Mannesmann-Chef Weisweiler, »doch bei der Finanzierung
ziehen wir immer häufiger den kürzeren.«
Französische Anlagenbauer wie Alsthom-Atlantique oder Creusot-Loire, die britische John Brown oder die japanische Sumitomo können für Kredite, die sie ihren Kunden geben, mit hohen Zinszuschüssen aus den Staatskassen rechnen. Dagegen bieten ihre deutschen Konkurrenten nur Kredite zu hohen Marktzinsen an; mancher Auftrag geht dadurch verloren.
Für Staatskonzerne wie etwa die italienische Eni oder die österreichische Vöest-Alpine sind Preise und Rendite meist zweitrangig. Die Regierungen übernehmen alle Konzern-Verluste.
Auf den Märkten im eigenen Lande sind die Staatskonzerne vor Konkurrenz meist geschützt. Die Regierungen wachen darüber, daß kein Großprojekt im eigenen Land an Konzerne jenseits der Grenzen vergeben wird.
Die Holländer, mit einem Importvolumen von rund vier Milliarden Mark pro Jahr viertgrößter Käufer deutscher Maschinen, verlangen bei öffentlichen Ausschreibungen immer häufiger, daß heimische Produzenten den Auftrag erhalten. Aus den Nachbarländern holen sie meist nur Scheinangebote ein, um so die Preise der heimischen Firmen unter Kontrolle zu haben.
Sogar die Dänen, neben den Deutschen bislang noch die freizügigsten in der Europäischen Gemeinschaft, denken inzwischen vor allem an sich selbst. So bekam Mannesmann den Auftrag für den Bau einer Pipeline vom Gasfeld Gorm in der Nordsee zum Festland nur unter der Bedingung, daß als Zulieferer ausschließlich dänische Firmen eingeschaltet werden.
Wenn in Boomzeiten die Orderbücher voll sind, lassen sich Firmen auf solche Aufträge nicht gern ein. Denn für die
Qualität der Anlagen und die termingerechte Fertigstellung haftet meist der Generalunternehmer. Ihm ist deshalb daran gelegen, daß er sich die Zulieferer selbst aussuchen kann.
Doch wenn die Aufträge rar sind, verlieren selbst langgehegte Grundsätze an Gewicht. Heute arbeiten deutsche Firmen sogar mit Konkurrenten zusammen, die früher bei ihnen als Preisdrücker in Verruf standen.
Viele Anlagenkonzerne bauen beispielsweise im Nahen Osten zusammen mit südkoreanischen, philippinischen oder pakistanischen Unternehmen. Die Deutschen liefern die Anlagen, die preisgünstigen Asiaten machen die Bauarbeiten, der österreichische Konzern Vöest ist meist wegen seiner günstigen Finanzierung dabei. Die Staatsfirma aus Linz wird eingeschaltet, weil sie dank hoher Staatszuschüsse besonders billig liefern kann.
Bei vielen dieser Billiggeschäfte gibt es nicht einmal Bares, oft heißt es: Ware gegen Ware. Bei Projekten in Bulgarien wurden deutsche Firmen schon mal mit Tomaten bezahlt, in der Sowjet-Union mit Tennisbällen, in Polen mit Gänsen.
Nichts läuft mehr wie früher. Keine Firma kann ihre Leute beschäftigen, wenn sie nur auf Ausschreibungen wartet. Die Teilnahme an Messen allein bringt auch nichts.
Viele Firmen haben längst Verkaufsstützpunkte in den entferntesten Winkeln der Erde, in Thailand und Taiwan, in Südkorea und Australien.
Ohne diese Filialen, ohne die intensiven Bemühungen der Verkäufer vor Ort, müßten viele Firmen des deutschen Maschinenbaus noch mehr Leute entlassen. Denn die Japaner sind immer da.
Die haben sich, neben den amerikanischen Konzernen, inzwischen vor allem in der wichtigen Sparte Werkzeugmaschinen zum ärgsten Konkurrenten entwickelt. Sie machen nicht nur mehr Umsatz, sondern haben vielfach auch mehr zu bieten.
Schon vor sechs Jahren, als die deutschen Fabrikanten noch wie eh und je fast ausschließlich Maschinen mechanischer Bauart anboten, setzten japanische Firmen auf Mikroelektronik. Nur langsam holen die deutschen Unternehmen diesen Vorsprung auf. Im vergangenen Jahr wurden erst 17 Prozent aller verkauften Maschinen mit elektronischer Steuerung geliefert.
Dazu kommt, daß die deutschen Maschinen meist teurer sind als die japanischen. Das hat zunächst etwas mit dem Hang zur Perfektion zu tun: Während japanische Maschinen stets mit der gewünschten Genauigkeit geliefert werden, sind Geräte aus der Bundesrepublik präziser als erforderlich - und damit teurer.
Darüber hinaus produziert der deutsche Maschinenbau oft mit zu hohen Kosten. Und das liegt nicht allein an den Löhnen: Die Produktionsanlagen in deutschen Fabriken, meint selbstkritisch Otto Schiele, Präsident des Maschinenbau-Verbandes, seien »im Schnitt überaltert.«
66 Prozent des Maschinenparks, so ergab eine Umfrage des Verbandes der Werkzeugmaschinen-Hersteller in 1300 Firmen, waren 1980 älter als zehn Jahre. Bei den Japanern sind derart betagte Maschinen nur zu 37 Prozent im Einsatz.
Der deutsche Maschinenbau hat Probleme genug, von der Technik her und vom Preis. Wenn es dann obendrein auch noch politischen Druck gibt, wird''s kritisch.
Die amerikanische Regierung möchte am liebsten die Geschäfte deutscher Anlagenbauer mit dem Ostblock ganz unterbinden. Während Präsident Ronald Reagan darauf achtet, daß seine Farmer ihren Weizen bei den Sowjets absetzen können, stört ihn der Ost-Handel der Europäer.
Nach den Vorstellungen Washingtons sollen nicht nur militärisch bedeutsame Güter, also alle mit Elektronik bestückten Geräte, den Sowjets vorenthalten werden: Auch Chemiefabriken und Walzwerke, so verlangen die Amerikaner, gehören auf die Verbotsliste.
Die Absicht ist erkennbar: Ein wichtiger Konkurrent der US-Konzerne würde schwer getroffen - im vergangenen Jahr lieferten deutsche Firmen Anlagen für 2,7 Milliarden Mark an osteuropäische Länder.
Die Industrie drängt deshalb die Bundesregierung zur Härte gegenüber den USA. »Was für die Amerikaner der Weizen«, meint Vorstandschef Peter Jungen von der Weserhütte, »ist für uns der Anlagen- und Maschinenbau.«
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SCHWANKENDE NACHFRAGE Die zehn wichtigsten Absatzländer für Maschinenbauprodukte aus der Bundesrepublik: Veränderungen der Ausfuhren im ersten Halbjahr 1983 gegenüber dem ersten Halbjahr 1982 in Prozent Quelle: VDMA Ausfuhr von Maschinenbauprodukten insgesamt: - 2 Prozent Frankreich USA Großbritannien Niederlande Sowjet-Union Italien Österreich Schweiz Belgien und Luxemburg Schweden Anteile am Maschinenbauexport im ersten Halbjahr 1983 in Prozent ABSTRICHE IM AUFTRA GSBESTAND Auftragsbestände im Juni 1983 und Schwankungen der Auftragsbestände im Maschinenbau der Bundesrepublik seit 1970; Angaben in Produktionsmonaten Monate Kraft-Maschinen (Turbinen. schwere Dieselmotoren) Druck- und Papier maschinen Werkzeug maschinen Textilmaschinen Höchststand seit 1970 Stand Juni 1983 Tiefststand seit 1970 Lesebeispiel: Die Textilmaschinen-Hersteller hatten seit 1970 als bestes Ergebnis Aufträge für rund 12 Produktionsmonate, als schlechtestes Ergebnis für knapp 4 1/2 Produktionsmonate. Der Auftragsbestand im Juni 1983 reichte für rund 5 1/2 Monate. Büromaschinen und Datentechnik Gummi- und Kunststoffmaschinen Bergwerksmaschinen Holzbearbeitungsmaschinen Bau- und Baustoffmaschinen Landmaschinen und Schlepper Quelle: VDMA
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KWU-Kraftwerk bei Dharhan am Persischen Golf.