DEUTSCHE BAHN »Ganz großer Knall«
Eigentlich wollte Hartmut Mehdorn alles ganz einfach machen: Die Preise sollten fallen, der Tarifdschungel gelichtet, die Züge endlich gefüllt werden.
»Bahnfahren wird für Millionen billiger«, schwärmt der Mann schon seit Monaten über sein neues Preissystem. Die frohe Botschaft bringt der Chef der Deutschen Bahn (DB) mit einer gewaltigen Werbekampagne unters Volk. Mit Erfolg - wenn man seinen Leuten glaubt. »Unsere Kunden stimmen am Schalter ab«, versichern seine Marketing-Offiziere, und da komme das neue System »hervorragend an«.
Seit Anfang Oktober ist die Preisoffensive im Detail bekannt. Doch erst am nächsten Sonntag wird es ernst: Ab dem Fahrplanwechsel am 15. Dezember ist bei der Bahn nichts mehr, wie es war. 150 Jahre lang reichte es aus, am Bahnhof einen Fahrschein zu lösen und in den Zug zu steigen. Jetzt müssen die täglich 4,7 Millionen Kunden der DB ihre Tickets wie bei einer Fluggesellschaft möglichst früh verbindlich buchen - sonst wird es richtig teuer (SPIEGEL 40/2002).
Unmittelbar zur weihnachtlichen Hauptreisezeit droht der Bahn ein Debakel am Schalter und in den Zügen. Während Mehdorn Beifall und Zulauf registriert, organisiert sich bundesweit der Protest.
»Unsere Faxgeräte laufen heiß, wir werden mit Briefen überschüttet«, sagt Hubertus Primus von der Stiftung Warentest. »Die Leute sind stinksauer«, weiß Daniel Kluge vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) von den täglich bei ihm auflaufenden Beschwerden: »Es wird immer schlimmer.« 10 000 Unterschriften und Protest-Mails will die Kundenvereinigung »Pro Bahn« an diesem Montag schon mal dem Verkehrsministerium übergeben - den »ganz großen Knall« erwartet deren Chef Klaus-Peter Naumann freilich erst nach den Feiertagen, wenn den Berufspendlern die neuen Preise bewusst werden.
Auch die Politik ist alarmiert, Abgeordnete aller Parteien werden mit Protestbriefen bombardiert. »Es wird erhebliche Friktionen geben«, sagt Dirk Fischer, verkehrspolitischer Sprecher der Union. Für Horst Friedrich, seinen Kollegen von der FDP, ist die Reform schon jetzt »ein Schuss ins Knie«. Albert Schmidt, oberster Verkehrsmann der Grünen, fordert »Nachbesserungen am System«.
Ist Mehdorn mit seiner Preisoffensive schon vor dem Start gescheitert? Wird die wichtigste Tarifreform in der deutschen Eisenbahngeschichte zum Flop, weil Millionen Fahrgäste nicht wie Flugpassagiere behandelt werden wollen? Oder hat der DB-Chef Recht, der Kritiker gern kurzerhand als Querulanten und Nörgler abtut?
Nachdem Stiftung Warentest (Gesamtnote: »ausreichend") und VCD ("für Stammkunden teurer") ihr Urteil gefällt haben, kommt jetzt auch »Pro Bahn« zu einem negativen Ergebnis. Das Fazit der bislang unveröffentlichten Analyse: »Wer die Bahn ähnlich flexibel nutzen möchte wie das Auto, zahlt drauf.«
In wochenlangen Berechnungen haben die Experten der Kundenvereinigung zahlreiche Kundenprofile beleuchtet und dabei im Detail viele Nachteile entdeckt.
Beispiel Alleinreisende: Die größte Kundengruppe der Deutschen Bahn ist künftig in vielen Fällen schlechter gestellt. So zahlte ein Hamburger Vielfahrer, der im Monat zwölfmal mit Bahncard zweiter Klasse nach Frankfurt, zwölfmal nach Berlin und sechsmal nach Cuxhaven fuhr, dafür bislang 2034,80 Euro. Künftiger Preis zum Grundtarif: 2520,60 Euro. Würde er sich bei einem Drittel seiner Fahrten drei Tage im Voraus und bei einem weiteren Drittel 24 Stunden vorher festlegen, betrüge der Reiseetat immer noch rund 2300 Euro.
Auch Gelegenheitsfahrer, die durch Frühbuchungen sparen können, müssen demnächst Verschlechterungen erwarten. 45 Euro Storno plus die Differenz zum Normalpreis etwa zahlt, wer ein Sparticket umbuchen will. Auf der Strecke München-Berlin können so Umtauschgebühren von 78 Euro entstehen.
Mindestens so umstritten wie die Tarifreform ist eine Umstellung des Zug-Angebots, die Mehdorn fast unbemerkt ebenfalls zum 15. Dezember organisierte: die nahezu vollständige Aufgabe des InterRegio-Systems.
Anstelle der günstigen, blau-weißen Fernverkehrszüge werden künftig IC und ICE eingesetzt. Was die Bahn als verbesserten Service verkauft, ist jedoch oft eine massive Verschlechterung. »Pro Bahn« hat Preiserhöhungen von »100 Prozent und mehr« errechnet - nur: wofür? »Die Waggons sind die gleichen, Reisezeit und Angebot bleiben gleich«, schreiben die Experten des Kundenverbands.
So werden es auch viele Pendler und Reisende auf mittleren Entfernungen erleben: Viele der 20 Jahre alten InterRegio-Züge werden lediglich neu gestrichen. »Umlackiert und abkassiert«, protestierten zum Beispiel Kunden in Darmstadt gegen den neuen »Service«. Auf der Verbindung von Karlsruhe nach Darmstadt kostet die einfache IC-Strecke mit Bahncard zweiter Klasse nun 15,75 Euro - statt 8,10 Euro im InterRegio. Preiserhöhung: 95 Prozent.
Berufs- und Gelegenheitspendler sollen nicht den Fernverkehr verstopfen, sondern lieber den Regionalverkehr nutzen, argumentiert die Bahn. Doch vielerorts wurden die stündlichen InterRegios nur im Zweistundentakt durch Nahverkehrszüge ersetzt. Im Berufsverkehr ist das zu selten.
Ärger droht der Bahn auch mit den Geschäftsreisenden - die Firmenkunden sind durch das neue Preissystem am härtesten getroffen; voll flexible DB-Fahrscheine kosten, wie bei der Lufthansa, den höchsten Preis.
»Die Industrie zahlt die Zeche«, sagt Michael Kirnberger, Geschäftsführer im Verband Deutsches Reisemanagement und zugleich Travelmanager beim Pharma-Konzern Merck: Deutsche Unternehmen müssten bei der DB künftig mit rund zehn Prozent höheren Reisekosten rechnen.
Reisemanager wie Oliver Konkel aus der Carl Zeiss Gruppe, der für seine Kollegen insgesamt 45 000 Dienstreisen im Jahr organisiert, sehen sich der Bahn schon hilflos ausgeliefert: Stuttgart als nächster Flughafen ist vom Firmensitz Oberkochen bei Aalen eineinhalb Stunden entfernt, und auch das Auto ist für das Optik-Unternehmen keine Alternative: Bei Mietwagen erlebte Konkel schon im vergangenen Jahr Preissteigerungen um 80 Prozent, bei Dienstwagen kassiert verstärkt der Staat.
Und nun die Bahn: Der Großkundenrabatt sinkt bei Zeiss, wie bei vielen anderen Unternehmen, von 20 auf 7,5 Prozent. Die wichtigsten Reisestrecken werden durchweg teurer; der Etat steigt um mindestens 15 Prozent. »Um günstiger zu fahren, müsste ich Frau und Kinder mit auf Dienstreise nehmen«, stöhnt Konkel über die »massiven Preiserhöhungen«.
Beispiel Familien: Eltern mit Kindern sind die klaren Gewinner der Reform (siehe Grafik). So fahren unter 14-Jährige in Begleitung ihrer Eltern umsonst; in Kombination sämtlicher Rabatte sind bei einer Ferienreise Nachlässe bis zu 83 Prozent zu erzielen.
Freilich: Eine »empfindliche Angebotslücke« sehen die Experten von »Pro Bahn« bei der zentralen Zielgruppe der 14- bis 26-jährigen Bahnfahrer: Der Wegfall von Twen-Ticket und Bahncard Junior, so das Papier, werde durch die neuen Rabatte nur »teilweise ausgeglichen«.
Mit dem neuen Preissystem geht die Bahn deshalb im Ganzen eine riskante Wette ein. Das Passagieraufkommen im DB-Fernverkehr stagniert seit Jahren. Deshalb ist es richtig, mit neuen Angeboten Bevölkerungsgruppen anzusprechen, die sonst nie mit der Bahn fahren: Familien stellen nur fünf Prozent der Kunden in Intercity und ICE.
Doch ausgerechnet die Stammkunden müssen nun genau prüfen, ob sie durch das neue System wirklich besser fahren: 57 Prozent der Passagiere sind Alleinreisende, denen Mitfahrer- und Familienrabatte nicht weiterhelfen; Pendler (Passagieranteil: 22 Prozent) und Geschäftsreisende (16 Prozent) können schon zufrieden sein, wenn sich ihr Reiseetat nicht verschlechtert.
Nur ein Gewinner steht heute schon fest: Internet-Anbieter wie www.kartenfuchs.de oder www.ticket-teilen.de, die übers Netz Fremde mit gemeinsamen Reisezielen zusammenbringen und ihnen so 50-Prozent-Rabatte pro Mitfahrer ermöglichen.
»Die Resonanz ist gewaltig«, sagt Kartenfuchs.de-Gründer Sven Koschik, der täglich 700 Zugriffe auf seinen Server registriert; bei Ticket-teilen.de haben sich in vier Wochen schon 2000 Nutzer registriert.
Und Mehdorn? Er hält von sämtlichen Vorwürfen - nichts. »Handgestrickte Amateurumfrage«, bellt er in Richtung VCD. Bei 1,7 Milliarden Fahrgästen im Jahr, lässt er verbreiten, könne man es nun mal »nicht jedem recht machen«.
Der Stiftung Warentest schickte er schon einen geharnischten Brief: Die Pressekonferenz der Prüfer, so der DB-Chef, sei »ein einziger Verriss« gewesen, die Berichte der Zeitschrift »Test« seien »einseitig verzerrt« - was »Test«-Chef Hubertus Primus als »abenteuerlich« und »rüde Attacke« zurückweist.
Mehdorns Vermarkter dagegen wollen fast nur von positiven Stimmen wissen: Nur 15 Prozent der Anrufer, so Tarif-Managerin Anna Brunotte, äußerten noch Kritik. Und die hat sie vermutlich bald auch überzeugt. »Schenken Sie Rabatte statt Krawatte«, empfiehlt die Frau, die das Preissystem erfunden hat. FRANK HORNIG