GEWERKSCHAFTEN Ganz kompliziert
Eines hat Hans Mayr als Stellvertretender Vorsitzender der IG Metall mit Sicherheit gelernt - durchhalten. Mehr als zehn Jahre lang hat er geduldig hinter dem IG-Metall-Vorsitzenden Eugen Loderer gestanden und sich immer für den besseren Arbeiterführer gehalten.
Am Mittwoch vergangener Woche belohnten die Delegierten des Münchner Gewerkschaftstages den getreuen Paladin. Der fast 62jährige wird nun drei Jahre, bis er ebenfalls in Rente geht, die mitgliederstärkste Gewerkschaft der westlichen Welt leiten.
Doch selbst für diese kurz bemessene Frist versagte die Gefolgschaft dem neuen ersten Mann den schuldigen Respekt. Mehr als 100 Delegierte verweigerten ihm ihre Stimme. Mayr, der so lange im Schatten seines Vorgängers stand, steht nun im Schatten seines Nachfolgers.
Denn die Hoffnungen der Metaller richten sich eher auf den neuen Stellvertreter Franz Steinkühler. Der Stuttgarter Bezirksleiter, der sich mit starken Worten und wirksamen Auftritten bereits das Image eines starken Mannes zugelegt hat, bekam 54 Stimmen mehr als Mayr.
Eine »politische Wahl« sei es gewesen, kommentierte Mayr das Ergebnis. Das war es gewiß, die Metaller erwarten, daß er die Gewerkschaft auf der Linie hält, die auch Vorgänger Loderer stets verfolgt hat: maßvoll und realistisch.
»Wir leben in einer sehr schwierigen Zeit«, erkannte der neue Vorsitzende, »in einer ganz komplizierten, in einer krisenhaften Entwicklung.« Da sei es schon ein Erfolg, das Erreichte zu bewahren.
Vom 15 Jahre jüngeren Franz Steinkühler hören die Arbeitgeber radikalere Töne. Steinkühler geht es beim bevorstehenden Kampf um die 35-Stunden-Woche nicht nur um einen ökonomischen Konflikt, sondern auch um die »Veränderung gesellschaftlicher Machtverhältnisse«.
Das klingt schon nach Marxismus, und dem neuen Vorsitzenden ist es nicht geheuer. Er ist ein Mann der Ordnung, alles Umstürzlerische ist ihm fremd.
Doch die beiden Spitzenfunktionäre hatten Zeit, sich aneinander zu gewöhnen. Beide sind bei Willi Bleicher, dem in der Gewerkschaft hochgeschätzten früheren Stuttgarter Bezirksleiter, in die Schule gegangen. »Den Franz« kenne er noch als kleinen Jungen, erzählt Mayr gern: »Wir verstehen uns glänzend.«
Auch Mayr weiß gegen die Arbeitgeber deftig vom Leder zu ziehen. Seine Polemik ist zwar weniger klassenkämpferisch als die seines wahrscheinlichen Nachfolgers Steinkühler, aber manchmal genauso schneidend. »Am besten ist er«, meint Gerhard Wink, Anführer der Vertrauensleute bei Opel in Rüsselsheim, »wenn er in Wut gerät.«
Die hohe Arbeitslosigkeit, so behauptet Mayr, sei ganz im Interesse des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall; der sei an der »Aufrechterhaltung der Arbeitslosigkeit als politischem Druckmittel« interessiert. »Üble Brunnenvergiftung«, finden die Arbeitgeber.
Doch ansonsten sind die Industriellen dankbar, daß ihnen Mayr noch ein wenig Schonzeit verschafft, ehe Steinkühler antritt. Der scheut sich nämlich nicht, den Kampf um die kürzere Wochenarbeitszeit
so weit treiben, »bis alles still steht im Lande« (Steinkühler).
Mayr hingegen glaubt, daß »die Probleme der Zukunft nicht ohne einen gewissen Konsens zu meistern sind«. Er treibt eine Auseinandersetzung selten so weit, daß sie nicht doch noch in einem Gespräch zu beenden wäre. Das wissen nicht nur die Kontrahenten im Arbeitgeberlager, sondern auch seine Gegner in der IG Metall, und davon hat er nach fast 40jähriger Mitgliedschaft, gut 20 Jahre im Vorstand, ein ganze Menge.
Die meisten Feinde hat er sich in den letzten paar Jahren gemacht. Bis 1977 war Mayr im Vorstand zuständig für die Tarifpolitik, und da gab es für die Mitglieder anfangs wenig zu murren. Auch ohne große Streiks verschafften Mayr und seine Unterhändler den Metallern stattliche, nicht selten zweistellige Lohn-Zuwächse. Seitdem gilt Mayr auch bei den Arbeitgebern als harter Verhandler und gewiefter Taktiker.
Erst Mitte der siebziger Jahre wurde das Geschäft schwieriger. Doch da gab Mayr das Tarifressort ab und übernahm die Schlüsselstellung in der IG Metall: Als Chef der Organisationsabteilung wurde er Vorgesetzter aller Funktionäre, mehr als 2500 Mitarbeiter. Die bekamen Mayrs harte Hand alsbald zu spüren, vor allem die Abweichler auf der linken Seite, die nach den Studentenunruhen Ende der 60er Jahre auch in den Gewerkschaften zum langen Marsch durch die Institutionen angetreten waren. Deren Umtriebe waren sowohl Loderer als auch seinem Vize immer verdächtig; wo sie konnten, versuchten sie Aufnahme und Aufstieg linksintellektueller Mitglieder zu verhindern.
Aber auch gestandene Gewerkschafter in den Betrieben, kritische Betriebsräte und Vertrauensleute, mußten mit Sanktionen rechnen, wenn sie allzusehr von der vorgegebenen Linie abwichen. So wurden radikalere Gruppierungen, wie die um den Daimler-Benz-Betriebsrat Willi Hoss in Stuttgart, rasch ausgeschlossen. Ebenso verfuhr Mayr mit den »Aktiven Metallern« um den HDW-Betriebsratsvorsitzenden Holger Mahler, die sich mit den etablierten Funktionären auf der Hamburger Werft angelegt hatten.
Zumindest die Hamburger Rebellen sind mittlerweile zahmer geworden und versuchen schon seit Jahren wieder IG-Metall-Mitglieder zu werden. Doch Mayr hat ihnen nicht verziehen und ihre Wiederaufnahme verhindert.
»Auf das Wesentliche gebracht«, sagt Loderer von seinem Freund Hans Mayr, sei er ein »Gewerkschafter von altem Schrot und Korn«. Die Organisationsdisziplin sei ihm wichtiger als Schlagzeilen, an Mikrophone und vor Kameras trete er nur, wenn es die Sache erfordere.
Die Sache wird es nun häufiger erfordern, doch Auftritte in der Öffentlichkeit sind Mayrs Sache nicht. Da wirkt er unsicher und verkrampft, seine hohe Stimme tönt blechern, kippt manchmal um und wird schrill.
So wird der Stellvertreter dem Vorsitzenden - ganz anders, als das früher war - wohl häufiger die Schau stehlen. Denn Steinkühler ist kein Mann, der gern im Hintergrund steht.
Auf ihn beginnt sich bereits der Gewerkschaftsapparat einzustellen. Denn Mayrs Führung ist befristet, der Nachfolger jedoch regiert bis ins nächste Jahrhundert.