Gas-Versorgung Die Mär vom Marktpreis
Berlin/Moskau - Der Druck muss unerträglich gewesen sein. Das Echo bei den wichtigsten Kunden in Westeuropa auf den Lieferausfall in den vergangenen Tagen, hat auch die Hardliner auf russischer und ukrainischer Seite überzeugt, dass eine Einigung gefunden werden musste. Immerhin stand der Ruf als zuverlässiger Handelspartner für Europa auf dem Spiel - sowohl für Russland als auch für die Ukraine. Gleichzeitig galt es für beide Seiten, das Gesicht zu wahren. Einen Verlierer durfte es in dieser Schlacht nicht geben.
Der Vertrag, den die Chefs des russischen Energieversorgers Gasprom und des ukrainischen Konterparts Naftogas Ukrainy heute vorgestellt haben, darf denn auch als Beispiel für die hohe Kunst der Diplomatie gelten. Denn Gasprom kann melden, seinen Preis durchgesetzt zu haben - und trotzdem bezahlt Naftogas effektiv nur einen Teil davon.
Möglich wird dies durch einen Winkelzug: Künftig soll eine Handelsgesellschaft namens Rosukrenergo die Geschäfte mit Naftogas abwickeln, die zum weit verzweigten Firmenimperium von Gasprom sowie einer Tochter der österreichischen Raiffeisen Investment AG gehört. Rosukrenergo kauft bei Gasprom zu einem Preis von 230 Dollar für 1000 Kubikmeter. Weil gleichzeitig auch turkmenisches Gas für rund 50 Dollar dazukommt, ergibt die Mischkalkulation einen Preis in Höhe von 95 Dollar für die Ukraine, nicht zuletzt deshalb, weil der Anteil an teurem russischem Gas von 23 Milliarden Kubikmetern auf 17 Milliarden zurückgefahren wird.
Neues Problembewusstsein im Westen
Umgekehrt akzeptiert Gasprom eine höhere Transitgebühr für die Durchleitung des Gases nach Westeuropa. Nach Angaben von Gasprom und Naftogas erhält die Ukraine als Eigner der Pipelines in Zukunft 1,60 Dollar statt bisher 1,09 Dollar je 1000 Kubikmeter je 100 Kilometer Strecke. Naftogas-Chef Alexej Iwtschenko kündigte an, dass beide Seiten in Zukunft ihre Geschäfte auf Dollar-Basis abwickeln. Bislang hatte Russland die Transitgebühren an die Ukraine in Form von Gas beglichen.
Doch ungeachtet der jetzt gefundenen Kompromissformel hat der Streit im Westen Fragen ausgelöst, die unbeantwortet bleiben. Auf politischer Ebene steht plötzlich wieder die Versorgungssicherheit auf der Agenda, die Diskussion über den Energiemix dürfte in den nächsten Wochen andauern.
Und die Verbraucher beginnen, sich Gedanken über den Preis zu machen, den sie für ihr Gas bezahlen. Wie kommt der eigentlich zustande? Was hat es mit dem "Marktpreis" auf sich, den Gasprom-Vize Alexander Medwedew in den vergangenen Wochen bei jeder sich bietenden Gelegenheit einfordert und den auch führende Ökonomen in Europa als natürlichen Maßstab bezeichneten, der für jeden gelten sollte - Klaus Matthies, Energieexperte beim Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv ebenso wie WTO-Chef Pascal Lamy.
Gleiche Bedingungen für alle
Die Industriestaaten hätten in den Verhandlungen mit Russland über die Aufnahme in die WTO lange darauf gepocht, dass Russland seine Preise für Energieexporte auf Weltmarktniveau anhebt, sagte auch der Russland-Experte Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. "Wir müssen hier schon nach denselben Maßstäben und denselben Prinzipien spielen."
Die Logik hatte nicht einmal der ukrainische Staatspräsident Wiktor Juschtschenko bestritten. Die Ukraine sei bereit, mehr zu bezahlen, wenn nur der Zeitraum für die Preisanpassung gestreckt würde, sagt er.
Aber wie hoch ist eigentlich der "Marktpreis" für Erdgas? Und was bezahlen die deutschen Importeure?
Die Antwort kommt aus dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, das dem Wirtschaftsministerium zugeordnet ist, und sie fällt auf den ersten Blick überraschend aus: "Es gibt nicht 'den Gaspreis' - und auch ein 'Weltmarktpreis' ist nicht zu ermitteln", erklärt ein Sprecher. Und wenn es ihn gäbe, so dürfte er darüber nicht sprechen, denn das sei Angelegenheit der Unternehmen, fügt er hinzu.
Spekulationen über den Marktpreis
Noe van Hulst, Direktor der Internationalen Energie Agentur, äußert sich nur wenig konkreter. Als Ausgangspunkt könne man einen Betrag von derzeit 200 bis 250 Dollar nehmen, über den die westeuropäischen Versorger verhandeln, sagt er. "Welchen Preis aber jeder Einzelne am Ende vereinbart, darüber kann man nur spekulieren, das hängt allein vom Verhandlungsgeschick ab und von den Argumenten, die man sonst noch ins Feld führen kann", betont Hulst.
Der Preis, zu dem die Ukraine ihr Gas fortan bezieht, liegt davon ebenso weit entfernt wie etwa der für Moldau und Georgien, der nach Schätzungen zwischen 80 und 100 Dollar beziehungsweise zwischen 110 und 120 Dollar pro 1000 Kubikmeter anzusiedeln ist. Ein nach Einschätzung von Experten "politischer Preis", der die Loyalität gegenüber Russland honoriert. Weißrussland kommt mit 48 Dollar noch einmal bedeutend günstiger davon, hat dafür aber im Gegenzug die Rechte an den Transitleitungen an Gasprom verpachtet.
Der Westen dürfte hingegen kaum so günstig wegkommen. Doch in den Unternehmenszentralen - es gibt nur eine Hand voll Großhändler, die Gas direkt von den Erzeugern beziehen und es dann an kommunale Versorger weiterleiten - hält man sich in dieser Frage bedeckt: "Über den Preis, den wir für unser Gas bezahlen, kann ich aus Wettbewerbsgründen keine Auskunft geben", lautet lapidar die Antwort einer E.on-Sprecherin.
Zu wenige Anbieter im Markt
Hulst liefert eine einfache Erklärung für die mangelnde Transparenz: "Wenn man den Gasmarkt betrachtet, kann man nicht wirklich von Wettbewerb sprechen, dafür gibt es einfach zu wenige Anbieter", sagt er.
Selbst die Größenordnung von 200 bis 250 Dollar pro 1000 Kubikmeter sei kein belastbarer Anhaltspunkt, um Rückschlüsse auf die Gesamtkosten zu ziehen, die die westlichen Konzerne für den Ankauf von Gas kalkulierten, warnt Hulst vor voreiligen Schlüssen. "Das aktuelle Preisniveau gilt nur für die Verträge, die gerade neu verhandelt werden, nicht für die laufenden."
Lieferverträge für Erdgas laufen im Normalfall über 20 bis 25 Jahre. Der Preis ist zwar über eine komplizierte Formel an die Entwicklung des Ölpreises gekoppelt, doch die Klauseln, wann und in welcher Form der Preis über solche lange Zeiträume an neue Entwicklungen anzupassen ist, sind sehr schwierig zu formulieren. Deshalb haben die Versorger eine ganze Reihe von einzelnen Verträgen für jeweils eine Teilmenge des benötigten Gases abgeschlossen, die wiederum zu unterschiedlichen Terminen auslaufen. Auf diese Weise ist ein System entstanden, das in wesentlich kürzeren Abständen neue Vereinbarungen erlaubt.
Gashandel extrem kompliziert
Eine weitere Besonderheit des Gashandels ist auf die komplizierte Handhabung des flüchtigen Rohstoffs zurückzuführen. Weil die Lagerung in Tanks sehr aufwendig und dementsprechend teuer ist, ist man darum bemüht, ein Feld erst dann zu erschließen, wenn das dort vermutete Gas vollständig verkauft ist und die Abnehmer bereitstehen. Die Konditionen für die Kunden sind zu einem solchen Zeitpunkt logischerweise deutlich günstiger, als wenn sie sich später zum Kauf entschließen.
Angesichts dieses Systems lässt sich von außen auch kaum schätzen, wo in Westeuropa die günstigsten Einkaufspreise bezahlt werden. Nicht einmal die langen Transportwege nach Portugal oder Spanien seien ein Indiz dafür, dass die dort heimischen Versorger mehr bezahlen müssen, sagt Hulst. "Natürlich kostet der Transport Geld, aber im Verhältnis zu den anderen Variablen fällt das nicht entscheidend ins Gewicht."
Wie extrem die Schwankungen am Gasmarkt sind, lässt sich am besten an den Tageskursen des Spotmarktes ablesen, auf dem Gas für die Spitzenlasten gehandelt wird. Wer hier nachfassen muss, legt kräftig drauf. Derzeit werden Preise zwischen 500 und 1000 Dollar pro 1000 Kubikmeter aufgerufen.