Gastkommentar Das System Welteke
Am Ende war es die Veröffentlichung einer Einladungsreise des BMW-Konzerns, die Bundesbankpräsident Ernst Welteke die Aussichtslosigkeit seiner Lage vor Augen führte. Vom Münchner Autohersteller hatte Welteke sich im vergangenen Jahr zum dreitägigen Formel-1-Rennen in Monte Carlo bitten lassen. Dieser Veröffentlichung kam Welteke mit seinem Rücktritt zuvor.
Selbst Welteke, der im Laufe der Affäre wenig Unrechtsbewusstsein zeigte, verstand wohl auf Anhieb, dass man ihm den Trip an die Cote d'Azur nicht verzeihen würde. Beim umstrittenen Adlon-Aufenthalt hatte es immerhin noch einen dienstlichen Anlass gegeben, auch wenn er klein war im Verhältnis zur beanspruchten Leistung. Auf einer Terrasse direkt oberhalb von Fürst Rainiers Loge in Gesellschaft der Schauspieler Mario Adorf und Ben Becker einem Formel-1-Rennen zu folgen hat mit den Amtspflichten eines Bundesbankpräsidenten nichts mehr zu tun, ebenso wenig die Übernachtung an Bord der Yacht "Sundream I". Sich als Präsident der Deutschen Bundesbank von einem Autokonzern zu diesem Spektakel einladen zu lassen ist ein Beweis für unterentwickelte Selbstachtung und fehlende Unabhängigkeit.
Nicht nur das Spesengebaren des Präsidenten stellte ihn in ungünstiges Licht. Auch der maßlose, nassforsche Verteidigungsbrief seines Sohnes Hans diskreditierte Welteke. Wie konnte der Vater zulassen, dass sein erwachsener Sohn mit einem so dummen Appell an die Öffentlichkeit ging? Begleitet wurde die Affäre aber auch von atemberaubenden Neuigkeiten aus der Bundesbank selbst.
Bundesbank ohne Ethik-Regeln
So stellte sich heraus, dass diese einst vergötterte Institution keinen Ethik-Kodex für ihre Vorstände besitzt. Was gut und richtig ist, sagte ein Sprecher, müsse jedes Mitglied des Gremiums für sich selbst entscheiden. Diese Haltung ist ein fast so großer Skandal wie Weltekes Spesenrittertum. Spätestens seit den Fällen Enron und Worldcom herrscht weltweit breites Einvernehmen, dass Vorstände an Ethik-Codes gebunden werden sollten, deren Einhaltung streng überwacht wird. In den USA ist mit dem Sarbanes-Oxley Act ein hartes Gesetz dazu in Kraft getreten, in Deutschland arbeitet die Cromme-Kommission an Corporate-Governance-Regeln. Und in der Europäischen Zentralbank (EZB) gibt es selbstverständlich einen Ethik-Kodex.
Übrigens gelten auch in Deutschlands Wirtschaftszeitungen strenge Verhaltensmaßstäbe. Redakteure der FTD zum Beispiel dürfen weder Geschenke noch Presserabatte annehmen. Im Kodex des Deutschen Presserats heißt es unmissverständlich: "Die Annahme und Gewährung von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein könnten, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion zu beeinträchtigen, sind mit dem Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar." Das gilt für die gesamte Medienbranche. Jeder Journalist, der sich wie Welteke ins Adlon hätte einladen lassen, wäre damit in Konflikt zu den Branchen- und Hausregeln gekommen.
Missglückter Befreiungsschlag
Nur die Bundesbank denkt, sie sei über alle Zweifel erhaben und brauche keinen Kodex. Erst jetzt will sie sich "von Experten" beim Verfassen neuer Regeln beraten lassen. Was als Befreiungsschlag wirken sollte, ist eher peinlich. Warum gibt es den Kodex nicht längst? Warum braucht man externe Experten? Gibt es intern nicht genug Gespür für Recht und Unrecht? Und warum übernimmt man nicht einfach den Standard der EZB? Das ginge schnell und zu geringen Kosten.
So leicht es fällt, mit dem Finger auf Welteke und die Bundesbank zu zeigen, so kritisch sollten die Ankläger mit sich selbst umgehen. Auf Kosten anderer Leute aufwändige Reisen zu unternehmen ist ein Volkssport, den nicht nur Welteke gern ausübte. Im Gegenteil: Das Wertesystem des Bundesbankpräsidenten kam vermutlich durcheinander, gerade weil die Annahme von Vorteilen so weit verbreitet ist und viele Menschen um Welteke herum dieses Verhalten als die natürlichste Sache der Welt ansahen. Man kann Welteke vorwerfen, dass er nicht der Fels in der Brandung war, aber man darf dabei nicht vergessen, dass es auch noch die Brandung gibt.
Gerade in den vergangenen Wochen hat BMW die Einladungen zum diesjährigen Formel-1-Trip nach Monte Carlo verschickt. Eine schönere Reise mit einem netteren Gastgeber kann man sich kaum vorstellen. Wer unter den Journalisten, Lieferanten, Bankiers und Kunden konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Antwortbogen mit einem kleinen Kreuz bei "Ja, ich komme gerne" aufs Fax zu legen? Jeder von ihnen hätte guten Grund, die Teilnahme als unmoralisch anzusehen. Entweder, weil er über BMW berichtet, von Dienst wegen Autos kauft, über Kreditkonditionen entscheidet oder für seinen Arbeitgeber Lieferbedingungen verhandelt.
Hinter derartigen Einladungen muss keine Bestechungsabsicht stecken. Doch über die Motive des Gastgebers braucht man nicht zu spekulieren, auf sie kommt es nicht an. Es geht allein um den Anschein. Die Testfrage lautet: Könnte die Annahme einer Einladung bei einem außenstehenden Dritten den Eindruck erwecken, der Gast habe sich in seinem Urteil beeinflussen lassen? Fast bei jeder aufwändigen Reise heißt die Antwort "Ja". Deswegen sollten Amtsträger solche Einladungen entweder absagen oder selbst zahlen.
Christoph Keese ist Chefredakteur der Financial Times Deutschland