Gastkommentar: Die Ärzteschaft vergreist - DER SPIEGEL
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Gastkommentar Die Ärzteschaft vergreist

Auf die Anhänger eines starken Sozialstaats, der möglichst viel zentral steuert und verwaltet, wartet eine böse Überraschung. Bald wird die Bundesrepublik unter den Folgen eines gravierenden Ärztemangels zu leiden haben.
Von Christoph Keese
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon heute kann die Hälfte der Krankenhäuser in den alten Ländern offene Stellen nicht besetzen, im Osten sind es vier von fünf Häusern. Dem Gesundheitssystem droht der Kollaps durch Personalmangel. Rund ein Drittel der Kliniken plant die Einführung von Wartelisten für Patienten - Gesundheit wird zur Geduldsprobe. Nach Berechnungen der Bundesärztekammer sind derzeit 4800 Arztstellen vakant. In den nächsten fünf Jahren werden fast 30.000 neue Ärzte gebraucht, bis 2013 sind es sogar 62.000. Niemand weiß, wo der Nachwuchs herkommen soll. Junge Medizinabsolventen meiden die unterbezahlten Jobs in Krankenhäusern, wo sie 30-Stunden-Schichten schieben müssen und weit weniger verdienen als ihre Ex-Kommilitonen aus den BWL- oder Ingenieurs-Fakultäten.

Auch das Niederlassen ist unpopulär geworden. Ständig wechselnde Regeln und neue Gesundheitsreformen machen den Betrieb einer Praxis zum Hasardeurspiel. Teure Apparate zu kaufen und Mitarbeiter einzustellen ist wirtschaftlich riskant, weil die Umsätze unkalkulierbar sind.

Ärzte aus dem Ausland können die Nachwuchslücke nicht schließen. So viele Deutsch sprechende Fachleute mit Wechselwunsch gibt es nicht. Außerdem wäre es unmoralisch, massenhaft Mediziner aus den ärmeren Ländern Ost- und Südeuropas abzuwerben und damit das dortige Gesundheitssystem zu schwächen. Weil Nachschub fehlt, nimmt die Zahl der niedergelassenen Ärzte ständig ab. Berufsgruppen wie Haus-, Augen-, Kinder- und HNO-Ärzte schrumpfen seit Jahren. Besonders drastisch verläuft die Entwicklung in den neuen Bundesländern.

Demografische Katastrophe

Gleichzeitig nimmt das Durchschnittsalter der Ärzteschaft zu. Über 50 Jahre ist es inzwischen bei den Vertragsärzten und über 40 bei den Krankenhausmedizinern. Jeder siebte Vertragsarzt ist älter als 60, im Osten ist es sogar jeder vierte. Nur noch 17 Prozent aller berufstätigen Ärzte sind jünger als 35 Jahre. Die Vergreisung der Gesellschaft beginnt mit den Heilberufen - ein unübersehbares Zeichen für die demografische Katastrophe, auf die Deutschland zusteuert.

Nun sind Nachwuchskrisen in keiner Branche etwas Ungewöhnliches. Der übliche Schweinezyklus führt automatisch zu Phasen der Über- und Unterversorgung. In Perioden des Personalmangels erscheint ein Beruf vielen Schulabgängern attraktiv, weil er gute Chancen bietet, lockt damit aber mehr Menschen an, als er ein paar Jahre später aufnehmen kann. Sobald Absolventen auf der Straße stehen, meiden junge Leute die Ausbildung und wenden sich anderen Branchen zu.

Auf dem Markt für Ingenieure sorgt der Schweinezyklus schon seit Beginn der Industrialisierung für ein ständiges Auf und Ab. Klug denkende Arbeitgeber steuern dagegen und bauen ihr eigenes antizyklisches Ausbildungsprogramm auf, und clevere Berufsanfänger gehen darauf ein. Damit konnte die Technikerzunft allzu große Ausreißer in beide Richtungen vermeiden. Der freie Markt erzeugt den Zyklus, aber er belohnt gleichzeitig antizyklisches Verhalten und dämpft damit die Folgen seines eigenen Versagens.

Komplett regulierter Markt

Ganz anders verläuft der Schweinezyklus auf dem hoch regulierten Markt für Mediziner. Der heutige Ärztemangel ist ein Lehrbeispiel dafür, dass zentrale Verwaltung nicht in der Lage ist, Engpässe rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Alle Stufen der Gesundheitsausbildung unterstehen staatlicher oder berufsständiger Kontrolle: Die Länder legen die Zahl der Studienplätze fest, allerdings weniger nach der Markt- als nach ihrer eigenen Haushaltslage. Verteilt werden drei Viertel der Plätze von der Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS), rund ein Viertel der Bewerber dürfen die Universitäten selbst auswählen. Nach dem Studium landen die Mediziner in einem streng abgezirkelten System aus Stellen- und Bedarfsplänen, das fast jeden Aspekt der Berufsausübung akribisch reguliert.

Wie kann ein derart planwirtschaftliches Verfahren einen solchen Mangel produzieren? Warum hat die ZVS nicht vor Jahren reagiert und mehr Medizinstudenten zugelassen? Interessenten gibt es genug, noch immer kommen auf jeden Studienplatz mehr als drei Bewerber. Warum hat die Politik nichts unternommen, als deutlich wurde, dass viele Absolventen vor dem Arztberuf flüchten und Jobs in Industrie und Forschung vorziehen? Sehenden Auges sind die Zentralverwalter in einen Schweinezyklus hineingelaufen, wie er auf einem freien Markt so aggressiv fast nie vorkommt.

Die Planwirtschaftler in ZVS, Bildungsministerien und Gesundheitsverwaltung haben es geschafft, dass Krankenhäuser Wartelisten einführen müssen, während nahezu alle anderen Leistungen der Volkswirtschaft in ausreichender Menge und Qualität zur Verfügung stehen.

Am Ende lässt sich der Markt durch Plansysteme nicht überlisten. Die jungen Ärzte stimmen mit den Füßen ab; sie wollen sich nach einem Jahrzehnt der Ausbildung nicht zu Billiglöhnen ausbeuten lassen. Zurückgewinnen kann man sie nur mit fairen Konditionen. Das wird teurer als bisher und kostet Geld, das die Krankenkassen nicht haben. Angebot und Nachfrage finden zum diktierten Preis nicht mehr zusammen, das Plansystem implodiert. Einen leichten Ausweg gibt es nicht - aber egal, was die Planwirtschaftler des Gesundheitssystems sich ausdenken, sie müssen auf den Marktdruck des flüchtenden Medizinernachwuchses reagieren.

Christoph Keese ist Chefredakteur der Financial Times Deutschland 

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