Gastkommentar: Keine Rente ist mehr sicher - DER SPIEGEL
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Gastkommentar Keine Rente ist mehr sicher

Das Entsetzen über die Kündigung der Betriebsrenten bei der Commerzbank entbehrt nicht der Grundlage. Die Angleichung deutscher Bilanzregeln an angelsächsische Standards wird weitere Konzerne dazu zwingen, die betriebliche Altersvorsorge für ihre Mitarbeiter einzuschränken.
Von Christoph Keese
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Helle Aufregung hat die Ankündigung von Commerzbank   und Gerling ausgelöst, die Betriebsrenten zu kündigen und auf dem heutigen Stand einzufrieren. Mit schriller Empörung reagierten Politik und Boulevardpresse, aber auch besonnene Manager aus anderen Unternehmen schüttelten den Kopf über die Art und Weise, wie die beiden Konzerne ihre Entscheidung kundtaten. Richtig unappetitlich ist die Tatsache, dass sich die Commerzbank-Chefetage selbst von der Sparaktion ausnimmt.

Glaubwürdige Führungskräfte gehen voran, wenn es brenzlig wird, und verstecken sich nicht in der Etappe. Der Commerzbank-Vorstand hätte zuerst bei den eigenen Renten kürzen müssen. Wenn das juristisch schwierig sein sollte, hätten alle Bezugsberechtigten, auch ehemalige Topmanager, eine Verzichtserklärung abgeben sollen, bevor sie der Belegschaft die Altersversorgung kappen.

Pikant ist die Aktion auch bei Gerling. Ausgerechnet eine Versicherung streicht die Altersversicherung ihrer Mitarbeiter. Das wirkt so, als würde DaimlerChrysler   seine Belegschaft auffordern, künftig nur noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.

Laxe deutsche Bilanzregeln

Doch so verkorkst die Kommunikationsstrategie auch gewesen ist, so unvermeidlich war der Schnitt als solcher. Andere Unternehmen werden vermutlich folgen, weil sie gar nicht anders können. Der internationale Kapitalmarkt lässt ihnen keine Wahl. Am Werk ist hier nicht ein teuflischer globaler Kapitalismus, sondern gesunder Menschenverstand.

Seit Jahr und Tag setzt das deutsche Bilanzrecht die Verpflichtungen für Pensionszahlungen zu niedrig an. Zwar gelten Verpflichtungen aus der Betriebsrente seit Mitte der 80er Jahre als Verbindlichkeiten, haben also den gleichen Stellenwert wie Schulden gegenüber Dritten. Mit dieser Reform hatte Deutschland damals zu den angelsächsischen Standards aufgeschlossen. Doch nach wie vor sind die hiesigen Bewertungsregeln zu lax.

In die Bilanz fließt der mit sechs Prozent abgezinste Barwert einer künftigen Zahlungspflicht ein. Den Prozentsatz schreibt das Steuergesetz vor. Das Problem dabei: Längst sind sechs Prozent mit dem arbeitenden Kapital der Betriebsrentenkasse nicht mehr verlässlich zu erwirtschaften. Gelingt es einem Konzern zum Beispiel, nur fünf Prozent Rendite aus dem investierten Kapital herauszuholen, klafft Jahr für Jahr eine Lücke von einem Prozentpunkt zwischen Bilanz und Wirklichkeit, was angesichts der langen Zeiträume und hohen Summe enorme Auswirkungen hat. Wesentlich konservativer geht der amerikanische Bilanzstandard US-GAAP vor, der als Satz für die Abzinsung und damit die Errechnung des Barwerts die jeweilige Rendite von Benchmark-Bonds wie etwa den 30-jährigen Staatsanleihen erfordert. Der Zinsfaktor wird dadurch flexibel und passt sich den tatsächlichen Bedingungen an. Außerdem verlangt US-GAAP, dass als Ausgangswert der Barwertrechnung die Gehaltssteigerungen berücksichtigt werden, die zwischen heute und dem Zahlungszeitpunkt in der Zukunft stattfinden. Wenn sich die Betriebsrente am letzten Einkommen des Pensionärs orientiert, würde es in die Irre führen, lediglich sein heutiges Gehalt als Maßstab anzusetzen.

Druck auf Anpassung

In Sachen Betriebsrente ist US-GAAP besser und fairer als der deutsche Standard; entsprechend viel Druck machen Investoren auf die Anpassung der Regeln. Würden deutsche Konzerne eine Reform verweigern, verlören sie das Vertrauen der Geldgeber und müssten einen höheren Risikoaufschlag für Kredite und Anleihen zahlen. Kommen sie den Forderungen aber nach, wird das Gewicht ihrer Betriebsrenten noch größer und zieht das Jahresergebnis noch weiter nach unten. Aus diesem Dilemma bleibt nur noch ein einziger Ausweg: das Einfrieren der Betriebsrente, zu dem sich Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller entschlossen hat.

Was bedeutet dieser Mechanismus für die Angestellten? Sie können sich schlicht auf gar nichts mehr verlassen. Vertrauen sie auf die gesetzliche Rente, verhungern sie im Alter oder leben von Sozialhilfe. Setzen sie auf Lebensversicherungen, müssen sie zusehen, wie die Garantieverzinsung ständig sinkt, weil die Versicherer das Geld nicht mehr gewinnbringend genug investieren können oder sich grandios mit Anlagen verheben. Aktien und Aktienfonds sind ein riskantes Trauerspiel. Im Kasino beim Roulette auf Rot zu setzen, bietet derzeit eine höhere Gewinnaussicht als der Kauf von Anteilsscheinen. Ähnlich frustrierend sind die Renditen von Anleihen. Allein Junkbonds bieten auf dem Papier eine anständige Verzinsung, nur leider verbunden mit dem Risiko des Totalausfalls.

Wer in der Vergangenheit auf Staat, Versicherungen oder Arbeitgeber gesetzt hat, wird bitter enttäuscht. Zwingende Schlussfolgerung ist, dass man nur noch sich selbst vertrauen kann. Das bedeutet: Möglichst viel Gehalt herausverhandeln und das Geld in Eigenregie so sicher wie möglich anlegen. Dabei hilft der Vergleich von Preisen. So bieten die meisten Großbanken nur rund 0,5 Prozent Zinsen für Guthaben auf dem Girokonto an. Wer viel mehr als 1,5 Prozent für das Sparbuch oder Festgeld bekommt, hat schon Glück. Einige Direktbanken bieten immerhin 2,5 Prozent ab dem ersten Euro bei täglicher Kündbarkeit. Mangels Alternative könnte das schon bald der beste Weg der Alterssicherung sein.

Christoph Keese ist Chefredakteur der Financial Times Deutschland