Gastkommentar: Trübe Aussichten für Germanien - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Gastkommentar Trübe Aussichten für Germanien

Der jüngste Bericht des Währungsfonds zeigt, wie wenig die deutschen Reformen bisher gebracht haben.
Von Christoph Keese
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Ende zählt, was hinten herauskommt. Man kann Kanzler Gerhard Schröder Respekt zollen für den Mut, die SPD zur Agenda 2010 zu überreden - gegen den Widerstand all derer, die jetzt schon wieder in offenen Briefen aufbegehren, und gegen den Protest der vielen Genossen, die in den vergangenen Monaten aus der Partei ausgetreten sind. Man kann Schröder auch Glück wünschen bei dem Versuch, sein Reformpaket durch den Bundesrat zu bringen. Unter dem Strich aber ist all das, was er jetzt unter Schmerzen auf den Weg gebracht hat, noch immer zu wenig. Die Volkswirtschaft ächzt unter so vielen Lasten - Wiedervereinigung, kranke Sozialsysteme, hohe Staatsquote, Überregulierung, kurze Arbeitszeiten -, dass es radikalere Reformen bräuchte, um die Rezession zu überwinden.

Einen eindrucksvollen Beleg für diese These lieferte jetzt der Internationale Währungsfonds (IWF) mit seinem jüngsten "World Economic Outlook". Der Bericht erscheint zweimal im Jahr - im April und September - und bewertet die wirtschaftlichen Aussichten aller Weltregionen. Jede Regierung setzt Aufpasser auf das Werk an, damit es ihre Politik nicht zu unfreundlich kommentiert. Auch Schröders Regierung hat Geschick darin bewiesen, vor der Veröffentlichung harsche Äußerungen der Ökonomen zu Gunsten diplomatischer Formulierungen zu vermeiden. Umso frustrierender ist, was selbst nach dem üblichen Weichspülen im neuen Bericht über Deutschland zu lesen steht.

Deutschland bremst Europa

"In den Industrieländern wird die Erholung von den Vereinigten Staaten ausgehen, wo trotz wachsender Arbeitslosigkeit und Überkapazitäten die hoffnungsvollsten Zeichen der Besserung zu erkennen sind und die meisten Anreize für einen Aufschwung gesetzt werden", schreibt der IWF. In Europa hingegen seien Lage und Aussicht enttäuschend, bedingt auch durch die Aufwertung des Euro, besonders aber durch die "dauerhaften Schwierigkeiten in Deutschland, welche die ganze Region negativ beeinflussen". Die deutsche Volkswirtschaft bleibe im dritten Jahr in Folge kraftlos, "schwächt die ohnehin angegriffene Euro-Zone und bedroht damit deren Aussichten auf Erholung".

Härter kann es eine internationale Organisation kaum ausdrücken. Wir Deutschen treiben nicht nur uns selbst ins Unglück, sondern die ganze Euro-Zone gleich mit. 82 Millionen Bürger der Bundesrepublik stellen eine solche Wirtschaftsmacht dar, dass sie Europa im Guten wie im Schlechten dominieren.

Da Frankreich wegen eigener Schwierigkeiten als Gegengewicht ausfällt, stecken in diesen beiden Ländern insgesamt 142 Millionen Menschen in einer strukturbedingten Formschwäche, bremsen alle ihre Nachbarn aus, unternehmen aus Bequemlichkeit jedoch kaum Anstrengungen, um den Missstand zu beheben. Das Investitionsprogramm, das Schröder und Frankreichs Präsident Jacques Chirac vergangene Woche angekündigt haben, kann jedenfalls nicht die Lösung sein. Kein Aufschwung kommt, bloß weil Regierungen Milliarden, die sie eigentlich nicht haben, in Hightech-Projekte pumpen, ansonsten aber dem Kollaps ihrer Sozialsysteme, Staatsfinanzen und Volkswirtschaften mehr oder minder tatenlos zusehen. Ja, Schröder schiebt Reformen an, aber nein, sie sind nicht genug, kommen zu spät und dauern zu lange.

Wohin das führt, zeigen die Wachstumsprognosen des IWF. Laut "World Economic Outlook" wird die deutsche Wirtschaft nächstes Jahr mit 1,5 Prozent wachsen - immer noch ein optimistischer Wert. Das sind 0,4 Prozentpunkte weniger, als der IWF noch im April für 2004 prognostizierte. Die Aussichten haben sich somit weiter verschlechtert. Großbritannien wird - nach gleichem Maßstab gerechnet - 2,4 Prozent erreichen, Kanada 3,0 Prozent und die USA 3,9 Prozent.

Wem bei diesen Zahlen nicht schwindelig wird, der mache folgendes Gedankenexperiment: Was geschieht, wenn das deutsche Wachstum während der nächsten 20 Jahre um diese Dimension unter dem amerikanischen bleibt? Ein Jahr lang wäre ein Ausreißer nicht schlimm, aber über eine Reihe von Jahren entfalten solche Wachstumslücken enorme Wirkung. Nach der Zinseszinsformel multipliziert sich der Abstand in 20 Jahren zu 60 Prozent auf. Sprich: Die US-Wirtschaft ist heute fünfmal so groß wie die deutsche. In 20 Jahren wäre sie achtmal so groß. 1990 betrug der Faktor noch 3,7. In etwas mehr als 30 Jahren hätten die USA ihre Bedeutung gegenüber Deutschland mehr als verdoppelt.

Wachstumslücke gegenüber den USA

Nun werden die USA nicht im Schnitt der nächsten Jahrzehnte mit 3,9 Prozent wachsen. Angenommen, sie halten ihren langfristigen Durchschnitt von 2,1 Prozent pro Jahr und Deutschland bleibt bei 1,5 Prozent. Dann würde die US-Wirtschaft bis zum Jahr 2023 immerhin um zwölf Prozent größer - die Schere geht immer weiter auseinander, Deutschland verliert an Bedeutung.

Die meisten Deutschen und ihre Bundesregierung scheint diese Aussicht nicht zu schrecken. Sollen die Amerikaner, Spanier, Iren, Koreaner und Kanadier doch an uns vorbeiziehen, denken viele, uns geht es doch gut. Größer aber kann ein Irrtum kaum sein: Wenn die Wirtschaft eines Landes relative Bedeutung verliert, folgt sehr oft auch ein Abstieg nach absoluten Maßstäben. Erst wenn die Deutschen das einsehen und den jüngsten Bericht des Währungsfonds als eine ernste Warnung verstehen, werden sie sich aus der Bequemlichkeit aufraffen und die Reformen umsetzen, die so dringend nötig sind.


Christoph Keese ist Chefredakteur der Financial Times Deutschland 

Mehr lesen über