Gastkommentar: Wir müssen produktiver werden - DER SPIEGEL
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Gastkommentar Wir müssen produktiver werden

Runden beim Kanzler schaffen keine Arbeit. Gebraucht wird eine Politik für Wachstum und Innovation.
Von Christoph Keese
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Was bringen runde Tische wie der am Montag im Kanzleramt? Vereinbaren Arbeitgeber und Gewerkschaften dabei etwas Sinnvolles? Oder wäre es besser, solche Moderationsversuche zu lassen? Horst Siebert, scheidender Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, hat auf einem Bertelsmann-Symposium jüngst folgenden Satz geprägt: "Wir brauchen ein Bündnis für Arbeit so wenig wie ein Bündnis für Brot. Brot ist eines der wichtigsten Güter, und wir haben auch ohne Bündnis genug davon. So könnte es mit der Arbeit sein: Ohne Bündnisse hätten wir mehr."

Siebert hat Recht. Dass die Kanzlerrunde mehr Jobs schafft, glauben wohl nicht einmal die Teilnehmer. Sie machen aus einem Gefühl der Hilflosigkeit mit. Es soll eben nichts unversucht bleiben. Besonders die Politik flüchtet gerne an runde Tische, um gegen ihr Ohnmachtsgefühl anzukämpfen: Einerseits muss sie die autonomen Tarifparteien gewähren lassen, andererseits haftet sie politisch für das Ergebnis - die Wähler üben Rache für hohe Arbeitslosigkeit nicht an BDI und DGB, sondern am Kanzler. Da klingt es verlockend, Arbeitgeber und Gewerkschaften vorzuladen und an ihren Altruismus zu appellieren.

Egoismus ist jedoch nicht das Problem. Beide Parteien sollen sogar egoistisch sein. So wie Sieberts Bäcker, der genügend Brot aus purem Eigennutz backt. Gemeinwohl ist das Ergebnis, nicht das Ziel seiner Arbeit. Die Politik sollte das akzeptieren und stattdessen ihre eigentliche Aufgabe lösen: mit möglichst wenigen Eingriffen die faire Begegnung von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt ermöglichen. Und alle Voraussetzungen für Wachstum schaffen, damit Produktion, Löhne und Wohlstand zunehmen.

Stockendes Wachstum

Besonders beim Wachstum hapert es. Bislang hofft die Regierung auf eine Belebung der Weltwirtschaft. Die Impulse sollen von außen kommen. Dabei könnte sie selber viel tun, um Wachstumskräfte im Inneren zu fördern. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Produktivität. "Nachhaltiges Wirtschaftswachstum ist ohne eine Steigerung der Produktivität nicht möglich", schreibt das McKinsey Global Institute in einer Studie zur Wachstumsschwäche in Deutschland und Frankreich. Das Bruttoinlandsprodukt wird durch zwei Faktoren getrieben: den Arbeitseinsatz und die Arbeitsproduktivität. Bei beiden fällt Deutschland im internationalen Vergleich zurück.

Die Arbeitszeiten sind kürzer als anderswo, und der Anteil der Menschen, die am Erwerbsleben teilnehmen, sinkt. Selbst wenn die Politik diesen Trend aufhalten könnte, hätte sie noch kein nachhaltiges Wachstum geschaffen. Denn eine Steigerung des Arbeitseinsatzes kann nicht beliebig oft wiederholt werden, irgendwann sind absolute Grenzen erreicht. Nur das ständige Erhöhen der Produktivität - des zweiten Faktors in der Gleichung - produziert dauerhaftes Wachstum und damit Wohlstand und Arbeit.

Aus der Binnensicht glauben die meisten Deutschen, dass sie Produktivitäts-Weltmeister sind. Doch der Schein trügt. Zwar arbeiten viele Menschen hart, doch harte Arbeit ist kein Beweis für Produktivität. In der DDR zum Beispiel führte tatkräftiger Einsatz nicht zu kollektivem Wohlstand. "Die Anstrengung ging zu einem großen Teil in Reibung auf", hat Angela Merkel das formuliert. Nach der offiziellen Statistik liegt die Arbeitsproduktivität in Deutschland sechs Prozent unter derjenigen der USA. Gemeint ist das Verhältnis zwischen Bruttoinlandsprodukt und geleisteten Arbeitsstunden. Allerdings trügen diese Zahlen wegen wichtiger Unterschiede zwischen beiden Ländern. Nach der McKinsey-Studie beträgt die wahre Produktivitätslücke 15 Prozent.

Wenn diese Interpretation stimmt, hat Deutschland ein massives Problem. Mit jeder Stunde, die ein Deutscher arbeitet, schafft er im Durchschnitt 15 Prozent weniger Mehrwert als ein Amerikaner. Da die Deutschen auch noch weniger Stunden arbeiten, klafft eine ständig größer werdende Wohlstandslücke zwischen beiden Ländern. Weil das Problem jahrzehntelang ignoriert wurde, sind die Zahlen inzwischen dramatisch.

Amerikaner um ein Drittel wohlhabender

Laut Statistik der Weltbank betrug das Bruttonationaleinkommen pro Kopf nach Kaufkraftparitäten im Jahr 2001 für Deutschland 25.530 $ und für die USA 34.870 $. Anders ausgedrückt: In Amerika lag die Pro-Kopf-Produktion um ein Drittel höher. 1990 war die Wirtschaft der USA noch 3,7-mal so groß wie die deutsche. Jetzt ist sie fünfmal so groß, und der Abstand wächst weiter. Deutschland glaubt, es sei ein reiches Land. In Wahrheit sind die Amerikaner, denen wir so leichtfertig unfaire Vermögensverteilung vorwerfen, um ein Drittel reicher als wir. Hauptgrund ist ihre höhere Produktivität.

Nichts steigert die Produktivität so gut wie Innovation. Je schneller eine Volkswirtschaft neue Technik einführt und je klüger der Staat den Prozess reguliert, desto höher der Wohlstand. Die Politik wird mit runden Tischen keine Arbeitsplätze schaffen. Das gelingt ihr nur, wenn sie ihren Fokus auf Produktivität und Innovation legt. Sie muss ein Klima schaffen, in dem Erfindungen schnell Marktreife erlangen, zügig eingeführt werden und breite gesellschaftliche Zustimmung finden. Wie das gelingen kann, wird Thema dieser Kolumne am nächsten Montag sein.

Christoph Keese ist Chefredakteur der Financial Times Deutschland