Gebot der Stunde - DER SPIEGEL
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VOLKSWAGEN Gebot der Stunde

Betriebsräte und Gewerkschafter im VW-Aufsichtsrat haben die Freude an einem Topmanager verloren, den sie einst selbst nach Wolfsburg holten.
• aus DER SPIEGEL 44/1977
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Auf einer Betriebsversammlung im VW-Werk Salzgitter zog es einen der Betriebsräte überraschend ans Mikrophon. Er schob den verdutzten Redner, VW-Personal-Vorstand Peter Frerk, kurzerhand zur Seite und verkündete bündig: »Kollegen, es darf gelacht werden."Brav, ohne ein Wort der Widerrede, fuhr Frerk fort, seine vorbereitete Rede abzulesen.

Wenig später, am Rande der Internationalen Automobil-Ausstellung, lästerte Siegfried Ehlers, VW-Betriebsratsvorsitzender in Wolfsburg, vor Kollegen unverhohlen abfällig über einen Weichling im VW-Vorstand. Gemeint war Peter Frerk, 47.

Der Brüskierte und Verhöhnte steckt das alles wortlos weg: Frerk, gelernter Jurist und gedienter Sozialdemokrat, hat in den Jahren, die seiner Wolfsburger Karriere vorangingen, geduldiges Zuwarten gelernt. Er diente einige Jahre im Nahrungsmittel-Unternehmen Maizena als Vorstandsassistent und stieg schließlich im SPD-regierten Hannover zum Sozialdezernenten auf.

Parteifreunde und Kollegen aus der IG Metall waren es auch, die ihn 1971 nach Wolfsburg beförderten -- als ihren Vertrauten im Vorstand des vom Bund und Land Niedersachsen beherrschten Unternehmens.

Gegen den erbitterten Widerstand des damaligen Generaldirektors Kurt Lotz und des VW-Aufsichtsratschefs Josef Rust setzten die VW-Aufsichtsräte aus Bonn und dem damals noch sozialdemokratisch regierten Niedersachsen sowie der damalige IG-Metall-Chef Otto Brenner und die sechs anderen Arbeitnehmer-Gesandten im VW-Aufsichtsrat den Kandidaten Frerk als Personalchef durch. Als Lotz demissionieren mußte, diente ihm die Berufung Frerks als passender Vorwand.

Ganz in Lotzens Sinne wetterte der Berufsaktionär Kurt Fiebich später auf der VW-Hauptversammlung: »Das ist die Machtergreifung durch die SPD und die Gewerkschaften.«

Dem Krach beim Amtsantritt ließ Frerk eine geräuschlose Dienstzeit folgen. Er arrangierte sich mit Lotz-Nachfolger Leiding ebenso wie mit dessen Nachfolger Toni Schmücker.

Nach dem Geschmack mancher Gewerkschafter und Betriebsräte diente er seinen wechselnden Chefs allzu geräuschlos: Frerk akzeptierte die hektische Personalpolitik Leiding« der in wenigen Monaten ein paar tausend Bandarbeiter anheuerte und dann wieder feuerte. Und er zog auch bei Schmücker mit, als der neue VW-Chef im anlaufenden Autoboom verkündete, »das Gebot der Stunde« seien Überstunden und Sonderschichten der geschrumpften Belegschaft, Neueinstellungen kämen nicht in Frage.

In Auftreten, Aufmachung und Tonart mißfällt Frerk den VW-Betriebsräten ohnehin gründlich, und das schon seit Jahren. Der Sozialdezernent aus Hannover nämlich hat sich bei VW zum fachkundigen Manager entwickelt, der durch akademische Art und gute Manieren besticht.

Doch erst in diesem Sommer wurde es ernst für Frerk. Das neue Bonner Mitbestimmungsgesetz zwang auch die Wolfsburger zum Umbau ihres Aufsichtsrates: Seitdem sitzen im höchsten Gremium des Konzerns zehn Vertretern der Kapitalseite zehn Gesandte aus Gewerkschaft und Belegschaft gegenüber.

Das neue Gesetz schreibt überdies vor, daß der nun »Arbeitsdirektor« genannte Personalchef des Vertrauens der Arbeitnehmer sicher sein muß. »Arbeitsdirektor im Sinne des MitbestG«, so der Gesetzeskommentar Fitting-Wlotzke-Wißmann, ist aber nur jener, der vom mitbestimmten Aufsichtsrat als »Arbeitsdirektor« bestellt wird. Folge: Der VW-Rat muß den Personalvorstand Frerk ausdrücklich als Arbeitsdirektor bestätigen.

Genau an dieser Vorschrift wollen die Betriebsräte ansetzen. Sie fordern, die Vertrauensfrage schon auf die Tagesordnung der nächsten AR-Sitzung am 9. November zu setzen. Das Ergebnis ist vorprogrammiert: Die Arbeitnehmerseite will gegen Frerk votieren.

Die Frerk-Gegner sind um so entschlossener, als Vermittlungsversuche des Brenner-Nachfolgers Eugen Loderer schon vor Monaten scheiterten. Als Loderer bei der anstehenden Vertragsverlängerung für den Personalvorstand VW-Chef Toni Schmücker bat, die Entscheidung bis zur Wahl des neuen Aufsichtsrates zu vertagen, lehnte Schmücker ab: Er bestätigte Frerk für weitere vier Jahre.

Loderer blieb dennoch aktiv. Vertraulich fragten Mitarbeiter aus der IG-Metall-Zentrale etwa bei dem Krupp-Arbeitsdirektor Karl-Heinz Briam an, ob er sich für Frerks Job interessiere. Briam interessierte sich nicht.

Die Auseinandersetzung zwischen Schmücker und Loderer entschärfte sich, als vor einigen Wochen ein Vorstandsmitglied freiwillig auszuscheiden versprach. Horst Backsmann, der das Ressort Presse, Rechtswesen und Revision leitet, stellte seinen Posten zur Disposition. Der Jurist wird im September nächsten Jahres nach Frankfurt in das Präsidium des Verbandes der Automobilindustrie fortgelobt.

Gut für Frerk. Er soll nun in das Backsmann-Ressort, allerdings ohne den Bereich Öffentlichkeitsarbeit, einsteigen: VW-Chef Schmücker will die Pressearbeit in eigene Regie übernehmen.

Als Favorit der Betriebsräte für das mit fast 400 000 Mark Jahresgehalt dotierte Personal-Ressort gilt der Loderer-Referent Albert Schunk, der schon im Sommer mit einem Sitz im Volkswagen-Aufsichtsrat bedacht wurde. Der Mittdreißiger Schunk gehört zu den Vorsichtigen in der IG Metall: Von Investitionssenkung etwa hält er nichts.

Zumindest im Spaß hat auch Toni Schmücker den Frankfurter Funktionär längst akzeptiert. Bei Münchner Bier frotzelte Schmücker mit IG-Metallern: »Also gut, dann nehmt ihr meinen Frerk und ich euren Schunk.«

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