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TELEKOM Gebremster Optimismus

Zum ersten Mal seit Jahren könnte die Telekom ein Geschäftsjahr mit Gewinn abschließen - wenn sich Konzernchef Ricke gegen die Regulierungsbehörde durchsetzt.
• aus DER SPIEGEL 34/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Bilanz ist erstaunlich. Nicht einmal ein Jahr ist Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke im Amt, da präsentiert der 41-jährige Manager ein eindrucksvolles Zahlenwerk. Um mehr als elf Milliarden Euro hat Ricke die Schulden der Deutschen Telekom gedrückt. Von der Rekordsumme in Höhe von 64,5 Milliarden Euro, die ihm sein Vorgänger Ron Sommer bei seinem Abgang Mitte vergangenen Jahres hinterließ, blieben nur noch 53 Milliarden übrig.

Beim Umsatz und Gewinn konnte Ricke kräftig zulegen. Alle Sparten schreiben schwarze Zahlen. Zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 könnte die Telekom AG eine Bilanz wieder mit einem Netto-Gewinn abschließen. Mit ein bisschen Glück könnte Ricke Ende 2003 sogar die magische Grenze von 50 Milliarden Euro Schulden knacken.

Solch radikalen Wandel hatte dem Konzern kaum jemand zugetraut. Entsprechend positiv fielen die Analysten-Bewertungen aus. Kaum eine Bank, die den Kurs der Telekom nicht lobte. Dennoch hielt sich Rickes Begeisterung in Grenzen, als er vergangene Woche die Zahlen für das erste Halbjahr bekannt gab. Kein Jubel, kein selbstgefälliges Schulterklopfen, selbst mit positiven Zukunftsprognosen hielten sich Ricke und seine Kollegen auffallend zurück.

Nicht nur die unsicheren Konjunkturaussichten bremsen den Optimismus. Hinter dem positiven Zahlenwerk, verrät ein enger Berater des Telekom-Chefs, »lauern erhebliche Risiken für Umsatz und Gewinn des Unternehmens«. Es geht um die Zukunft der Festnetztochter T-Com - und damit um den mit Abstand größten Umsatzträger des Ex-Monopolisten.

Über dessen nach wie vor starke Stellung auf dem Telefonmarkt und besonders im Ortsnetz ärgert sich Matthias Kurth, der Präsident der Bonner Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP), seit langem. Er will deshalb mit einem Bündel harter Maßnahmen und Verordnungen dem schwachen Wettbewerb auf den Telefonmärkten verschärfen.

Neben dem im April eingeführten Call-by-call im Ortsnetz will Kurth den Wettbewerbern künftig erlauben, alle Telekom-Produkte, wie beispielsweise analoge Telefonanschlüsse oder den superschnellen Breitbandzugang DSL, auch in ihren Läden und Internet-Shops zu verkaufen. Mit einem gravierenden Unterschied: Wo Telekom drin ist, könnte dann MobilCom, Arcor, sogar Aldi oder Tchibo draufstehen. Und damit sich das Ganze für die so genannten Reseller lohnt, sollen sie von der Telekom auch noch Preisnachlässe erhalten - von bis zu 20 Prozent.

Außerdem arbeitet die Behörde daran, so genannte Bündelprodukte der Telekom mit strengen Auflagen zu versehen oder ganz zu untersagen. Betroffen wären Sonderangebote wie »T-ISDN XXL": Hier räumt die Telekom ihren Kunden beim Kauf eines digitalen Telefonanschlusses für ein paar Euro Zusatzgebühr günstigere Gesprächstarife ein. Solche Pakete, klagen einige Billiganbieter, verschleierten die wahren Tarife und Gesprächskosten der Telekom. Auch die Regulierungsbehörde glaubt, durch strenge Auflagen oder Verbote dieser Kombi-Produkte den lahmenden Wettbewerb auf Trab bringen zu können.

Für den Ex-Monopolisten kommt der Plan der Bonner Beamten zur Unzeit. Ricke hat den Konzern nach seinem Amtsantritt auf einen drastischen Sparkurs eingeschworen. Die Profitabilität fast aller Sparten wurde gesteigert, die Kürzung der Milliardeninvestitionen zeigt Wirkung in der Bilanz. Selbst die nach dem Abgang Sommers desolate Motivation vieler Mitarbeiter konnte Ricke verbessern. Die harten Anordnungen der Regulierungsbehörde, fürchtet Ricke, könnten diese ersten Erfolge jedoch ins Gegenteil verkehren.

Schon durch die Einführung von Callby-call im Ortsnetz verlor T-Com rund zehn Prozent Marktanteil. »Sollten die beiden anderen Maßnahmen ebenfalls umgesetzt werden«, sagt T-Com-Marketing-Vorstand Achim Berg, »ist ein sinnvolles Arbeiten kaum noch möglich.«

Warum, fragt Berg, sollte die Telekom noch in die Entwicklung neuer Produkte investieren, wenn Wettbewerber sie ohne Risiko zeitgleich und sogar noch preiswerter auf den Markt bringen können? Und wie soll sich das Unternehmen von Billiganbietern unterscheiden, wenn demnächst kundenfreundliche Bündelangebote nicht mehr erlaubt sein sollten? Nur mit Werbeaktivitäten, wie dem Sponsorvertrag mit Bayern München, wird das nicht zu schaffen sein.

Für Ricke und seine Manager sind Kurths Ideen eine Horrorvision. Und so kämpft der Telekom-Chef hinter den Kulissen verbissen gegen die neuen Vorschriften. Vermittlungsversuche des Wirtschaftsministeriums über eine von der Telekom angedrohte Klage gegen die Regulierer lehnte Ricke vergangene Woche nach Telefonaten mit Staatssekretär Alfred Tacke ab. Gleichzeitig ließ die Telekom Finanzminister Hans Eichel wissen, dass die für 2004 in Aussicht gestellte Dividende für den Bund und alle anderen T-Aktionäre maßgeblich davon abhänge, wie die Spielregeln auf dem Telefonmarkt ausgestaltet würden.

»Mit dem Aufbau eines nachhaltigen Wettbewerbs, der Investitionen in Infrastruktur fördert«, schimpft Ex-Telekom-Vorstand Gerd Tenzer, der das Unternehmen seit einigen Monaten in solchen Fragen berät, »haben die hektischen Anordnungen der Regulierungsbehörde nichts mehr zu tun.« Es fehle ein klarer politischer Kurs und ein Konzept, wie der für Deutschland so wichtige Milliardenmarkt in Zukunft aussehen solle.

Mit ihrer Kritik an der Regulierungsbehörde steht die Telekom zum ersten Mal nicht allein da - auch zahlreiche private Konkurrenten, die eigentlich Nutznießer der neuen Verordnungen sein sollen, laufen Sturm gegen Kurth und seine Beamten. Rund sechs Milliarden Euro haben beispielsweise City-Netz-Betreiber wie Hanse-Net, Isis oder Net-Cologne in den vergangenen Jahren in den Aufbau eigener Netze und Telefonstrippen gesteckt. Nun fürchten die Ortsnetz-Spezialisten um ihre Investitionen.

»Die Zulassung des Resales«, klagt Udo Pauck, Präsident des Verbands der City-Netz-Betreiber, »wird dazu führen, dass jeder Billiganbieter mit ein paar Mann Personal demnächst Ortsanschlüsse der Telekom verkaufen kann.« Damit werde den City-Netz-Betreibern die Geschäftsgrundlage entzogen. Weitere Verluste oder gar Pleiten bei den ohnehin schwächelnden Telekom-Konkurrenten seien dann nicht mehr auszuschließen.

Auch Telekom-Konkurrent Arcor zeigt sich »verwundert« über die Verordnungen der RegTP. Den Schlüssel, nachhaltigen Wettbewerb mit entsprechenden Investitionen in Infrastruktur zu fördern, so Arcor-Chef Harald Stöber, habe die Behörde schließlich seit Jahren in der Hand.

Per Gesetz ist die Telekom nämlich verpflichtet, auch die einfachen Telefonleitungen an Wettbewerber zu vermieten. Auf diesen Leitungen können Konkurrenten ihren Kunden - unabhängig von der Telekom - eigene Dienste und Tarife anbieten. Vorausgesetzt, sie investieren in die notwendige Technik wie Ortsvermittlungsstellen, Rechnungswesen und in geschultes Personal. Doch ausgerechnet die Preise für diese Leitungen, schimpft Stöber, hält die Regulierungsbehörde seit Jahren so hoch, dass sich Investitionen nur in Stadtgebieten mit zahlreichen Geschäftskunden und Vieltelefonierern lohnen.

Die Folgen dieser Politik, sagt Pauck, sind fatal. Unternehmen, die in Infrastruktur investiert haben, geraten unter Druck, Billiganbietern und branchenfremden Unternehmen dagegen öffnet die Regulierungsbehörde auf Kosten der Telekom neue lukrative Märkte.

Behördenchef Kurth lässt solche Kritik nicht gelten. Die geplanten Maßnahmen, sagt er, räumten alten und neuen Anbietern gleiche Chancen ein. Und auch die Verbraucher würden mittelfristig profitieren - von einem breiteren Angebot und weiter sinkenden Telefontarifen.

Vorerst wohl nicht. Als Reaktion auf Kurths Pläne haben vier große Stadtnetz-Betreiber, darunter Versatel und NetCologne, vor wenigen Tagen bei der Regulierungsbehörde einen Antrag eingereicht, der sogar eine drastische Verteuerung der Gesprächsminuten nach sich ziehen könnte. Telefonate in ihr Netz, so der Antrag, sollen für andere Betreiber demnächst deutlich teurer werden - um bis zu 1700 Prozent. FRANK DOHMEN

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